Eine Woche ohne Smartphone: Der Selbstversuch

7 Minuten
Ob surfen, chatten, fotografieren, navigieren oder Musik hören: Das Smartphone ist mehr als nur ein mobiles Telefon. In kürzester Zeit hat es Produkte wie Taschenrechner, Navigationsgeräte, MP3-Player und selbst Zeitschriften obsolet gemacht. Kann man in der heutigen Zeit gänzlich auf das Smartphone verzichten? Vor welchen Herausforderungen steht man im Alltag? Oder ist es befreiend, nicht mehr Sklave von Benachrichtigungen unzähliger Apps zu sein? Der Selbstversuch zeigt es: eine Woche ohne Smartphone. Blasius Kawalkowski, stellvertretender Chefredakteur von inside handy, hat das Experiment gewagt.
Smartphone ausschalten

Ich steige ins Auto und soll einen Tigerenten-Rollrutscher abholen. Meine Frau hat das Bobby-Car-ähnliche Vehikel am Tag zuvor bei einem Second-Hand-Onlineportal gekauft. Ich muss von Köln nach Leverkusen – also einem Vorort der Domstadt. Kein Problem. Doch halt! Wie finde ich die Straße, in der ich das Gefährt abholen soll? Ohne Google Maps, ohne Smartphone? Früher hat man wohl einfach die Stadtkarte aufgeklappt, fand im Quadranten D1 die Straße, merkte sich den Weg und fuhr los. Doch wer hat noch Stadt- oder Landkarten im Auto? Und mich bis zur Zielstraße durchzufragen würde wohl ewig dauern. Dann fällt mir ein: Im Handschuhfach sollte doch noch das TomTom-Navi sein. Bingo. An den Zigarettenanzünder angeschlossen und losging es. Ohne das angestaubte, tiefenentladene Navi wäre ich aber wohl aufgeschmissen gewesen.

Die Woche ohne Smartphone begann also gleich mit einer Hürde. Und es sollte nicht die einzige sein. Doch bereits hier wurde mir bewusst, wie abhängig wir vom Smartphone geworden sind.

Keine Musik und eine Erkenntnis

Auf dem Weg zur Redaktion höre ich in der Bahn gerne Musik. Nebenbei surfe und lese ich auf dem Smartphone, scrolle irgendwelche Feeds durch und mache den üblichen Kram, den wohl auch viele Mitreisende machen. Smartphonelos sitze ich also in der Bahn und beschließe zu beobachten, wie die Pendler ihre Handys nutzen.

Dabei fällt mir auf: Nahezu jeder hat ein Smartphone in der Hand. Es wird gespielt, gechattet und es werden Facebook- sowie Instagram-Feeds durchgescrollt. Dabei habe ich nicht den Eindruck, dass es die Menschen neben mir stört, als ich auf ihre Bildschirme starre. Ungeachtet meiner Blicke liken und kommentieren sie Bilder und schreiben private Nachrichten an ihre Freunde.

Ein Mitreisender, um die 25 Jahre alt, holt sein Smartphone hervor, guckt darauf, wischt hin und her und lässt es wieder in seiner Hosentasche verschwinden. Keine 30 Sekunden später hat er es wieder in der Hand und wischt auf dem Display herum. Hin und her, rauf und runter. Ich kann sehen, dass nichts passiert ist. Weder hat jemand angerufen noch ist eine Nachricht eingegangen. Das Gerät wandert zurück in die Hosentasche. In den darauffolgenden Minuten passiert das noch einige Male. Dann muss ich aussteigen. Ich fragte mich anschließend, ob das schon eine Handysucht ist. Und ob ich mich ähnlich verhalte, wenn ich mein Smartphone dabei habe. Für den Rest der Woche habe ich mir noch am selben Tag ein Buch eingepackt.

Keine langen Sitzungen auf der Toilette

Nach einer Woche ohne Smartphone habe ich meine Erkenntnisse mit einigen Freunden und Bekannten geteilt. Ich erzählte, dass ich mein Smartphone häufig mit auf die Toilette nehme und darauf lese, in Onlineshops stöbere oder in aller Ruhe etwas nachschlage, das mir bereits den ganzen Tag durch den Kopf ging. Viele bestätigten mir, dass sie es genauso handhaben, was mich, zugegebenermaßen, erstaunte. Es scheint aber, als würden viele das Badezimmer als Rückzugsort ansehen. Einen Platz in der Wohnung, an dem sie ungestört sind. In der Woche ohne Smartphone fiel mir auf, dass ich mit Handy häufig deutlich länger in der gekachelten Nasszelle verbringe. Ob das gut oder schlecht ist, weiß ich aber noch nicht.

Die Fotomaschine

Obwohl ich liebend gerne mit meiner Spiegelreflexkamera fotografiere, nutze ich für Schnappschüsse und Videos mein Smartphone. Zwar kommt keine Smartphone-Kamera an die Bildqualität einer DSLR dran. Das Handy aber hat einen entscheidenden Vorteil: Es ist immer griffbereit. Und das habe ich in der Woche ohne Smartphone am meisten vermisst. Zudem habe ich festgestellt, dass ich sehr viel mit Bildern kommuniziere. Statt bei WhatsApp lange Texte zu schreiben, schieße ich ein Foto und versende es. Die mittlerweile gute Fotoqualität die Smartphone-Kameras liefern und die Verbindung mit dem Internet machen das Handy heute für mich unverzichtbar. Das Smartphone hat also nicht nur das Fotografie-Verhalten verändert, sondern auch die Art zu kommunizieren.

