Glasfaser für alle: So mies steht es wirklich um deinen Internetanschluss der Zukunft

9 Minuten
Mit Gigabit-Datenraten durch das Internet surfen – das soll die Zukunft sein. Jeder in Deutschland soll schon 2030 einen Glasfaser-Anschluss haben können. Doch kann das gelingen? Die Branche ist zerstritten, der Ausbau klemmt. Eine Analyse von inside digital Redakteur Thorsten Neuhetzki.
Achtung Kabel! Hier wird ein Netz ausgebaut
Achtung Kabel! Hier wird ein Netz ausgebautBildquelle: Thorsten Neuhetzki

Es ist ein trister, verregneter Oktober-Nachmittag in Berlin. Ein Glasfaser-Branchenverband hat eingeladen zu seiner Jahrestagung. Vor dem öffentlichen Teil: die Mitgliederversammlung. Angesetzt auf eine Stunde, zwei handvoll Tagesordnungspunkte gilt es abzuhandeln, bevor Gäste und Journalisten zu Podiumsdiskussionen und Networking kommen. Reine Formalie – so scheint es. Doch dann der große Knall. Einige Gründungsmitglieder sehen sich zu wenig in der Berliner Lobbyebene vertreten. Sie beantragten, einem der anderen großen Branchenverbände beizutreten, um so stimmgewaltiger im politischen Berlin gehört zu werden. Am Ende kommt es nicht so, man raufte sich noch einmal zusammen. In der Presseinformation nach der Versammlung hieß es später, „sehr deutlich“ habe sich die „Mitgliederversammlung für die weitere Eigenständigkeit“ ausgesprochen. Man stehe „auch künftig für „Glasfaser Only“ als klarer Zielsetzung und Ausrichtung“.

Der Ruf nach dem politischen Berlin

Diese Anekdote braucht den normalen Internetkunden nicht zu interessieren. Eigentlich. Und doch ist es interessant, sie zu kennen. Denn die Anekdote ist symptomatisch für den Glasfaser-Markt in Deutschland. Dazu gehört beispielsweise, dass sich neben der Telekom – je nach Zählart, Definition und Zuordnung – vier bis sechs Branchenverbände mit jeweils ganz eigenen Forderungen Gehör verschaffen wollen im politischen Berlin. Es geht um die besten Voraussetzungen für den Ausbau der eigenen Netze. Revierkämpfe.

Das politische Berlin. Das ist aus Sicht der Branche neben dem Bundeswirtschaftsministerium vor allem das Bundesministerium für Verkehr und Digitales unter der Leitung von FDP-Mann Volker Wissing. Bundesminister Wissing lässt sich gern auf Branchentreffs wie dem oben erwähnten oder auch der 25-Jahr-Feier des VATM im September in Berlin ankündigen. Gesehen wird er aber dort nur selten. Stattdessen schickt er seinen Staatssekretär Stefan Schnorr vor. Sitzungswoche. Haushaltsberatungen. Namentliche Abstimmung im Bundestag.

Die Gründe für die Absagen unterscheiden sich. „Herr Minister wäre gerne gekommen und lässt sie herzlich grüßen“, ergreift Schnorr dann das Wort. Schnorr glänzt in seinen Reden rhetorisch und versteht es  – so hört man Zuhörer immer wieder hinter vorgehaltener Hand sagen – viel zu reden, ohne etwas verbindlich zu sagen. Am Ende hat die Branche dennoch das Gefühl, sie wird in Berlin gehört. Und dass sie wichtig ist. Denn bisher galt überspitzt gesagt ein Grundsatz: Alle gegen die Telekom und die Telekom gegen alle.

Glasfaser-Wettbewerber monieren strategischen Überbau durch die Telekom

Bei Streit müssen Politik und Bundesnetzagentur schlichten. So auch aktuell beim Glasfaserausbau. Die Telekom überbaue kategorisch die Netze der Mitbewerber, so der Vorwurf. Immer wieder komme es dort, wo ein kleiner privater Anbieter seine Glasfaserleitungen verlegen wolle, anschließend zu Störaktionen der Telekom. Dabei sei die Dankbarkeit in den oftmals bis dato nur mit langsamen Internet versorgten Gebiet groß, wenn ein privater Anbieter sein Glasfasernetz verlegen will. Doch oftmals reiche dann schon die reine Ankündigung der Telekom, ebenfalls demnächst ausbauen zu wollen, und viele Kunden schrecken von der notwendigen Vertragsunterschrift zurück. Das führt, so berichtet die Branche, immer wieder dazu, dass die privaten Netzbetreiber sich zurückziehen und der Telekom das Feld überlassen – hier dann aber auch nichts mehr passiert. Eine der Folgen: Die ersten Investoren ziehen sich aus Deutschland zurück, Anbieter melden Insolvenz an. Die Telekom weist die Vorwürfe stets zurück und verweist auf den politisch gewollten Infrastrukturwettbewerb.

