Die meisten kennen Ooono als kleinen Knubbel an der Windschutzscheibe, an der Sonnenblende oder am Armaturenbrett, der vor Blitzern warnt. Ich war anlässlich der Vorstellung des Ooono Co-Driver No3 bei Ooono zu Besuch und habe mir angeschaut, wie das dänische Unternehmen arbeitet.
Vom Blitzerwarner zum Beifahrer
Der Gründer und Mehrheitsgesellschafter, Christian Walther Øyrabø, ist bis heute der Chef. Seine Ausgangsidee: Europaweit gibt es zu viele Blitzer-Apps, die mal gut und mal schlecht funktionieren. Das muss doch viel besser gehen. Der Anspruch bei der Gründung von Ooono: ein eigenständiges Produkt entwickeln und damit in sechs Monaten fertig sein. Schon das erste Produkt warnte vor Blitzern, wurde aber nur in Dänemark verkauft. Direkt nach dem Launch begann die Arbeit am Co-Driver No1, mit dem Ooono auch nach Deutschland kam. Mit dem Co-Driver No2 wurde das Ziel größer: ein Gerät, mit dem du dich im Auto gleichermaßen wohl und auch sicher fühlst. Und zuletzt wurde mehr als zwei Jahre am Co-Driver No3 entwickelt, der erstmals ein echtes Display nutzt, um unter anderem vor Gefahrenstellen und Blitzern zu warnen.

Heute arbeiten rund 150 Menschen für Ooono, rund 20 davon kommen aus Deutschland, um unter anderem bei Fragen für die deutschen Nutzer da zu sein. Nicht ohne Grund: Deutschland und Großbritannien sind die Fokusmärkte, Österreich und Dänemark ebenfalls wichtig. Europaweit zählt Ooono nach eigenen Angaben 3,3 Millionen aktive Nutzer pro Monat, 2,6 Millionen davon allein in Deutschland. Und die sollen mehr und mehr Dienste nutzen können. Künftig sollen auch Parken, Laden und Tanken über Ooono laufen. Die Kernservices sollen kostenlos bleiben, Zusatzdienste wie ein vorwiegend für gewerbliche Kunden wichtiges Fahrtenbuch sollen als kostenpflichtige Zusatzdienste angeboten werden.
Kundenservice mit menschlichem Touch
Das Kundenservice-Team ist von einst 8 auf inzwischen 17 Mitarbeiter gewachsen. Und das ganz bewusst. Wer direkt mit Kunden spricht, erfährt, was mit den Geräten im Alltag passiert, und kann schneller auf Probleme reagieren, so der Ansatz. Betreut wird auf Deutsch, Englisch, Dänisch und Italienisch. Vor allem per E-Mail, aber auch per Telefon und auf Social-Media-Plattformen. Einen KI-Chatbot gibt es zwar ebenfalls, im Fokus steht er aber nicht. Kundenservice brauche einen menschlichen Touch, heißt es bei Ooono.

Rund 12.000 Anfragen landen pro Monat beim Ooono-Team, 85 Prozent davon nur aus Deutschland. Nur etwa 800 der Anfragen sind Anrufe. Typische Themen für die hilfesuchenden Kunden: Fragen zu Bestellungen sowie zur Einrichtung und Montage. Aber natürlich sind auch ausbleibende Blitzer-Warnungen immer ein Thema. Und dann muss das Team im schmucken Loft-Büro von Ooono genau prüfen, was die Ursache dafür ist. Ein neuer Blitzer? Ein fehlerhafter Algorithmus? Oder vielleicht doch eher fehlerhafte Smartphone-Einstellungen beim Nutzer?
26.000 Fahrer als rollende Entwicklungsabteilung
Noch enger ist der Draht zum sogenannten „Drivers Council“. Diese für Ooono besonders wichtige Teil-Community hat rund 26.000 Mitglieder in fünf Ländern, jeden Monat kommen etwa 800 dazu. An sie hat das Ooono-Team bereits 25 Umfragen verschickt, jeweils rund 15 Minuten lang. Drei von vier Teilnehmern füllen sie komplett aus, um Ooono präzise Auskunft über das persönliche Nutzungsverhalten und allgemeine Verbesserungsvorschläge zu geben.
Im Rahmen der Entwicklung des neuen Co-Driver No3 haben ihn vor dem Marktstart rund 150 Beta-Tester in vier Märkten intensiv ausprobiert. Wie direkt Feedback im Produkt landet, zeigt ein Beispiel. Einen zusätzlichen Countdown statt nur eines akustischen und optischen Signals bis zum Blitzer anzuzeigen, haben sich viele Nutzer schon beim Co-Driver No2 gewünscht. Technisch war das dort aber nicht möglich. Beim Co-Driver No3 ist der sichtbare Countdown in Form einer Meterangabe bis zum Blitzer oder bis zur Gefahrenstelle jetzt mit an Bord.

Schluss mit Blitzer.de! Aber warum denn?
Die vielleicht spannendste Nachricht in den vergangenen Monaten war: Ooono beendet die Kooperation mit Blitzer.de. Warum? Das hat niemand verstanden. Und mancher Wettbewerber nutzt dieses Ende in Social-Media-Anzeigen auch ganz bewusst, um Ooono mal mehr, mal weniger direkt in ein schlechtes Licht zu rücken.
Doch das Ende der Kooperation mit Blitzer.de war eine ganz bewusste Entscheidung, wie das Team in Kopenhagen betont. Nicht, weil Blitzer.de keine guten Daten habe. Sondern vielmehr, weil man der eigenen Community und den eigenen Daten vertraue. Und ganz so schlecht können die Daten auch nicht sein. Denn obwohl man bei Ooono die Kooperation schon vor einigen Monaten beendete, wurde der Aufschrei erst groß, als das Ende von Blitzer.de verkündet wurde. Vorher hatten viele Nutzer offenbar gar keine spürbaren Veränderungen bei den vom Co-Driver ausgehenden Warnungen festgestellt.
Nach eigenen Angaben kommt Ooono inzwischen auf 5,3 Millionen Nutzer. Teil der Wahrheit ist aber auch: Blitzer.de spricht von rund 6 Millionen Nutzern europaweit. Genau dorthin und darüber hinaus will Ooono kommen. Die Trennung von Blitzer.de ist also auch eine Kampfansage um die Marktführerschaft.

