Für rund 21 Millionen Rentner in Deutschland ist der Dezember auf dem Kontoauszug ein Monat wie jeder andere. In Spanien läuft das anders. Hier gibt es, wie in einigen anderen europäischen Ländern, ein Weihnachtsgeld. Die Seguridad Social, das spanische Gegenstück zur deutschen Sozialversicherung, zahlt die Rente in 14 Raten aus. Die zwei zusätzlichen heißen „pagas extraordinarias“ und kommen mit der Juni- und der November-Rente.
Das klingt nach einem Geschenk, das sich Deutschland einfach nicht leisten will. Ganz so ist es nicht, denn die spanische Extra-Rente ist zu einem guten Teil Rechenkosmetik. Peinlich wird der Vergleich für Deutschland trotzdem. Nur nicht wegen der zwei Extra-Überweisungen.
Weihnachtsgeld für Rentner in Spanien
Rechtlich ist die Sache sauber geregelt. Das spanische Sozialversicherungsgesetz schreibt vor, dass beitragsbezogene Renten in 14 Raten ausgezahlt werden: zwölf Monatsrenten plus zwei Sonderzahlungen im Juni und November, jede so hoch wie eine reguläre Monatsrente.
Den Trick versteht man erst bei der Berechnung. Für die Altersrente addiert die Seguridad Social die Beitragsgrundlagen der letzten 300 Monate, also 25 Jahre. Geteilt wird die Summe aber nicht durch 300, sondern durch 350. Und 350 sind 25 Jahre mal 14. Die Rente ist also von Anfang an so gerechnet, dass sie sich auf 14 Raten verteilt.
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Ein Beispiel: Wer nach dieser Formel 21.000 Euro im Jahr bekommt, erhält 14-mal 1.500 Euro. Mit zwölf Raten wären es 1.750 Euro im Monat. Am 31. Dezember steht auf dem Konto exakt dieselbe Summe. Somit ist die Weihnachtsrente demnach kein Geschenk der Regierung. Sie ist ein Teil der eigenen Rente, den die Kasse sechs Monate lang einbehält und dann am Stück auszahlt. Wertlos ist das trotzdem nicht.
Wer im November die doppelte Überweisung bekommt, muss für die Geschenke der Enkel keinen Dispo ziehen. Im Juni 2026 flossen für reguläre Rente und Sonderzahlung zusammen gut 28,4 Milliarden Euro aus der Kasse, an einem einzigen Zahltermin.
Warum Deutschland nur zwölfmal zahlt
Mit Großzügigkeit hat der Unterschied wenig zu tun, mit Lohnkultur viel. In Spanien hat jeder Arbeitnehmer per Gesetz Anspruch auf zwei Sonderzahlungen im Jahr, eine davon zu Weihnachten, so steht es in Artikel 31 des Arbeitnehmerstatuts. Erfunden hat das die Franco-Diktatur: 1944 gab es per Dekret erstmals eine Weihnachtsgratifikation, 1947 folgte eine zweite zum 18. Juli, dem Feiertag der „Erhebung“ von 1936. Die Demokratie hat beide Zahlungen behalten und das Juli-Geld in „paga extra de verano“ umgetauft. Die Rentenkasse zahlt heute im selben Takt, in dem Spanier ihr ganzes Arbeitsleben lang Gehalt bekommen haben.
In Deutschland gibt es keinen gesetzlichen Anspruch auf Weihnachtsgeld. Es steht im Tarifvertrag, im Arbeitsvertrag oder nirgends. Entsprechend kennt auch die gesetzliche Rente keine Sonderzahlung. In der Rente steckt das Weihnachtsgeld trotzdem.
Wer es bekommt, zahlt darauf Rentenbeiträge, bis zur Beitragsbemessungsgrenze. Es erhöht das Jahresbrutto und damit die Entgeltpunkte. Der Effekt ist derselbe wie in Spanien, nur ohne Schleife drum: Die Rentenversicherung verteilt das Geld auf zwölf statt auf 14 Überweisungen. Ein Weihnachtsgeld für Rentner nach spanischem Muster hätte hierzulande also einen simplen Haken. Es müsste vorher von den zwölf Monatsrenten abgezwackt werden.
Weihnachtsgeld: Unterschied zwischen Rentnern und Beamten
Ruheständler mit echtem Weihnachtsgeld gibt es in Deutschland allerdings. Sie heißen nur nicht Rentner. Berlin zahlt seinen pensionierten Beamten im Dezember eine Sonderzahlung von 450 Euro. Und weil sich Pensionen am letzten Gehalt orientieren statt am ganzen Erwerbsleben, kommen männliche Ex-Landesbeamte nach Zahlen des Instituts Arbeit und Qualifikation auf durchschnittlich 3.750 Euro Ruhegehalt im Monat. Männliche Altersrentner kamen Ende 2024 auf 1.405 Euro. Der Vergleich hinkt, weil die Pension auch die Betriebsrente ersetzt und Beamte im Schnitt höher qualifiziert sind. Um 2.345 Euro hinkt er aber nicht.
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Der eigentliche Skandal
Ob eine Rente in zwölf oder 14 Raten kommt, ist Buchhaltung. Wie hoch sie ist, nicht. Und da liegen zwischen beiden Ländern Welten.