Glasfaser-Ausbau der Telekom nur ein Feigenblatt?

Die Telekom habe gar kein Interesse, ihr Glasfaser-Netz auszubauen, polterte im September der Geschäftsführer der Deutsche Giganetz Jan Budden bei einer Branchenveranstaltung. „In jedem Projekt, in dem wir sind, ist die Deutsche Telekom mit über 2.000 Vertriebsleuten dabei und versucht ihr Kupfernetz zu verteidigen, weil sie überhaupt keinen Grund hat, die Glasfaser auszubauen.“ Die Telekom sitze auf 140 Milliarden Euro Schulden, machte Budden vor der versammelten Breitbandbranche des Landes eine Rechnung auf. Der Free Cashflow aus dem DSL-Geschäft betrage 7 Milliarden Euro. „Dieses Geld braucht die Telekom, um die Schulden zu bezahlen“, so Budden. „Wenn Sie für 40 Euro Umsatz bei einem Kunden, die Sie jetzt als Telekom schon haben, 3.000 Euro extra investieren müssen für den Glasfaserausbau, um 5 Euro mehr Umsatz zu erzielen, gibt es keinen Case für die Deutsche Telekom“, stellte Budden in den Raum.

Wer nach aktuellen Nachrichten zur Deutsche Giganetz sucht, stolpert über Schlagzeilen, die genau das Bild skizzieren, das Geschäftsführer und Branche beschreiben. „Deutsche Giganetz macht Rückzieher“ schreibt „Die Glocke“ beispielsweise über das westfälische Ahlen. Doch hier war es nicht die Telekom, die für den Rückzug sorgte. Man überlässt das Feld der zu E.ON gehörenden Westconnect, die ebenfalls den Ort versorgen will.

Branche streitet – und überbaut einander

Kommen wir noch einmal zurück zu den Branchenverbänden. Ein Gutachten des Wissenschaftlichen Institutes für Infrastruktur und Kommunikationsdienste – kurz WIK – hat vor wenigen Wochen aus Sicht der Wettbewerber bestätigt, was sie beklagen. Das Gutachten im Auftrag des Ministeriums von Wissing und Schorr bestätige die intensiven Warnungen der Telekommunikationsbranche. Strategischer Überbau entziehe vor allem in ländlichen Regionen dem eigenwirtschaftlichen Ausbau die Wirtschaftlichkeit und führt dadurch zu einem erhöhten Förderbedarf. Dadurch werde der flächendeckende Glasfaserausbau teurer und gleichzeitig durch erhöhte Bürokratie und verzögerte Bauphasen verlangsamt.

Die Brache spricht von „einer Bedrohungslage für eine ganze Assetklasse“. Dies beeinträchtige massiv die Investitionsbereitschaft, insbesondere, solange es keinerlei Schutz und Schutzmöglichkeiten durch die Bundesnetzagentur gibt. Mit Anga, Breko und VATM wandten sich drei der großen Verbände an Staatssekretär Schnorr und forderten in einem offenen Brief auf, „umgehend konkrete Maßnahmen“ zu ergreifen und dass „Lösungen zur Verhinderung von Marktmachtmissbrauch geschaffen werden, um die strategischen Doppelaus- beziehungsweise Überbau-Aktivitäten der Telekom zu stoppen.“

Doch nicht einmal in diesem Punkt sind sich die Verbände der Telekommunikationsbranche einig. Denn nur wenige Tage später meldete sich der Branchenverband FRK zu Wort. Die Telekom stehe zu Unrecht allein am Pranger. Man kritisiere das Schreiben der Verbände an Staatssekretär Schnorr. „Heuchelei“, sagt der FRK-Vorsitzende Heinz-Peter Labonte zu dem Schreiben. „Als gäbe es nur den Überbau durch die Deutsche Telekom“, so Labonte weiter. „Zumal sich die Verbände an den Falschen wenden.“ Selbstverständlich sei der strategische Überbau durch die Telekom ein Problem, dass bislang trotz mehrfacher Aufforderungen und steigenden Fallzahlen keine nennenswerten politischen Maßnahmen zur Folge hatte. Eine Monitoring-Stelle bei der Bundesnetzagentur sei bislang lediglich eine Sammelstelle für Überbau-Meldungen. „Vielleicht rührt sich bei dieser Behörde auch deshalb nichts, weil es längst nicht nur die Telekom ist, die Glasfasernetze überbaut“, so Labonte.

Immer häufiger berichten demnach FRK-Mitglieder, wie ihre Ausbauprojekte von den sogenannten alternativen Glasfasernetzbetreibern torpediert werden. „Die Telekom bedroht große Glasfaserfasernetzbetreiber und die bedrohen den Mittelstand“, sagt Labonte. Der FRK vereint nach eigenen Angaben 140 Mitglieder aus dem Bereich der klein- und mittelständischen Kabelnetzbetreiber.

