Erst Frankreich, jetzt halb Europa und Deutschland: Unbekannte haben in der Nacht auf Montag (2. November) die Kühlsysteme von Supermärkten in mindestens acht Ländern manipuliert. Kühlregale und Tiefkühltruhen heizten sich auf und die Lebensmittel darin mussten am nächsten Tag entsorgt werden. Erst vor wenigen Wochen hatten Hacker Hunderte Supermärkte in Frankreich lahmgelegt. Damals warnte Cybersicherheitsexperte Prof. Dr. Dennis-Kenji Kipker uns gegenüber: „Das könnte jederzeit auch in Deutschland geschehen.“ Und jetzt ist es passiert. Was über die Vorfälle bei Rewe und Edeka bekannt ist.
Leere Kühlregale bei Rewe
Betroffen ist unter anderem ein Rewe-Markt in Raesfeld in Nordrhein-Westfalen. Als Marktbetreiber David Büsken am Montagmorgen in seinen Laden kam, liefen die Kühlanlagen nicht mehr richtig. „Da war alles auf Abtauen eingestellt“, sagte er gegenüber dem Portal Heimatreport. Erst später stellte sich heraus, dass offenbar Unbekannte auf die Steuerung der Kältetechnik zugegriffen hatten. Büsken geht von einem gezielten Angriff aus. Durch die veränderten Einstellungen sei kein Alarm ausgelöst worden, die Ware sei aber schnell verdorben.
Die Folgen: leere Kühlregale, ausgeräumte Tiefkühltruhen, eine leere Fleisch-, Wurst- und Käsetheke. Büsken musste alles entsorgen, da die Kühlkette unterbrochen wurde. Spenden an soziale Einrichtungen seien so nicht mehr möglich gewesen. Wie viel Ware betroffen ist und wie hoch der Schaden ausfällt, kann er noch nicht sagen. Für Dienstag (3. November) hat der Markt eine Sonderbestellung bei Rewe aufgegeben. Laufen die Anlagen wieder, sollen die Regale dann wieder gefüllt sein.
Betroffen ist laut Büsken die Kältesteuerung des dänischen Herstellers Danfoss. Das Wartungsunternehmen habe ihm mitgeteilt, dass auch mehrere Anlagen in anderen Teilen Deutschlands betroffen seien. Danfoss selbst bestätigte laut Reuters, dass eigene Produkte von den Angriffen auf europäische Supermärkte betroffen waren. Ob der Fall in Raesfeld zur selben Angriffswelle gehört, ist offiziell noch nicht bestätigt. Allerdings waren auch die Vorfälle im Oktober in Frankreich auf Danfoss-Systeme zurückzuführen.
Edeka: „Das macht uns einfach nur wütend“
Auch ein Edeka-Markt in Reisbach, Niederbayern, meldete am Montag einen Hackerangriff auf seine Kühlanlagen, die auf 50 Grad hochgeheizt wurden. Auf Facebook schrieb Edeka Ernst: „Foodsharing hat kurzfristig alles abgeholt, was noch irgendwie zu retten war. Doch ein Großteil der Ware musste leider entsorgt werden. Und das macht uns einfach nur wütend!“ Der Markt prangert die mutwillige Lebensmittelverschwendung an und kritisiert den Angriff aufs Schärfste.
Ein dritter Fall ist aus Wuppertal, NRW, bekannt. Dort führte laut Geschäftsführung ein „externer Eingriff“ dazu, dass die Kühl- und Tiefkühlanlagen eines CAP-Markts zu warm wurden. „Alle Artikel mussten und müssen nun entsorgt werden. Wir arbeiten emsig an der Neubefüllung“, heißt es ebenfalls in einem Facebook-Beitrag. CAP steht für Handicap. In den Märkten des deutschen Handelsunternehmens und Partners von Edeka arbeiten Menschen mit und ohne Behinderungen zusammen. Laut Medienberichten soll auch ein weiterer Markt in Wetter (Ruhr) betroffen sein.
