Ehe wir auf das Auto als solches blicken, ein kurzer Blick auf die noch junge Geschichte von Togg. Es handelt sich um ein Joint Venture, an dem mehrere türkische Großkonzerne beteiligt sind: die Anadolu Group, der Militär- und Nutzfahrzeuge-Hersteller BMC, der Mobilfunknetzbetreiber Turkcell, die Zorlu Holding und der Verband der Kammern und Warenbörsen der Türkei (TOBB). Sie alle waren an der Entwicklung des Togg T10X beteiligt. Das Auto ist bereits seit 2023 in der Türkei erhältlich. Nun betritt erstmals ein in der Türkei entwickeltes Elektroauto den europäischen Markt. Togg positioniert sein Modell als modernes, digital vernetztes SUV mit konkurrenzfähiger Reichweite und zeitgemäßer Ladeleistung. Doch wie schlägt sich der T10X im Alltag? Wir verraten dir alles zu Design, Technik, Reichweite, Ladezeit, Ausstattung und Preis-Leistungs-Verhältnis.
Togg T10X: Technische Daten im Überblick
Bevor wir ins Detail gehen, hier die wichtigsten Eckdaten des im türkischen Gemlik gebauten T10X in Kurzform:
- Antrieb: Heckantrieb oder Allrad (Dual Motor)
- Leistung: 160 kW / 218 PS (RWD) 320 kW / 435 PS (AWD)
- Batteriekapazität: 52,4 kWh (Standard Range) oder 88,5 kWh (Long Range & AWD)
- Reichweite (kombiniert / WLTP): 314 km (Standard Range), 523 km (Long Range), 468 km (AWD)
- 0–100 km/h: 7,4 Sekunden (kleiner Akku), 7,8 Sekunden (großer Akku), 4,8 Sekunden (AWD)
- DC-Ladeleistung: bis zu 180 kW
- AC-Ladeleistung: bis zu 22 kW (serienmäßig nur beim AWD)
Damit tritt der T10X direkt gegen etablierte Elektro-SUVs wie das Tesla Model Y (Test) oder den Hyundai Ioniq 5 (Test) an. Wir haben für diesen Testbericht das knapp 2,2 Tonnen schwere Modell T10X LR RWD, also die Variante mit Heckantrieb und 88,5 kWh großem Akku, näher angesehen.

Exterieur: Modernes SUV-Design mit Eigenständigkeit
Optisch zeigt sich der Togg T10X extrem selbstbewusst. Die Front prägt ein geschlossenes, EV-typisches Kühlergrill-Design mit markanter Lichtsignatur. Vertikal angeordnete Lamellen sollen an Tulpen aus Anatolien erinnern. Denn: In der osmanischen Kultur steht die Tulpe für Wohlstand und Macht. Die sichelförmigen LED-Scheinwerfer unterstreichen den futuristischen Anspruch. Insgesamt wirkt das Fahrzeug klar gezeichnet, mit fließenden Linien. Am Heck kommt ein dezenter Dachkantenspoiler zum Einsatz. In Summe überwiegt ein eher wuchtiges Erscheinungsbild, das mehr an einen Jeep Grand Cherokee als an einen Škoda Enyaq erinnert.
Die Proportionen sind ausgewogen: Mit knapp 4,60 Metern Länge ordnet sich der T10X im Segment der hierzulande beliebten Kompakt-SUVs ein. Die betonte Schulterlinie sorgt für Präsenz, ohne übertrieben zu wirken. Im direkten Vergleich mit Wettbewerbern fällt auf: Der Togg T10X versucht nicht, europäische Designs zu kopieren, sondern setzt auf eine eigenständige Identität.
Innenraum: Digital, großzügig und hochwertig
Im Innenraum wird schnell klar, worauf Togg Wert legt: Digitalisierung und Vernetzung. Das Cockpit wird von einem durchgehenden, breiten Bildschirm dominiert, der auf 29 Zoll mehrere Bildschirme zu einer optischen Einheit zusammenführt. Eine digitale Instrumentenanzeige hinter dem Lenkrad (8 Zoll), das Infotainment-System und das Beifahrerdisplay gehen nahezu nahtlos ineinander über.