Eine Zahl, die nichts taugt: 17,3 Millionen Haushalte könn(t)en Glasfaser nutzen

Am Ende bleibt eine Erkenntnis: Die Branche ist zerstritten und nicht einmal das gute alle „Wir gegen die Telekom“ scheint sie zusammenzuhalten. Schlecht für den Glasfaserausbau. Denn der ist schon heute ein Flickenteppich. Und offenbar weit hinter dem Plan zurück. 2030 sollte jeder Haushalt in Deutschland Zugang haben. Davon ist Deutschland weit entfernt. Auch, wenn der Breko (vertritt 478 Unternehmen) im August stolz meldete: „Glasfaserabdeckung in Deutschland Mitte 2023 bei 35,6 Prozent“. Denn bei den dahinter stehenden 17,3 Millionen Haushalten handelt es sich um eine Zählart, auf die sich die Branche verständigt hat: Homes Passes. Das heißt nichts anderes wie „Du könntest Glasfaser haben, wenn wir dir die Leitung ins Haus und deine Wohnung legen würden, tatsächlich ist sie aber noch im Bürgersteig vor deiner Wohnung“. Einziehen, Glasfaserbuchen, surfen? Pustekuchen! Erstmal müssen Bagger anrücken, die Genehmigung für den Hausstich vom Eigentümer muss her und, und, und.

Doch es liest sich besser, von mehr als einem Drittel Versorgungsgrad zu sprechen, als von der tatsächlich verlegten Glasfaser-Anschlusszahl, die als „Homes Connected“ bezeichnet wird. Das waren nämlich gerade einmal 8,9 Millionen Haushalte. Ein Wachstum von mageren 3 Prozent binnen Jahresfrist – oder wie es in der Breko-Studie heißt: „moderates Wachstum“. 4,6 Millionen neu „erschlossene“ Haushalte binnen Jahresfrist lesen sich da deutlich besser. Als Homes Passed führt die Kennziffer aber an der Intention des Kunden weit vorbei. Selbst die Telekom hatte zuletzt aufgehört, Einfamilienhäuser „auf Vorrat“ mit Glasfaserleitungen zu versorgen. Erst, wenn ein Anschluss gebucht wurde, wird er auch verlegt. Auch, wenn dann noch einmal die Bagger rollen müssen.

Gigabit per Glasfaser: Ein Produkt, das heute kaum einer braucht

Der Breko geht davon aus, dass man die fragwürdige Messgröße Homes Passed bis 2025 auf 46 Prozent heben kann. Berechnet man die „volatile Entwicklung“ mit ein, könnten es auch 60 Prozent sein. Doch Kostensteigerungen, Fachkräftemangel, mangelnde Tiefbaukapazitäten, langwierige Genehmigungsverfahren, hakelnde Förderprogramme und letztlich auch die Nachfrage der Kunden könnte das schwierig werden lassen. Geht man von 50 Prozent bis 2025 aus, heißt das immer noch, dass die schwersten 50 Prozent noch vor der Branche liegen. Denn wie im Mobilfunkausbau auch sind die letzten zehn Prozent wohl die härtesten. Zumal die Bagger und Fachleute wohl immer wieder zu Baustellen fahren müssen, wo aus einem Homes Passed-Anschluss ein Homes Connected-Anschluss oder gar bestenfalls ein Homes-Activated-Anschluss werden soll. Denn erst dann verdient ein Netzbetreiber Geld. Im Juni 2023 war das nur bei 4,4 Millionen Glasfaserleitungen in ganz Deutschland der Fall.

Das alles zeigt: Die Investoren und Anbieter brauchen einen langen Atem, mehr Einigkeit, starke Investoren und vor allem eines: Konstanz. Denn sonst wird Deutschland eine Glasfaser-Wüste bleiben, allen Lippenbekenntnissen und Bemühungen zum Trotz. Und last not least brauchen die Netzbetreiber Kunden, die die Anschlüsse auch buchen. Die Notwendigkeit eines Anschlusses, der schneller als 100 oder 250 Mbit/s ist, sehen heute die wenigsten Nutzer – zu Recht. In fünf oder zehn Jahren mag das anders aussehen. Dann aber kann die Erkenntnis zu spät sein.

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3 KOMMENTARE

  1. Nutzerbild Handwuerst

    es darf nicht passieren, dass die Politik jetzt den Ausbau bremst. sie muss den Unternehmen drohen mit Zwangs Open Access das wars

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  2. Nutzerbild Blinkfeuer

    „Ein Anschluss mit bis zu 16 Mbit/s“…. ist aber kaum zu kriegen oder fast so teuer wie ein fetter. Angefangen habe ich mit DSL 6000, heute also 6. Außer Netflix ist nichts anders geworden. Was soll ich mit Glasfasergebrumme? Ach so: löhnen. zahlen, blechen.

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  3. Nutzerbild Gerald

    Habt ihr nicht richtig hingegeben, es stand da von der Zukunft. Jetzt ist erst Gegenwart!!!!! Also heißt es warten.

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