Ein Nutzer der PayPal-App wollte in diesem Sommer fünf Euro überweisen. Er tippte die Zahl ein, bestätigte, und weg waren fünfhundert. Kein Betrug, kein Tippfehler, sondern ein Update, das die Eingabemaske stillschweigend von Cent auf Euro umgestellt hatte. „Habe zuerst 500 statt 5 gezahlt“, schreibt er im Play Store, mit einem wütenden Emoji hinterher. Es ist eine von vielen Geschichten, die seit diesem Sommer im Bewertungsbereich der App zusammenlaufen wie Regenwasser in einem verstopften Gully.
PayPal wird zum „Werbemonster“
Was PayPal seinen Nutzern seit dem Redesign zumutet, liest sich wie ein Lehrstück darüber, wie man ein funktionierendes Produkt in Rekordzeit gegen die Wand fährt. Die Startseite, früher eine schlichte Übersicht über Zahlungen und Kontostand, ist einem Werbeschaufenster gewichen. Cashback-Deals, Drittanbieter-Angebote, Shopping-Kacheln: Wer wissen will, wann die nächste Ratenzahlung fällig wird, muss sich erst durch Reklame wühlen.
„Etwa 90 Prozent der App sind nun Werbung, die Kernfunktionen nur noch Nebensache“, schreibt ein Nutzer, der sich als früherer Betatester zu erkennen gibt. Sein Urteil: „Ihr wollt jetzt eben eine Werbeplattform sein. Glückwunsch!“ Ein anderer bringt es kürzer auf den Punkt: „Die App ist zum hässlichen Werbemonster mutiert.“
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Das wäre für sich genommen schon eine ordentliche Klatsche. PayPal hat aber noch an einer anderen Stelle seine App verschlimmbessert. Und die frisst nicht Nerven, sondern Strom.
PayPal-App wird zum Akku-Fresser
Dutzende Nutzer berichten unabhängig voneinander von Akkuständen, die im Sekundentakt purzeln, obwohl die App gar nicht geöffnet war. Einer hat vorsichtshalber verglichen: „Tägliche Nutzung laut Akkuaktivität 44,9 Prozent, obwohl die App nur im Hintergrund läuft. Peak war 61,7 Prozent!! WIE???“ Und dann, fast beiläufig, der Vergleichswert, der die ganze Absurdität sichtbar macht: „Zum Vergleich Instagram mit einer Screentime von 1h 27min bei lächerlichen 9,5 Prozent“.
Eine App, die man zum Bezahlen öffnet oder in der man kurz etwas Geld an Freunde verschickt, verbraucht also mehr Akku als eine App, in der man täglich anderthalb Stunden durch Reels scrollt. Cache leeren, neu installieren, Hintergrundaktivität einschränken: Nichts davon scheint das Problem bei allen Nutzern dauerhaft zu lösen.
Ein Muster zeichnet sich ab: Immer wieder berichten Betroffene, dass der Verbrauch endet, sobald PayPal nicht mehr die Standard-App fürs kontaktlose Bezahlen ist. „Seitdem habe ich PayPal als Standard-App für Zahlungen entfernt und siehe da … 50% Akku am Ende des Tages“, schreibt einer. Eine Auswertung des Analysedienstes Unstar zählt unter 4.050 deutschen Play-Store-Bewertungen vom 7. August bis 2. Oktober 1.195 mit Akku- oder CPU-Bezug. In anderen Ländern ist das Problem kaum sichtbar: Unter den negativen Bewertungen seit dem 17. August nennt in Frankreich eine von 217 den Akku, in Italien keine von 223. Hierzulande setzt PayPal seit dem Ende der Google-Wallet-Anbindung auf eine eigene NFC-Lösung in der App. Ob das die Ursache ist, ist nicht belegt. Und nicht jeder, der NFC abschaltet, wird den Akkufresser los.
Einer fasst seinen Frust so zusammen: „Von einer eigentlich perfekten App zum letzten Schrott und das in kürzester Zeit – das muss man erstmal schaffen. Aber ihr habt es super hinbekommen!“
Mögliche Lösung
Ein Nutzer liefert in den Kommentaren unter diesem Artikel möglicherweise den entscheidenden Hinweis: Das Problem tritt offenbar nur auf, wenn die digitale PayPal-Debitkarte eingerichtet und als Standard-App fürs kontaktlose Bezahlen hinterlegt ist. Dann bleibt die NFC-Funktion laut mehreren übereinstimmenden Berichten dauerhaft aktiv, obwohl niemand bezahlt. Wer die digitale Karte nicht nutzt, merkt vom Akkuproblem offenbar nichts.
Nutzer wollen PayPal löschen
Und dann gibt es die Sorte Kommentar, bei der drei fremde Menschen mit Wochen Abstand unabhängig voneinander zum exakt selben Urteil kommen. M. K. schreibt Anfang September: „So ist die App leider nicht mehr nutzbar, werde sie wohl deinstallieren.“ Tom Oelmann formuliert es fast wortgleich: „PayPal jedenfalls am Handy nicht mehr nutzbar.“ Und Shiki Fuujin, ebenfalls im September: „So ist die App nicht mehr nutzbar für mich.“
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Ganz so eindeutig, wie diese Zitate nahelegen, ist das Bild allerdings nicht: Aktuell steht die App bei stabilen 4,2 Sternen aus rund 3,7 Millionen Bewertungen und liegt weiterhin auf Platz 9 der Finanz-Charts im deutschen Play Store. Die Wut ist da, ein Massenexodus lässt sich daraus aber (noch) nicht ablesen. Dennoch rücken Alternativen in den Fokus.