Das erinnert stark an den Hyperscreen von Mercedes-Benz oder an das dritte Display im Xpeng G9 (Test), auf dem der Beifahrer zum Beispiel in der Lage ist, YouTube-Videos zu schauen. Warum Togg aber zusätzlich noch auf einen weiteren Bedien-Touchscreen (8 Zoll) setzt, der unterhalb der Lüftungsdüsen zu finden ist, bleibt ein Rätsel. Wer während der Fahrt Einstellungen am Fahrzeug ändern möchte, weicht mit dem Blick weit von der Straße ab. Suboptimal!

Auch im Fond und im Kofferraum ist ausreichend Platz
Die Materialanmutung überzeugt: Weiche Oberflächen, präzise Verarbeitung und ein aufgeräumtes Design vermitteln Premium-Ambitionen. Das Platzangebot ist vorn wie hinten großzügig. Dank der flachen Batterieplattform profitieren Passagiere von einem ebenen Fahrzeugboden und viel Beinfreiheit. Hier wirkt sich auch der Radstand von 2,89 Metern positiv aus.

Auch das Kofferraumvolumen fällt im Segment solide aus: 441 Liter Basis-Ladevolumen lassen sich durch Umlegen der Rücksitze auf bis zu 1.515 Liter erweitern. Für Familien oder Vielfahrer bietet der T10X ausreichend Stauraum für Alltag und Urlaubsreise. Unser Test zeigt auch: Eine Hundebox für etwa einen Labrador oder einen Golden Retriever passt quer in den Kofferraum. Dafür ist es nicht notwendig, einen der Rücksitze umzulegen. Eine komfortable, elektrische Heckklappe ist bei der Version V2 des T10X mit Heckantrieb serienmäßig an Bord. Einen Frunk unter der Fronthaube gibt es nicht, dafür aber ein Unterboden-Staufach im Kofferraum, um dort etwa ein AC-Ladekabel verstauen zu können.

Infotainment und Software: Der größte Schwachpunkt!
Ein zentrales Element des T10X ist seine Software-Architektur. Togg versteht das Fahrzeug als "Smart Device" auf Rädern. Over-the-Air-Updates (OTA) sind fester Bestandteil des Konzepts. Funktionen können so nachträglich erweitert oder optimiert werden.
Die gute Nachricht ist: Navigation, Konnektivität und Assistenzsysteme sind umfangreich integriert. Die schlechte: Im Vergleich zu etablierten Systemen wirkt die Menüführung bei Togg verschachtelt und komplex. Noch mehr hat während unseres Tests aber gestört, dass das System eine gefühlte Ewigkeit benötigt, um komplett hochzufahren. Man ist schon einen halben Kilometer gefahren, ehe auf den Monitoren all das angezeigt wird, was angezeigt werden soll, und die Touchscreens entsprechend reagieren. Das ist etwas anstrengend. Immerhin: Mit einem der kommenden Updates soll sich nach Auskunft eines Unternehmenssprechers die Nutzererfahrung spürbar verbessern.
Software-Updates wünschenswert
Schade ist auch, dass sich der Wagen manche Dinge nicht oder nur schwer merken kann. Vor jedem Start mussten wir etwa die Sprache aufs Neue von Türkisch auf Deutsch umstellen. Auch die gewählte Rekuperationsstufe war phasenweise nach dem Ausschalten des Autos nicht gespeichert. Das lässt sich von Togg aber per Software-Update sicher ebenfalls nachjustieren.