So werden aus Meldungen Warnungen
Die Daten für alle Warnungen, die ein Co-Driver anzeigt, liefert auf der einen Seite der Datenbestand des in Großbritannien übernommenen Unternehmens Cyclops (heute Ooono UK). Datengrundlage sind fast 200.000 feste Blitzer-Standorte. Dazu kommen Daten von den Co-Driver-Nutzern selbst: rund 30 Millionen Warnungen alle 30 Tage.
Das Problem dabei: Nicht jede Meldung stimmt. Manche kommen schon weit vor der eigentlichen Gefahrenstelle, manche erst deutlich danach. Während ein Nutzer einen Blitzer meldet, meldet ein anderer ihn als längst verschwunden. Und vor allem mit älteren Modellen wurden gerne auch mal Gefahrenstellen als Blitzer gemeldet und umgekehrt. Daraus ein stimmiges Bild für alle Nutzer zu bauen, ist die Aufgabe eines großen Analyse-Teams, das ebenfalls direkt in der dänischen Zentrale von Ooono arbeitet.
Algorithmen filtern hier die vertrauenswürdigen Meldungen heraus. Deshalb erscheint auch nicht jede Meldung sofort bei allen Nutzern. Was genau sofort ausgeliefert wird und was nicht, hängt vom Algorithmus und von der Nutzerdichte vor Ort ab. Bis ein neu gemeldeter fester Blitzer im System integriert ist, vergehen meist drei bis vier Tage. Praktisch: Wer auf seinem täglichen Weg zur Arbeit oder nach Hause vor stationären Blitzern nicht gewarnt werden will, kann sie in den App-Einstellungen auf dem Smartphone ausschalten.

Hands-on: CoDriver No3
Zwei Jahre hat Ooono nach eigenen Angaben am neuen CoDriver No3 gearbeitet. Die Idee dahinter: eine passive Oberfläche, die erst reagiert, wenn du sie als Fahrer wirklich brauchst. Nämlich automatisch, wenn du dich einer Gefahrenstelle oder einem Blitzer näherst.
Wenn du selbst etwas melden möchtest, reicht es aus, mit dem Finger in Richtung des Displays zu fahren. Das aktiviert einen Näherungssensor, der Bildschirm leuchtet auf und du kannst direkt einen Blitzer oder eine Gefahrenstelle melden. Ein Touchscreen ist es aber nicht. Bestätigt und weggeklickt wird per Druck auf das Display. Die Taste an der Oberseite ist anders als beim Vorgänger nicht mehr zum Wegdrücken da, sondern für Zusatzfunktionen wie das Fahrtenbuch.

Neu ist die Tankstellensuche: Zweimal auf die obere Taste gedrückt, zeigt der Co-Driver die günstigste Tankstelle im Umkreis von 20 Kilometern. Auf Wunsch startet direkt im Anschluss die Navigation zur entsprechenden Tankstelle auf dem Smartphone. Vorerst klappt das nur in Deutschland, Großbritannien und Dänemark sollen bald folgen, Österreich etwas später. Einen genauen Zeitplan gibt es hier aber noch nicht.
Ooono muss liefern, die große Community ist die stärkste Währung
Mein Eindruck nach dem Besuch: Ooono will mehr sein als ein Blitzer-Gadget. Und streng genommen ist es das Unternehmen ja auch. Schließlich bietet es auch digitale Parkscheiben an. Ob der eigene Plan aufgeht, entscheidet sich aber an einer Frage: Sind die eigenen Community-Daten so gut, dass niemand Blitzer.de vermisst?

In sozialen Netzwerken gehen die Meinungen hierzu auseinander. Die einen sind vollkommen einverstanden mit den Warnungen, die von den Co-Drivern ausgeben werden. Andere Nutzer kritisieren, dass nach dem Aus von Blitzer.de dutzende Warnungen ausbleiben. Ob diese Kritik aber von echten Ooono-Nutzern kommt oder ob diese Kritik fremdgesteuert ist, bleibt unklar.
Fakt ist: Ooono kann wie Blitzer.de auf eine aktive Community blicken. Und wenn von dieser Gemeinschaft viele Gefahrenstellen auch aktiv gemeldet werden, muss sich Ooono sicher nicht hinter dem Wettbewerb verstecken. Auch nicht hinter Blitzer.de.
Was ich aus Kopenhagen mitnehme: Ooono nimmt seine Community ernster als viele Hardware-Hersteller. Ein Kundenservice mit echten Menschen statt Bot-Wand und 26.000 Fahrer im Drivers Council sind keine Selbstverständlichkeit. Der Abschied von Blitzer.de ist mutig, aber auch eine Chance. Gerade dort, wo wenige Ooono-Nutzer unterwegs sind, muss sich noch zeigen, ob die eigenen Daten wirklich reichen. Der CoDriver No3 wirkt in jedem Fall durchdacht, die Tankstellensuche ist ein echter Mehrwert. Ich bleibe dran. Der Testbericht zum neuen Blitzerwarner folgt schon bald.
