Kassenbons führen ein kurzes, unbeachtetes Leben. Sie rollen aus dem Drucker, wandern in die Jackentasche und von dort meist ungelesen in den Müll. In einem Supermarkt hängt nun ein Zettel, der diesem Leben einen überraschenden Marktwert gibt: zehn Euro pro Stück.
Unbekannter will fremde Kassenbons
„Suche Kassenbons“ steht darauf, darunter zwölf Abende zwischen dem 23. Juli und dem 11. August, jeder mit minutengenauer Zeitspanne, drei davon mit einem roten „x2“ markiert. Ein Reddit-Nutzer hat den Aushang fotografiert. Nach seinen Angaben hängt er in einem Penny. Unter dem Foto wird eifrig spekuliert, vom Alibi bis zum Nebengeschäft des Kassenbonsammlers. Die Uhrzeiten legen allerdings eine Erklärung nahe, die weniger nach Krimi klingt und dafür umso mehr nach deutschem Parkplatzmanagement.
Dieses Element von Reddit kann auf dieser reduzierten Version der Webseite nicht dargestellt werden.
jetzt ansehenJedes Fenster beginnt zwischen 18:29 und 18:48 Uhr, also zum Feierabend, und endet zwischen 20:56 und 22:42 Uhr. So minutengenau protokollieren Kameras an Parkplatzeinfahrten, wie sie laut Verbraucherzentrale NRW manche Betreiber einsetzen. Die naheliegende Vermutung: Jemand hat zwölf Abende lang auf dem Parkplatz des Marktes gestanden, sich dafür Vertragsstrafen eingefangen und sucht nun Belege, die ihn nachträglich zum Kunden machen. Beweisen lässt sich das nicht, die Telefonnummer ist auf dem Foto abgeschnitten, und der Reddit-Nutzer hat auf eine Anfrage von inside digital nicht reagiert.
Der Kassenbon als Freifahrtschein
Auf einem Supermarkt-Parkplatz gilt ein Vertrag, und wer ihn bricht, zahlt eine Vertragsstrafe, typischerweise 30 oder 40 Euro. Wer nachweislich eingekauft hat, kommt bei manchen Betreibern trotzdem davon: „fair parken“ etwa storniert oder reduziert die Strafe in vielen Fällen, wenn ein Kassenbon vorliegt, wie das Unternehmen der Stuttgarter Zeitung mitteilte. Genau diese Tür will der Unbekannte mit fremden Bons öffnen.
→ Zum Nachmachen: Die Zettel-Methode im Küchenschrank
Man kann über ihn lachen, aber er hat das System nur zu Ende gedacht. Kunde ist auf dem Supermarkt-Parkplatz, wer einen Bon vorweisen kann. Wer keinen hat, ist Dauerparker und damit so etwas wie ein Schwarzfahrer mit Lenkrad. Eine Kamera zählt die Minuten, ein Brief nennt den Preis. Wenn der Kassenbon die Währung ist, mit der man sich vom Verdacht freikauft, war es nur eine Frage der Zeit, bis jemand anfängt, mit ihr zu handeln.
Der Plan hat nur einen Schönheitsfehler, und der steht vermutlich auf dem Schild neben der Eingangstür. Laut dem Reddit-Nutzer schließt der Penny um 21 Uhr, elf der zwölf Zeitfenster enden später. Ein Bon kann belegen, dass jemand um 19:15 Uhr Milch gekauft hat. Warum das Auto danach bis 22:42 Uhr stehen blieb, fast zwei Stunden nach Ladenschluss, erklärt er nicht.
Gegenüber inside digital stellt Rechtsanwalt Christian Solmecke, Partner der Kanzlei WBS.LEGAL, klar: Bei überschrittener Höchstparkdauer ist die Strafe ohnehin verwirkt, Einkauf hin oder her. Kulanz gibt es meist nur für die vergessene Parkscheibe.
Betrug zum Stückpreis
Für Solmecke ist das „ein sehr kurioser, aber rechtlich eindeutiger Fall“: Wer fremde Bons kauft und einreicht, um einen Einkauf vorzutäuschen, begeht Betrug. Allein schon der Versuch ist strafbar. Landet der Streit vor Gericht und legt der Autofahrer die gekauften Bons dort als Beweis vor, wird daraus ein Prozessbetrug, denn getäuscht wird dann der Richter. „Gerichte und Staatsanwaltschaften verstehen bei manipulierten Beweismitteln im Zivilprozess überhaupt keinen Spaß“, sagt uns der Anwalt. Mehr noch.
→ Abzocke bei Aldi, Lidl und Co: So werden Kunden im Supermarkt ausgetrickst
Auch wer seinen Bon für zehn Euro verkauft, ist nicht aus dem Schneider. Ihm droht ein Strafverfahren wegen Beihilfe zum Betrug, und dafür muss er den Plan nicht im Detail kennen. Es reicht, dass er den Zweck billigend in Kauf nimmt. Wer auf einen Aushang mit minutengenauen Abendfenstern reagiert, dem drängt sich nach Solmeckes Worten förmlich auf, dass es „nicht um ein harmloses Sammelalbum geht, sondern um die Abwehr von Parkverstößen“.
Auffliegen kann das Ganze leicht, etwa wenn der Betreiber den Reddit-Post entdeckt oder ein Bon mit der EC-Karte einer ganz anderen Person bezahlt wurde. Dann holt sich der Betreiber die erlassene Strafe zurück, dazu die Kosten für Inkasso und Anwälte. „Aus den gesparten 30 oder 40 Euro pro Ticket werden dann bei zwölf Verstößen schnell mehrere hundert oder gar tausend Euro“, erklärt Solmecke inside digital. Für 150 Euro in fremden Belegen gibt es im Zweifel ein Strafverfahren gratis dazu.
Was wirklich hilft
Wer selbst Post vom Parkplatzbetreiber bekommt, hat bessere Karten als einen gekauften Bon: den eigenen, falls wirklich eingekauft wurde, und einen Blick auf die Schilder. Waren die bei Dunkelheit nicht lesbar, zu klein oder durch Bäume verdeckt, entfällt die Strafe nach Solmeckes Einschätzung. Eine automatische Halterhaftung gibt es ohnehin nicht: Der Halter muss zwar sagen, wer als Fahrer in Frage kam, den konkreten Fahrer aber laut Solmecke „nicht auf dem Silbertablett liefern“.
Der Kassenbon hat eine neue Aufgabe gefunden. Bisher bewies er, dass jemand bezahlt hat, jetzt soll er auch beweisen, dass jemand da war. Das kann er nicht, und für zehn Euro schon gar nicht.