Apropos Ein- und Ausschalten. Der Wagen tut zwar immer das, was er soll, doch man muss sich strikt an die richtige Abfolge zwischen Start-Stopp-Knopf-Drücken und Betätigen des Bremspedals halten. Ansonsten streikt der Wagen – oder aktiviert wie in einem Fall während unseres Tests die Alarmanlage. Unangenehm.
Ein DAB-Radio haben wir in unserem Testwagen vergeblich gesucht. Analoge FM-Sender statt Digitalradio waren angesagt. Für Autos, die auf den deutschen Markt kommen, soll ein DAB-Radio aber serienmäßig an Bord sein, heißt es vom Hersteller. Alternativ stellt Togg ein App-basiertes AI-Radio zur Verfügung und unterstützt auch Spotify. Und leider ist auch die Sprachsteuerung für deutsche Nutzer praktisch unbrauchbar. Sie versteht selbst die einfachsten Sprachbefehle nicht. Auch hier bleibt zu hoffen, dass ein Update für Besserung sorgt.
Antrieb und Fahrverhalten: Souverän und dynamisch
Im Fahrtest zeigt sich der T10X angenehm ausgewogen. Die Heckantriebsvariante liefert mit rund 160 kW ausreichend Leistung für den Alltag. Die Beschleunigung ist spontan, typisch für Elektrofahrzeuge. Allerdings liegt der Wagen ziemlich schwer auf der Straße. Sportwagen-Feeling darf man bei diesem SUV abseits der Allrad-Variante nicht erwarten. In der Spitze sind laut Hersteller 185 km/h möglich. Wir haben aber nur 184 km/h vom Digitaltacho ablesen können. Der Wagen schafft also tatsächlich nur 180 km/h Spitzengeschwindigkeit.
Das Fahrwerk ist komfortorientiert abgestimmt, ohne schwammig zu wirken. Unebenheiten werden sauber absorbiert, gleichzeitig bleibt das Fahrzeug in Kurven stabil. Die Lenkung arbeitet präzise, könnte jedoch etwas mehr Rückmeldung bieten. Besonders bei höheren Geschwindigkeiten wäre ein weniger schwammiges Feedback wünschenswert. Unterwegs bist du serienmäßig auf 19-Zoll-Felgen. Nur die weniger umfangreich ausgestattete V1-Variante des Autos mit Heckantrieb fährt ab Werk auf 18-Zoll-Bereifung. Bei nassen Straßen kann es vorkommen, dass die Reifen durchdrehen, wenn man zu stark aufs Strompedal tritt.

Die Gänge werden im Togg T10X über einen Gangwahlschalter an der Mittelkonsole eingelegt. Störend: Stößt man während der Fahrt mit dem Knie gegen diesen Schalter, kann es passieren, dass das Auto in den N-Modus (Leerlauf) schaltet. Ist der Tempomat aktiv, wird dieser dann unbeabsichtigt ausgeschaltet und die Geschwindigkeit reduziert. Gut gelöst: Die Stärke der Energierückgewinnung (Rekuperation) lässt sich über praktische Tasten an der Mittelkonsole binnen weniger Augenblicke einstellen. Ebenso der Fahrmodus (Eco / Komfort / Sport). One-Pedal-Driving wird unterstützt, was besonders in der Stadt für entspanntes Fahren sorgt.
Reichweite und Verbrauch im Alltag
Mit der großen 88,5-kWh-Batterie erreicht der T10X laut WLTP-Zyklus bis zu 523 Kilometer Reichweite. In der Praxis dürft Ihr – je nach Fahrstil und Witterung – mit rund 400 bis 450 Kilometern rechnen. Aber nur im Sommer. Wir haben den Wagen im Winter auf die Probe gestellt und kamen deutlich weniger weit. Bereits nach 340 Kilometern war der Stopp an der Schnellladesäule notwendig.
Winter-Verbrauchswerte im Durchschnitt pro 100 Kilometer:
- Stadt: 26,1 kWh
- Landstraße: 23,8 kWh
- Autobahn: 26,7 kWh

Dass der Wagen in der Stadt in unserem Test auf einen enorm hohen Verbrauch kam, lag in erster Linie an den durchgehend winterlichen Temperaturen. Aber nicht nur. Erschwerend kommt hinzu, dass dem Togg T10X eine Wärmepumpe fehlt. Das ständige Aufheizen des Innenraums mindert die Effizienz und treibt den Verbrauch in die Höhe.
Ladeleistung und Ladezeit
Der Togg T10X unterstützt DC-Schnellladen mit bis zu 180 kW. Unter optimalen Bedingungen lässt sich die Batterie in rund 28 Minuten von 20 auf 80 Prozent laden, verspricht der Hersteller. Wir haben im Anschluss an eine Autobahnfahrt von 8 auf 80 Prozent in 35 Minuten geladen. Direkt zu Beginn lag die Ladeleistung bei 125 kW und steigerte sich bei 10 Grad Außentemperatur langsam auf bis zu 140 kW. Die versprochenen 180 kW haben wir nicht erreicht.

