5G gilt als das Allheilmittel für alles: Schnelles Internet, autonomes Fahren und das Internet der Dinge. Doch auch Fernsehen könnte künftig ein Bestandteil von 5G sein. Mit 5G Broadcast lassen sich Medieninhalte als ein Signal an viele Empfänger gleichzeitig verteilen. So könnte das TV-Programm auf Smartphone und Tablet kommen, ohne die Mobilfunknetze mit vielen parallelen Einzelstreams zu belasten. In Verbindung mit einem Rückkanal über das Mobilfunknetz wären auch interaktive Funktionen denkbar.
Großer Testbetrieb in Bayern
Eines der größten Forschungsprojekte auf diesem Gebiet war „5G TODAY“. Daran waren das Forschungszentrum IRT, der Antennenhersteller Kathrein, Rohde & Schwarz, der Bayerische Rundfunk und Telefónica Deutschland beteiligt. Das Projekt lief vom 1. Juli 2017 bis zum 29. Februar 2020. Offiziell in Betrieb ging das Testfeld im Mai 2019. Untersucht wurde die großflächige TV-Übertragung im Rundfunkmodus.
Technisch fußt das Thema auf eMBMS beziehungsweise FeMBMS. 3GPP schuf mit Release 14 im Jahr 2017 wichtige Grundlagen, um Fernsehdienste mit größerer Reichweite, Free-to-Air-Empfang und Nutzung ohne SIM-Karte zu unterstützen. In Release 16 wurde das Thema als „LTE-based 5G broadcast“ weiter beschrieben. Parallel hat 3GPP mit Release 17 auch Broadcast- und Multicast-Erweiterungen für das eigentliche 5G-System spezifiziert.
Wenige große Zellen statt viele kleine
Ein herkömmliches Mobilfunknetz arbeitet mit vielen vergleichsweise kleinen Funkzellen. Terrestrische TV-Sender wie bei DVB-T2 funktionieren anders: wenige große Standorte mit hoher Leistung decken große Flächen ab. Genau dieses High-Power-High-Tower-Prinzip wurde auch bei 5G TODAY getestet. Zum Einsatz kamen die Standorte Wendelstein und Ismaning. Telefónica stellte dafür 700-MHz-Frequenzen bereit. Laut Projektbeschreibung sendeten die beiden Standorte mit jeweils 100 Kilowatt Antennenleistung.
WDR testete zusammen mit Vodafone
Auch WDR und Vodafone haben gemeinsam erprobt, wie sich TV- und Mediatheken-Inhalte technisch über 5G verbreiten lassen. Das war ein Testprojekt aus dem Jahr 2019, kein laufendes Angebot. Ziel war es, lineare und abrufbare Inhalte ortsunabhängig in hoher Qualität auf mobile Geräte zu bringen. Vodafone wollte dafür ein 5G-Testsystem direkt an einer TV-Produktionsstätte aktivieren.
Der WDR übermittelte seine Inhalte über ein 5G-Testsystem, das Vodafone im Laufe des Projekts erstmals direkt bei einer TV-Produktionsstätte aktivieren wird. Die Empfangsmöglichkeit der TV- und Mediatheken-Inhalte soll im Laufe des Jahres – mit Hilfe entsprechender Software – auf einem sich noch in der Produktentwicklung befindenden Smartphone oder Tablet mit 5G-Unterstützung erprobt werden.
NDR-Test in Hamburg
In Hamburg nahmen NDR und Media Broadcast 2021 an den Senderstandorten Hamburg-Moorfleet und Heinrich-Hertz-Turm ein 5G-Broadcast-Sendernetz in Betrieb. Ausgestrahlt wurden Live- und Testinhalte auf Kanal 34 bei 578 MHz, erzeugt im Playout-Center des NDR in Hamburg-Lokstedt. Der Modellversuch war damals bis Ende 2023 angesetzt. Ganz beendet war das Thema damit aber nicht: Im März 2025 zeigten NDR und Media Broadcast 5G Broadcast am Hamburger Hauptbahnhof erneut in einem realen Nutzungsszenario.
Europaweiter 5G-Test
Auch über Deutschland hinaus wurde getestet. 2022 strahlten RAI in Turin, ORS/ORF in Wien, France Télévisions in Paris und SWR/ARD in Stuttgart das ESC-Finale parallel über 5G Broadcast aus. Zum Einsatz kamen Test-Smartphones von Qualcomm und Sendertechnik von Rohde & Schwarz. Weitere große Erprobungen folgten, etwa bei den Olympischen Spielen 2024 in Paris und den Winterspielen 2026 in Italien.
Lohnt sich Fernsehen auf dem Handy?