Weitere Abhängigkeiten vom Smartphone

Ich stehe im Baumarkt und will ein paar Eisenwinkel kaufen. Die Maße habe ich mir einige Tage zuvor in einer To-Do-App notiert. Ohne Smartphone schaue ich mir das Regal in der Eisenwarenabteilung einige Minuten an und stelle fest, dass ich an diesem Tag keine Winkel kaufen werde. Natürlich hätte ich mir die Maße auch auf einen Zettel schreiben können. Daran habe ich aber nicht gedacht, als ich das Handy für eine Woche abgeschaltet habe.

Das Gleiche gilt für meinen Kalender. Unterwegs kann ich mit keinem meiner Freunde irgendwelche Termine vereinbaren. Früher hatte ich dazu einen kleinen Kalender aus Papier dabei, die wichtigsten Termine für die kommenden Wochen im Kopf. Heute verlasse ich mich auf meinen digitalen Helfer. In der Woche ohne Smartphone schaue ich Abends zu Hause auf dem Notebook in den Online-Kalender und rufe zurück, um einen Termin zu vereinbaren. Mit einem Umweg klappt es leicht zeitverzögert also doch.

“Warum machst du denn sowas?”

Was sich seit der Geburt meines Sohnes eingebürgert hat: Videotelefonate mit der Oma. Da sie ihren Enkel nicht jeden Tag sehen kann, telefonieren wir oft mit Videoübertragung. In der Woche ohne Smartphone nutze ich das Punkt MP02 als normales Handy für Anrufe und SMS. Mehr kann das Gerät nicht. Als ich meiner Mutter sagte, dass sie mich eine Woche lang nur noch im Festnetz oder auf meinem Handy ohne Video via WhatsApp erreicht, war sie ziemlich erstaunt. Sie hat das Smartphone erst vor etwa zwei Jahren für sich entdeckt und fragte mich, warum ich denn so etwas mache. Das Smartphone würde schließlich so viele Vorteile bieten. Aber es war eben genau das. Ich wollte überprüfen, welche Vorteile es wirklich sind. Und bislang vermisste ich das Smartphone in vielen Situationen. Dennoch war es auch eine entspannte Woche, in der ich viel Zeit für andere Dinge hatte.

Punkt MP02 und Huawei Mate 20 Pro im Hintergrund

Die positiven Aspekte und mein Fazit

Statt unterwegs Belanglosigkeiten zu googeln, habe ich in einer Woche ein 300-seitiges Buch gelesen – und das nur während der Bahnfahrten. Statt schweigend am Tisch oder auf der Couch zu sitzen und auf dem Smartphone herumzuwischen, unterhielten wir uns zu Hause mehr. Ich verbrachte weniger Zeit auf der Toilette und mehr in Konversationen mit Kollegen und Freunden.

Als ich das Smartphone nach einer Woche aus dem Dornröschenschlaf aufwecke, vibrierte und klingelte es zunächst etwa zehn Minuten lang. Über 100 Nachrichten in zehn WhatsApp-Chats, viele “Eilmeldungen” von Apps wie dem “Kicker”, unzählige Updates, auf die der Play Store verwies: All das, was ich in einer Woche verpasst habe, prasselt innerhalb kürzester Zeit auf mich ein. Aber: Was habe ich verpasst? Die Fußballergebnisse habe ich anderweitig mitbekommen. Bei WhatsApp ist, trotz Nachrichtenflut, nichts Weltbewegendes passiert. Und auch alle anderen Benachrichtigungen diverser Apps waren nicht sonderlich wichtig.

WhatsApp-Nachrichten-Flut auf dem Mate 20 Pro

Nach einer Woche ohne Smartphone habe ich zunächst einigen Apps die Push-Rechte entzogen. Facebook, Twitter, Instagram, GMail und Kicker zum Beispiel. Andere Anwendungen habe ich deinstalliert. Seitdem ist es deutlich ruhiger.
Dennoch schätze ich die Möglichkeiten, die mir das Smartphone bietet. Fotos und Videos von meinem Jungen zu machen, Termine zu koordinieren oder Musik zu hören sind nur wenige Beispiele dafür. Zudem hat das Smartphone in vielen Bereichen andere Geräte ersetzt – den Stadtplan und das Navi zum Beispiel. Ohne den digitalen Helfer geht es häufig also nicht weiter.

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3 KOMMENTARE

  1. Das habe ich auch gemacht. Nach anfänglichen Entzugserscheinungen, stellte ich fest, dass ich zu meiner inneren Ruhe und Gelassenheit zurückfand. Persönliche Kommunikation kann kein Smartphone ersetzen. Verzichten möchte ich darauf trotzdem nicht.

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