Die Alternative hat ein eigenes Problem
Mehrere PayPal-Bewertungen enden nicht mit einer Beschwerde, sondern mit einer Kampfansage. „Wero kann das wesentlich besser. Ich werde wechseln!“, schreibt ein Nutzer. Ein anderer, der seit Jahren zufrieden war und nun über den Akkuverbrauch klagt, kündigt an: „Ich werde mir mal das europäische Wero anschauen.“ Ein Dritter sieht in der ganzen Misere sogar eine historische Gelegenheit: „Okay, das ist jetzt die Chance schlechthin für Wero.“
Auffällig ist, dass viele Abwanderungswillige ihren Wechsel an eine Bedingung knüpfen. „Sobald Wero mit meiner Bank nutzbar ist, lösche ich mein Paypal Konto komplett”, schreibt Benjamin S. Ein anderer: „Hoffentlich kriegt meine Bank WERO bald auf die Reihe, dann tschüss.” Sie warten nicht auf ein besseres PayPal, sondern auf ihre Hausbank.
Nur: Wer sich daraufhin durch die Play-Store-Bewertungen von Wero klickt, landet nicht im gelobten Land. Er landet in einer Warteschleife. Wero, das europäische Bezahlsystem, das etablierten Bezahldiensten Konkurrenz machen will, hat nämlich ein ziemlich grundlegendes Problem: Wer Geld senden will, wird zur Banking-App der eigenen Bank weitergeleitet. Vorausgesetzt, die Bank macht überhaupt mit.
Wero steckt in der Warteschleife
Ein Nutzer bringt die Verwirrung auf den Punkt: „Ich öffne Wero um damit die Banking-App zu öffnen? Warum kommt kein ausgereiftes Produkt daher?“ Ein anderer findet dafür ein Bild, das die Konstruktion ziemlich treffend beschreibt: „Kaufen Sie sich ein Auto, wo die Räder erst irgendwann geliefert werden?“
Denn die Liste der Banken, die überhaupt mitmachen, lässt sich eher als Warteliste lesen denn als vollständiges Ökosystem. Ja, ING, Sparkasse oder Postbank sind dabei. DKB, Commerzbank, Comdirect, Trade Republic, C24 oder HypoVereinsbank fehlen. Bei den Nutzern, die dort keine Unterstützung finden, bleibt Wero somit vor allem eines: eine weitere App auf dem Smartphone.
„Das ist Kleinstaaterei, bei der die Banken ihre eigenen Befindlichkeiten vor den Nutzen für den Konsumenten stellen“, schreibt ein Nutzer. Ein anderer nennt das Ganze schlicht „Broken by Design“.
Und das ist inzwischen kein frisches Startproblem mehr. Fast zwei Jahre nach dem Start beschweren sich Nutzer im September 2026 noch immer über dieselben Dinge wie Ende 2024: Die eigene Bank fehlt, die App leitet nur weiter, einen echten Mehrwert gegenüber der normalen Überweisung erkennen sie nicht.
Zwei Apps, ein ziemlich großes Problem
Damit stehen PayPal und Wero plötzlich an ziemlich unterschiedlichen Enden desselben Problems. Die eine hat ein einst tadelloses Produkt in eine Werbetafel mit Akku-Loch verwandelt. Die andere hat fast zwei Jahre gebraucht, um im Wesentlichen ein Weiterleitungs-Button zu bleiben.
Beim Umgang mit schlechten Bewertungen unterscheiden sich beide dann doch. Der offizielle Wero-Account antwortet brav, seit Jahren ähnlich: Danke für das Feedback, wir nehmen die Kritik ernst, wir arbeiten daran. Bei PayPal findet sich in den ausgewerteten Bewertungen keine einzige Antwort. „Leider gibt es dazu keinerlei Reaktion oder Stellungnahme von PayPal”, schreibt ein Nutzer am 14. Oktober. Die Wero-Kunden werden also nicht ignoriert. Sie werden nur mit großer Höflichkeit im Regen stehen gelassen. Bei PayPal fehlt sogar die Höflichkeit.
Update, 27. Oktober: Knapp sechs Wochen nach Erscheinen dieses Artikels melden Nutzer weiter, dass das Akkuproblem nicht behoben ist. Noch am 25. Oktober schreibt einer: „Zu früh gefreut. Das Akku-Problem ist immer noch da!“ Seit Anfang Oktober berichten Nutzer außerdem von neuen Fehlern: Beim Start erscheint „Diese Betaversion ist für dich leider noch nicht verfügbar“, obwohl sie nie an einem Betatest teilgenommen haben, und an der Kasse werden Zahlungen abgelehnt.
Dieser Artikel war nur die Spitze. In unserem WhatsApp-Kanal life & money geht’s weiter: mit Umfragen, in denen wir wissen wollen, ob du schon zu Wero gewechselt bist oder einfach nur wartest, bis deine Bank sich dazu herablässt. Mit Memes, die nur versteht, wer schon mal aus Versehen 500 statt 5 Euro verschickt hat. Und mit nicht immer ganz ernst gemeinten Spartipps, die hier keinen Platz mehr fanden. Hier kostenlos folgen.