Lineares Fernsehen auf dem Handy bleibt ein Nischenthema. Trotzdem ist 5G Broadcast für Sender und Netzbetreiber interessant, weil es einen zusätzlichen Verbreitungsweg für mobile Live-Inhalte, Warnsysteme und massenhaft parallel genutzte Inhalte bieten kann. Für einen flächendeckenden Regelbetrieb in Deutschland gibt es aber weiterhin keinen fest etablierten Marktstandard und keinen breit ausgerollten kommerziellen Dienst. Der Stand 2026 ist: Tests, Pilotprojekte und konkrete Vorstufen zum Roll-out, aber noch kein Massenmarkt.
Auch medienrechtlich und medienpolitisch ist das Thema sensibel. Die Frage, wer ein solches Netz betreibt, wer Programme darauf verbreitet und wie öffentlich-rechtliche Inhalte unabhängig auf mobile Endgeräte kommen, ist weiterhin offen. Genau deshalb taucht 5G Broadcast bisher vor allem in Pilot- und Demonstrationsprojekten auf.
Die terrestrisch genutzten UHF-Frequenzen von 470 bis 694 MHz sind in der EU mindestens bis 2030 für Rundfunk gesichert. Was danach geschieht, ist offen. Ein fest beschlossenes Ende des Antennenfernsehens in Deutschland gibt es derzeit nicht. Eher das Gegenteil: RTL hat seine DVB-T2-HD-Verbreitung bis Ende 2030 verlängert, ProSiebenSat.1 ebenfalls.
Warum überhaupt Broadcast statt Streaming?
Alles nur per Streaming zu lösen, hat bei sehr vielen gleichzeitigen Abrufen Grenzen. Gerade bei großen Live-Ereignissen ist Broadcast technisch interessant, weil ein Signal gleichzeitig viele Nutzer erreicht. Genau darauf zielen die europäischen 5G-Broadcast-Tests ab: Live-Inhalte effizient an große mobile Zielgruppen zu verteilen und Netzspitzen abzufangen.
Technisch ist auch ein hybrider Betrieb vorgesehen. Inhalte mit geringer Nachfrage könnten weiter klassisch per Streaming laufen. Steigt die parallele Nutzung stark an, kann ein Teil des Verkehrs per 5G Broadcast ausgelagert werden. Solche Hybrid- und Umschaltszenarien sind inzwischen in EBU- und DVB-Unterlagen ausdrücklich vorgesehen.
Lokale Übertragungen denkbar
Neben klassischem Live-TV sind auch lokale Anwendungen denkbar, etwa Zusatzperspektiven im Stadion oder veranstaltungsbezogene Inhalte an stark frequentierten Orten. Solche Szenarien werden in der Branche seit Jahren als naheliegende Nutzung genannt und wurden auch in Demonstrationen mit mobilen Endgeräten gezeigt.
Auch Audio- und Datendienste sind über diesen Weg denkbar. Individuelle Abrufe einzelner Filme oder Serien aus Mediatheken und Streamingdiensten bleiben dagegen ein Fall für unicastbasiertes Streaming. 5G Broadcast eignet sich vor allem dort, wo viele Nutzer gleichzeitig dasselbe empfangen sollen.
Damit das alles funktioniert, braucht es passende Endgeräte. 2024 wurde ein europäisches Empfängerprofil für 5G Broadcast veröffentlicht, um Smartphone-Hersteller auf einen gemeinsamen Rahmen festzulegen. 2026 wurde zudem ein erstes kommerzielles 5G-Broadcast-Smartphone für Ersthelfer und Spezialanwendungen angekündigt. Vom breit verfügbaren Massenmarkt auf normalen Consumer-Smartphones in Europa kann aber weiterhin keine Rede sein.
5G auch für die TV-Produktion interessant
Für die TV-Produktion ist 5G schon heute greifbarer als für lineares Fernsehen aufs Handy. Die EBU dokumentiert 2026 konkrete Versuche mit privaten 5G-Netzen für Content-Produktion und Zuführung. Kabellose Kameras, mobile Produktionseinheiten und flexible Beiträge vor Ort sind dabei naheliegende Einsatzfelder.
Ein Vorteil nicht zuletzt ist das kabellose Arbeiten. Auch Luftaufnahmen per Drohnen oder Hubschrauber lassen sich via 5G einfacher für Live-Produktionen einsetzen. Eine Beantragung eigener Sende-Frequenzen für solche Übertragungsstrecken fällt weg. Auch aufwendige Sendetechnik wäre nicht notwendig – und dank entsprechend gebuchter 5G-Slices könnten sich die TV-Sender sicher sein, ihr 4K- oder 8K-Signal auch im vollen Fußballstadion von der Drohne zum TV-Studio zu bekommen. Zudem könnten in Stadien zusätzliche Frequenzen für weitere Kapazitäten zum Einsatz kommen.
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