Belgien, Schweden, Irland: Angriffe in ganz Europa
Deutschland ist nur eines von vielen betroffenen Ländern. Laut Euronews kam es auch in Belgien, Schweden, den Niederlanden, Estland, Luxemburg, Finnland und Irland zu Vorfällen. Am stärksten trifft es Belgien. Dort sind rund 75 Geschäfte betroffen, darunter etwa 40 Filialen von Delhaize, 15 von Carrefour und 15 von Intermarché. Die belgische Bundesstaatsanwaltschaft hat Ermittlungen aufgenommen. Wer hinter dem Angriff steckt, ist bislang unklar.
In Schweden wurden Kühl- und Gefriergeräte in Filialen von ICA und Coop auf 50 Grad hochgestellt. Allein Coop zufolge waren sechs Filialen betroffen. Der ICA-Markt Kvantum in Sjöbo führte den Vorfall auf Facebook auf einen Hackerangriff zurück und blieb am Montagvormittag geschlossen. In Irland waren 13 SuperValu-Märkte betroffen und in den Niederlanden laut Danfoss mindestens 17 Unternehmen, darunter ein Tiefkühllager.
Die EU nimmt die Angriffe ernst. EU-Agrarkommissar Christophe Hansen sprach von einem „bewussten Versuch, unsere Lebensmittelkette zu unterbrechen und das Vertrauen der Verbraucher in sie zu untergraben“. Das wiederholte Auftreten sei „zutiefst besorgniserregend“ (afp).
Danfoss-Anlagen: Wie konnte das passieren?
Die Spur führt wie schon in Frankreich zum Hersteller Danfoss. Ob in den aktuellen Fällen dieselbe Masche dahintersteckt, ist offiziell noch nicht bestätigt. Aufgrund der vielen Parallelen scheint dies jedoch sehr wahrscheinlich.
Danfoss selbst sieht das Problem vor allem in veralteter Software. Betroffen seien Kunden, die kein Update eingespielt hätten, so das Unternehmen laut Euronews. Der Hersteller empfiehlt, Firmware-Updates zu installieren und ältere Systeme auf aktuelle Generationen umzustellen. Im Klartext heißt das, neue Geräte zu kaufen. Das Sicherheitsunternehmen Claroty hatte bereits im August Lücken in einem Danfoss-Systemmanager gefunden. Die Anmeldung ließ sich dort mit dem Benutzernamen „admin“ und dem jeweiligen Tagesdatum umgehen.
BSI und Cybersicherheitsexperten hatten gewarnt
Überraschend kommen die Angriffe auf deutsche Märkte nicht. Schon nach den Vorfällen in Frankreich hatte das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) eine Warnung an den Einzelhandel ausgesprochen, und zwar an alle, die kleine vernetzte Anlagen betreiben. BSI-Präsidentin Claudia Plattner sagte damals: „Dieser Angriff hätte jedes Land treffen können und kann auch jetzt jederzeit Nachahmer finden.“
Und genauso ist es auch gekommen. Nicht nur das BSI hatte im Oktober gewarnt. Wir hatten nach den Angriffen auf Frankreich ebenfalls mit Cybersicherheitsexperte Prof. Dr. Dennis-Kenji Kipker gesprochen. Für ihn waren diese Vorfälle ein „Weckruf“ für Deutschland und nur drei Wochen später jetzt harte Realität hierzulande. Seine Fragen von damals sind jetzt aktueller denn je: „Wo haben wir diese Kühltruhen stehen? Welche Sicherheitsstandards haben die? Haben die Updates?“ Was der Experte außerdem zur Verantwortung von Händlern, Herstellern und Staat sagt, liest du im >> Interview.
Was bedeutet das für dich?
Die gute Nachricht: Die betroffenen Märkte haben die warm gewordene Ware entsorgt. Sie landet also nicht in deinem Einkaufswagen. In einzelnen Filialen kann es aber vorübergehend Lücken im Kühl- und Tiefkühlregal geben, bis die Anlagen wieder laufen und neue Ware geliefert ist. Fällt dir beim Einkauf trotzdem auf, dass Tiefkühlware weich oder angetaut ist oder dass die Truhe nicht richtig kühlt, lass das Produkt liegen und sag dem Personal Bescheid.