An der heimischen Wallbox oder an einer Normalladesäule kannst du neue Energie mit 11 kW ziehen. Das Allradmodell lässt eine AC-Ladeleistung sogar serienmäßig mit 22 kW zu. Für alle anderen Modelle gibt es dieses Top-Feature für den Alltag nur gegen Aufpreis (+750 €). Richtig praktisch: Der Ladeanschluss ist beim Topp T10X vorne rechts zu finden. Zu kurze Ladekabel, die bei manchem E-Auto wildes Rangieren an der Ladesäule notwendig machen, sind für den "Türkei-Tesla" kein Problem. Einfach frontal an die Ladesäule fahren, Kabel anstecken und losladen.

Sicherheit und Assistenzsysteme
Der T10X verfügt zudem über ein umfassendes Paket an Fahrerassistenzsystemen. Dazu gehören:
- Adaptiver Tempomat
- Spurhalteassistent
- Notbremsassistent
- 360-Grad-Kamera
- Verkehrszeichenerkennung
Die Systeme arbeiten in weiten Teilen zuverlässig und unterstützen den Fahrer im Alltag spürbar. Achtung: In der Basisversion V1 fehlen einige Assistenzsysteme. Und: Du solltest dich nicht zu sehr auf die im Auto angezeigte zulässige Höchstgeschwindigkeit verlassen. Die Angaben waren während unseres Tests oft schlicht falsch. Die Aktivierung der einzelnen Assistenzsysteme könnte zudem etwas intuitiver sein.
Preis und Marktpositionierung
Ein entscheidender Faktor für den Erfolg in Europa ist natürlich der Preis. Gerade in der stark nachgefragten Klasse der Kompakt-SUVs spielen die Konditionen eine sehr gewichtige Rolle. Die schlechter ausgestattete Variante V1 des Togg T10X mit Heckantrieb und großer Reichweite steht gegenwärtig ab 40.118 € zur Verfügung. Die von uns getestete V2-Version, die eine bessere Serienausstattung bietet, kostet mindestens 41.200 €. Mit Allradantrieb geht es bei 49.200 € los.
Ein Premium-Soundsystem von Meridian mit einer Gesamtleistung von 470 Watt kostet ebenso 1.000 € zusätzlich wie ein Panoramadach. Farben? Bis zu acht an der Zahl stehen zur Auswahl. Abhängig davon, für welches Modell du dich entscheiden möchtest. Das Basismodell mit kleinerem Akku gibt es hierzulande aktuell nicht. Es soll – wenn es eines Tages auch hierzulande verfügbar sein wird – 34.295 Euro kosten.
Ausgeliefert wird der Togg T10X aktuell übrigens nur zu BLG in Kelheim bei Regensburg. Ein weiteres Auslieferungszentrum in Düsseldorf ist geplant. Gegen Aufpreis ist auch eine Zustellung zu dir nach Hause möglich, verspricht der Hersteller. Offizielle Service-Zentren gibt es derzeit laut Herstellerangaben nur in Berlin, Essen und Nürnberg; weitere in München und Frankfurt sind in Planung.
Fazit: Hat der Togg T10X das Potenzial zum Erfolg?
Der Togg T10X ist mehr als nur ein neues Elektro-SUV – er markiert den Einstieg eines neuen Herstellers in den internationalen Markt. Design, Verarbeitung, Reichweite und Ladeleistung bewegen sich auf Augenhöhe mit etablierten Wettbewerbern.
Vorteile Togg T10X
- Modernes, eigenständiges Design
- Großzügiger Innenraum
- angenehme Fahreigenschaften auf der Langstrecke
- hochwertige Verarbeitung
Nachteile Togg T10X
- hoher Verbrauch im Winter
- Software-Feinschliff noch ausbaufähig (komplexe Bedienung)
- Sensortasten am Lenkrad wenig komfortabel
- Sprachsteuerung quasi unbrauchbar

Der Togg T10X hinterlässt einen positiven Eindruck hinsichtlich seiner Fahreigenschaften. Wer ein modernes Elektro-SUV mit viel Technologie, solider Reichweite und starkem Design sucht, sollte dieses Modell im Blick behalten. Über Schwächen bei der Software und bei der Bedienung sollte man aber hinwegsehen können. Oder mit reichlich Hoffnung ausgestattet sein, dass Togg diese Nachteile mit nachgelagerten Updates in den Griff bekommt. Im Euro NCAP Crashtest hat der Togg T10X übrigens gut abgeschnitten: volle fünf Sterne wurden eingefahren.






