Sieben Anschlüsse pro Minute: Was hinter der Glasfaser-Offensive der Telekom steckt

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Die Telekom meldet einen Rekord nach dem anderen beim Glasfaserausbau. Doch sie hat auch massive Probleme. Die eigentliche Baustelle liegt jedoch nicht im Gehweg, sondern in den Wohnungen. Genau dort setzt der Konzern jetzt an.
Ein Glasfaser-Leerrohr der Telekom
Glasfaser: So funktioniert die Einrichtung bei der TelekomBildquelle: Deutsche Telekom

Die Telekom will ihren Glasfaserausbau 2026 noch einmal hochfahren – und zugleich die Messlatte verschieben. Denn bisher zählte für das Telekom-Management vor allem eines: an möglichst vielen Adressen buchbar zu sein. Künftig zählt jedoch eine andere Messgröße: Wie viele Haushalte am Ende tatsächlich auf Glasfaser wechseln. Diesen klaren Strategiewechsel hat der neue Telekom-Deutschlandchef Rodrigo Diehl auf dem Telekom-Netzetag in Berlin in dieser Woche deutlich gemacht. Weg von „Homes Passed“ hin zu „Homes Connected“. Denn nur ein Anschluss, der auch sofort buchbar ist, ist für die Kunden attraktiv. Die Glasfaserleitung im Bürgersteig – also Homes Passed – hingegen nicht.

25 Millionen Haushalte bis 2030 geplant: Hier will die Telekom ausbauen

In den nächsten drei Jahren will die Telekom weitere 800 Millionen Euro in den Glasfaserausbau stecken – zusätzlich zu den laufenden Investitionen. Insgesamt stellt die Telekom 30 Milliarden Euro bis 2030 in Aussicht, nachdem es in den vergangenen fünf Jahren 28 Milliarden Euro gewesen sein sollen. Für 2026 nennt das Unternehmen als Ziel 2,5 Millionen weitere Haushalte und Unternehmen, die Glasfaser buchen können. Die Telekom spricht von sieben neuen Anschlüssen pro Minute, die sie baut. Wie sie auf diese Zahl kommt, bleibt jedoch offen. Rein rechnerisch passen die Werte aber dann zusammen, wenn davon ausgeht, dass es pro Jahr 250 Werktage gibt an denen jeweils rund um die Uhr gearbeitet wird, was illusorisch ist. Bei realistischen 8 Stunden pro Werktag wären es rechnerisch sogar mehr Anschlüsse pro Minute – nämlich fast 21. So oder so: Ende 2025 waren es nach Telekom-Zählung 12,6 Millionen „buchbare“ Anschlüsse – also weitestgehend Homes Passed. 2030 sollen es dann 25 Millionen Haushalte sein, die einen Telekom-Glasfaseranschluss bekommen können.

Der Strategiewechsel geht mit zwei Änderungen einher. Zum einen will die Telekom künftig verstärkt in ländlicheren Städten und Gemeinden das Glasfasernetz verlegen. Das ist zwar pro Haushalt teurer, aber am Ende einfacher. Denn die meisten Häuser in ländlichen Regionen sind entweder Ein- oder Zweifamilienhäuser oder gehören Privatpersonen. In Städten hingegen sind es Wohnungswirtschaft und -genossenschaften sowie Wohnungseigentümergemeinschaften, die den Ausbau kompliziert machen. Genehmigungen und Leitungsverlegungen durch das Treppenhaus sind ein Problem.

Dass die Telekom künftig mehr in ländlicheren Regionen in den Glasfaserausbau investiert, dürfte aber auch bedeuten, dass es für regionale und lokale Alternativanbieter ungemütlicher wird. Denn viele dieser Anbieter haben sich bislang auf genau diesen Ausbau konzentriert. So sind überregional aktive Anbieter wie die Deutsche Giganetz oder Deutsche Glasfaser kaum in Großstädten zu finden. Aktuell, so Diehl, liegt die Überbauquote bei gerade einmal drei Prozent. Heißt: In drei Prozent der Bereiche, die die Telekom ausbaut, hat bereits ein anderer Anbieter ausgebaut oder umgekehrt. Das dürfte künftig zunehmen. Gleichzeitig setzt die Telekom aber auch auf Kooperationen – jedoch vor allem dann, wenn sie die Kontrolle über die Netze übernehmen kann. Das liege in der DNA der Telekom: Man baue und betreibe Netze. Etwa ein Drittel der Anschlüsse entsteht durch Kooperationen.

