Es gibt Ratschläge, die klingen so vernünftig, dass niemand nachfragt. Den Reisepass in Alufolie wickeln gehört dazu. Im Pass steckt ein Funkchip, und Funk lässt sich mit Folie abschirmen. Eine Rolle aus der Küchenschublade, fertig ist die Sicherheit.
Seit Anfang Oktober geht die Frage durch die Medien, beantwortet mit derselben Auskunft des Bundesamts für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI): unnötig, die Chips sind geschützt. Das stimmt vermutlich. Ausprobiert hat es in den Texten, die ich gelesen habe, allerdings niemand. Also habe ich es getan, mit Ausrüstung, die in fast jeder Hosentasche steckt.
Reisepass, Alufolie und ein iPhone
Die App heißt ReadID Me, stammt vom niederländischen Anbieter Inverid und kostet nichts. Sie liest mit jedem iPhone ab Modell 7 sowie mit Android-Handys den Chip in Pässen und Ausweisen aus, eigentlich um die Echtheit eines Dokuments zu prüfen. Für meine Zwecke reicht das.
Mein Opfer: mein eigener Reisepass, ausgestellt im Oktober 2024. Als Komplize dient sein abgelaufener Vorgänger, der in der Schublade sein Rentnerdasein fristet. Schon der Start ist eine Enttäuschung für jeden angehenden Kriminellen. Bevor die App überhaupt funkt, will sie die zwei kryptischen Zeilen am unteren Rand der Datenseite fotografieren. Ohne die geht nichts. Warum, zeigt sich später.
Ein Zentimeter, sieben Sekunden
Handy auf den Reisepass, Verbindung steht. Dann heißt es warten: Rund sieben Sekunden muss das iPhone ruhig liegen bleiben, bis die App zeigt, was auf dem Chip gespeichert ist. Papier dazwischen stört nicht, solange der Abstand bei etwa einem Zentimeter bleibt. Bei zwei Zentimetern ist Schluss.
Der gefürchtete Überfall im Vorbeigehen sieht also so aus: Ein Fremder presst mir am Gate sein Handy auf die Jackentasche und hält es dort sieben Sekunden lang fest. Ich lasse ihn gewähren. Wer so nah und so lange an meine Tasche herankommt, sollte über seine Karriereplanung nachdenken. Das Portemonnaie gleich ganz mitzunehmen, wäre deutlich ergiebiger.
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Apropos Portemonnaie: Zwischen den Karten las das iPhone nichts. Auch nicht, nachdem ich alle Karten herausgenommen hatte. Mein Portemonnaie verspricht keinen Schutz und trägt kein Sicherheitssiegel. Vermutlich steckt trotzdem Metall im Futter. Die Stiftung Warentest fand schon 2013 in einer Schutzbrieftasche ein paar eingenähte Lagen Alufolie. Hightech aus der Kurzwarenabteilung. Bleibt die Alufolie. Pass eingewickelt, Handy drauf, nichts. Der Küchentrick funktioniert einwandfrei, gegen einen Angriff, der vorher schon gescheitert ist.
Der Chip redet nicht mit Fremden
Dann tausche ich die Pässe. Die App kennt die aufgedruckten Daten meines aktuellen Passes, soll aber den Chip des alten lesen. Sie bricht ab. Mit den Zeilen des alten Passes liest sie dessen Chip dagegen anstandslos aus. Der Chip funktioniert also. Er redet nur nicht mit Fremden. Das ist der ganze Trick, und er steckt seit 2005 in deutschen Pässen: Der Chip lässt sich erst auslesen, wenn das Lesegerät die aufgedruckten Daten dieses Reisepasses kennt. Das Verfahren soll verhindern, dass jemand den Chip unbemerkt aus der Entfernung ausliest, ohne zuvor Zugang zu den nötigen Informationen gehabt zu haben. Wer die Daten bereits kennt, muss sie nicht mehr heimlich per Funk aus dem Reisepass holen.
Die Fingerabdrücke liegen hinter einer zusätzlichen Sicherheitsbarriere, die nur berechtigte Lesegeräte öffnen können, etwa bei entsprechend ausgestatteten Grenzkontrollen. Meine Gratis-App gehört nicht dazu.
Nebenbei: Der abgelaufene Reisepass gibt seine Daten brav weiter heraus. Der Chip geht nicht mit in Rente. Wer einen alten Pass klaut, kann die aufgedruckten Daten allerdings auch einfach abschreiben.
Und die Profis?
Ein iPhone ist kein Profiwerkzeug, schon klar. Forscher der Universität Tel Aviv bauten 2006 für rund 100 Dollar ein Lesegerät, das solche Chips aus etwa 25 Zentimetern Entfernung ansprach. Dafür brauchten sie einen Ring aus Kupferrohr mit 40 Zentimetern Durchmesser. Wer so etwas am Gate mit sich herumträgt, fällt auf, selbst zwischen zwei Junggesellenabschieden.
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Am grundsätzlichen Problem ändert das nichts: Auch ein leistungsfähigeres Lesegerät braucht die nötigen Daten, um die Zugriffssperre des Passchips zu überwinden. Selbst bei Bankkarten, deren kontaktlose Schnittstelle bestimmte Daten ohne PIN preisgibt, ist die Lage entspannter, als es die Hersteller von Schutzhüllen gern hätten. Die Stiftung Warentest hält heimliches Auslesen im Gedränge für sehr unwahrscheinlich; Banken waren demnach keine entsprechenden Schadensfälle bekannt. Angst verkauft sich eben besser als eine leere Schadensstatistik.
Reisepass und Ausweis: Das Leck liegt woanders
Jetzt der Teil, der wehtut. Ich wette, viele, die ihren Pass in Folie wickeln, haben dem Vermieter schon ein Handyfoto vom Personalausweis geschickt. Ungeschwärzt, ohne Vermerk, in voller Auflösung, per WhatsApp. Genau solche aufgedruckten Angaben können für den Zugriff auf einen Passchip relevant sein. Das Foto liefert sie frei Haus. Danach liegt es in einem Chatverlauf, bis jemand aufräumt. Also nie.
Das Bundesinnenministerium rät auf seinem Personalausweisportal zu Zurückhaltung. Die Regeln sind simpel:
- Wer den Ausweis im Original zeigt, braucht oft gar keine Kopie. Ein Vermerk wie „Personalausweis/Reisepass hat vorgelegen“ kann ausreichen.
- Eine Kopie muss dauerhaft als solche erkennbar sein, etwa durch den Aufdruck „KOPIE“ oder eine Schwarz-Weiß-Abbildung.
- Die Zugangsnummer neben dem Geburtsdatum und die Dokumentennummer oben rechts sollten geschwärzt werden, sofern keine gesetzliche Grundlage wie das Geldwäschegesetz die ungeschwärzte Angabe verlangt.
- Ein Vermerk wie „Nur zur Vorlage bei [Unternehmen] am [Datum]“ begrenzt den vorgesehenen Verwendungszweck.
Die Alufolie kann also zurück in die Schublade. Wer sich mit einer Schutzhülle besser fühlt, soll sich eine kaufen. Sie kostet ein paar Euro. Der Chip war das Verschwiegenste an meinen Reiseunterlagen. Geschwätzig ist nur, was wir selbst verschicken.