Eins zu eins vergleichbar sind die Durchschnitte nicht. In der deutschen Statistik stecken Millionen Kleinstrenten von Menschen, die nur ein paar Jahre eingezahlt haben. Spanien zahlt eine beitragsbezogene Rente erst ab 15 Beitragsjahren. Also der faire Vergleich: Wer in Deutschland mindestens 45 Jahre versichert war, bekam Ende 2025 im Schnitt 1.712 Euro im Monat ausgezahlt, 20.544 Euro im Jahr. Das ist weniger als die spanische Durchschnittsrente. Der deutsche Durchschnittslohn liegt laut OECD bei gut 63.000 Euro, der spanische bei knapp 32.000 Euro.
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Dazu kommt der Abzug, über den in Spanien niemand nachdenken muss. Die Gesundheitsversorgung wird dort aus Steuern bezahlt, von der Rente gehen keine Sozialbeiträge ab. Deutsche Rentner zahlen 7,3 Prozent Krankenversicherung, die Hälfte des Zusatzbeitrags ihrer Kasse und den vollen Pflegebeitrag von 3,6 Prozent, ohne Kinder 4,2 Prozent. Bei 1.800 Euro Bruttorente sind das gut 222 Euro im Monat. Aufs Jahr gerechnet rund 2.670 Euro, also anderthalb Monatsrenten. Die deutsche Variante der Extra-Rente, nur mit Minuszeichen.
Die 48 Prozent, die die Bundesregierung als Haltelinie verteidigt, beschreiben übrigens einen Eckrentner mit 45 Beitragsjahren und exakt durchschnittlichem Verdienst, gemessen vor Steuern. Eine Modellfigur. Seine Rente liegt seit Juli 2026 bei 1.913,40 Euro brutto.
Hier gibt es 13 oder 14 Renten im Jahr
Spanien ist in Europa kein Sonderfall. Echtes Zusatzgeld zahlt von den Nachbarn allerdings nur einer.
Die Schweizer haben sich ihre 13. AHV-Rente am 3. März 2024 an der Urne geholt, gegen den Rat von Regierung und Parlament. Ausgezahlt wird sie erstmals im Dezember 2026, zusammen mit der Dezember-Rente. Alleinstehende bekommen zwischen 1.260 und 2.520 Franken extra. Witwen- und Invalidenrenten bleiben bei zwölf Zahlungen. Kostenpunkt: vier bis fünf Milliarden Franken im Jahr. Wie das bezahlt wird, ist politisch noch umstritten. Wer zwischen Januar und November stirbt, dessen Erben gehen leer aus. Auch eine Form von Generationengerechtigkeit.
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Portugal zeigt, wie flüchtig so eine Tradition ist. In der Euro-Krise verteilte Lissabon das Weihnachtsgeld der Rentner ab 2013 auf zwölf Monatsraten, also nach deutschem Muster. Erst 2018 kam es wieder am Stück. Die deutsche Auszahlungsweise galt dort als Krisenmodus.
Spanien als Vorbild für Deutschland?
Bevor jemand den Umzug an die Costa plant: Umsonst ist das spanische Modell nicht. Arbeitgeber und Beschäftigte führen 2026 zusammen 28,3 Prozent des Lohns an die Seguridad Social ab. Dazu kommen 0,9 Prozent für den Generationenmechanismus MEI, der in den Reservefonds der Rentenkasse fließt. Aus dem Topf werden neben den Renten auch andere Leistungen bezahlt. Der deutsche Rentenbeitrag von 18,6 Prozent liegt trotzdem weit darunter.
Und selbst das reicht nicht. Von Januar bis November 2025 überwies der spanische Staat gut 46 Milliarden Euro aus dem Haushalt an die Sozialversicherung, 11,5 Prozent mehr als im Vorjahr. Ein Teil davon ist auf Pump finanziert. Die unabhängige Haushaltsbehörde AIReF erwartet, dass die Rentenausgaben bis 2050 auf 16,4 Prozent der Wirtschaftsleistung steigen und die Zuschüsse aus dem Staatshaushalt auf drei Prozent. Wollte Spanien die Renten allein aus Beiträgen bezahlen, müsste der Satz nach einer Modellrechnung von BBVA auf rund 42 Prozent klettern.
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Der Unterschied zwischen beiden Ländern ist am Ende eine politische Entscheidung. Spanien hat beschlossen, dass die Rente den Lebensstandard halten soll, und zahlt dafür mit hohen Beiträgen und neuen Schulden. Deutschland hat sich mit der Rentenreform 2001 für niedrige Beiträge entschieden und schickt die Leute für den Rest zu Riester, zur Betriebsrente und ab 2027 zum Altersvorsorgedepot. Ob die Spanier ihre Rechnung irgendwann bezahlen können, ist offen. Die Deutschen haben ihre schon bezahlt, mit dem Rentenniveau.
Zusatzbeitrag statt Weihnachtsgeld
Ein Weihnachtsgeld, das man vorher selbst angespart hat, ist streng genommen keins. Spanische Rentner stört das wenig. Sie bekommen im November zwei Überweisungen und übers Jahr im Schnitt mehr als deutsche Rentner mit 45 Versicherungsjahren. Hierzulande kommt im Dezember die ganz normale Dezember-Rente. Bei vielen liegt kurz vorher Post von der Krankenkasse im Briefkasten: der neue Zusatzbeitrag ab Januar.