Häuser werden komplett mit Glasfaser versorgt

Eine weitere Änderung betrifft die zahlreichen Mehrfamilienhäuser in Deutschland. Bisher hatte die Telekom, wenn ein Mieter in einem Zehn-Parteien-Haus Glasfaser bestellt hat, nur die betreffende Wohnung versorgt. Bei der nächsten Glasfaserbestellung begannen die Bauarbeiten dann erneut. Damit soll nun Schluss sein, und es soll nach Möglichkeit ein Vollausbau erfolgen. Die Telekom kündigt an, in Gebäuden künftig nicht mehr nur einzelne Wohnungen mit Vertrag anzuschließen, sondern das ganze Haus „ready to connect“ zu machen. Der praktische Nutzen aus Sicht der Telekom: Wenn die Inhouse-Infrastruktur schon liegt, soll ein späterer Anschluss schneller gehen – theoretisch in wenigen Stunden. Telekom-Chef Diehl bringt es auf den Punkt: „Wenn das Gebäude komplett ausgebaut ist, sind alle Wohnungen ready to connect, dann braucht es keinen Technikerbesuch mehr.“

Zusätzlich setzt die Telekom auf vereinfachte Inhouse-Technik: dezente Kabel, kleinere Kanäle und neue Verlegemethoden wie „Klebekabel“. Auch beim eigentlichen Faseranschluss soll perspektivisch „Stecken statt Spleißen“ helfen – also weniger Handarbeit, mehr standardisierte Steckverbindungen.

Warum die Telekom den Fokus auf aktivierte Anschlüsse legt

Warum erfolgen diese scheinbar kleinen, aber dennoch wesentlichen Änderungen? Ausbau allein bringt noch keinen Umsatz. Wenn Kunden nicht zur Glasfaser wechseln, bringt die Leitung kein Geld. Die Telekom verweist auf 584.000 neue Glasfaserkunden im vergangenen Jahr und will diese Zahl weiter steigern. Für 2027 wird sogar ein Zuwachs von 1.000.000 Kunden in zwölf Monaten als Ziel genannt. Das inkludiert Anschlüsse, die Partner wie 1&1 im Netz der Telekom realisieren.

Die Telekom hofft, so ihre oft kritisierte Auslastung zu steigern. Denn während man in den bisher nur selten versorgten Einfamilienhäusern immerhin schon mehr als 30 Prozent der Kunden von der Glasfaser überzeugt hat, liegt man in Mehrfamilienhäusern im Schnitt bei etwa zehn Prozent.

Klare Ansage: Glasfaser wird nicht günstiger

Internet per Glasfaser steht immer wieder in der Kritik, zu teuer zu sein. Viele Kunden hält das vom Wechsel ab. Doch die Telekom plant nicht, das zu ändern. „Wenn wir Investitionen monetarisieren wollen, ist der Weg nicht, Kunden nur über Rabatte ins Netz zu bringen“, sagte Diehl. Man müsse die Kunden vom Mehrwert überzeugen – davon, wie ihr Leben mit Glasfaser besser wird. Diesen Mehrwert sehen viele jedoch nicht, da ihnen die DSL- und Kabelanschlüsse, die sie heute nutzen, ausreichen.

Tatsächlich gilt Glasfaser aber als deutlich stabiler, verbraucht weniger Strom und bietet deutlich mehr Bandbreite – vor allem im Upstream. Zudem ist die Latenz, also die Reaktionszeit, deutlich geringer, was für jede Interaktion mit Onlinediensten wichtig ist. „TV-Kabel ist beim Upload, bei der Latenz und beim Stromverbrauch nicht zukunftsfähig.“

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