Die Spar-Lüge: Warum fast 6,5 Millionen Deutsche am Monatsende nichts übrig haben

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Was bleibt vom Gehalt, wenn Miete, Einkauf und Auto bezahlt sind? Das Statistische Bundesamt liefert die Zahlen, und die erste davon wirkt wie ein Rechenfehler. Wer sie Stufe für Stufe durchgeht, sieht, wo am Monatsende Geld übrig bleibt und wo die Rechnung schon lange nicht mehr aufgeht.
Die Spar-Lüge: Warum fast 6,5 Millionen Deutsche am Monatsende nichts übrig haben
Die Spar-Lüge: Warum fast 6,5 Millionen Deutsche am Monatsende nichts übrig habenBildquelle: Blasius Kawalkowski / inside digital

Manche Zahlen sehen aus wie ein Tippfehler. 3.257 Euro gibt ein durchschnittlicher Haushalt in Deutschland pro Monat aus, so hat es das Statistische Bundesamt für das Jahr 2024 ermittelt. Der mittlere Haushalt hatte im selben Jahr aber nur 3.176 Euro netto zur Verfügung. Der Durchschnitt lebt also über die Verhältnisse der Mitte, jeden Monat aufs Neue und ohne dass sich jemand beschwert. Das klingt nach einem Land, das seinen Wocheneinkauf auf Pump erledigt. Ganz so schlimm ist es nicht, ganz harmlos aber auch nicht.

Der Durchschnitt ist ein Hochstapler

Der Trick steckt in zwei Wörtern, die im Alltag dasselbe meinen und in der Statistik nicht. Der Durchschnitt zählt alle Ausgaben zusammen und teilt sie durch die Zahl der Haushalte. Die Mitte, von Statistikern Median genannt, ist dagegen der Haushalt, der genau in der Mitte steht, wenn man alle nach ihrem Einkommen in eine Reihe stellt: Die eine Hälfte hat weniger, die andere mehr.

Man nehme zehn Haushalte und stelle sie nebeneinander. Neun kommen mit 2.000 bis 4.000 Euro netto über die Runden, der zehnte ist ein Ehepaar mit zwei gut bezahlten Jobs und einer Ferienwohnung an der Ostsee. Dieses Paar zieht den Durchschnitt kräftig nach oben, an der Mitte ändert es kaum etwas.

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So entsteht ein Durchschnittshaushalt, der mehr ausgibt, als die Mitte verdient: ein Phantom, zusammengesetzt aus den Bescheidenen und den Bequemen. Wer wissen will, was am Monatsende wirklich übrig bleibt, muss dieses Phantom in seine Einzelteile zerlegen.

Die Einkommensleiter, Sprosse für Sprosse

Das Statistische Bundesamt sortiert die Haushalte nach ihrem Nettoeinkommen in fünf Gruppen und notiert, was jede davon im Monat ausgibt. Für die Frage, was übrig bleibt, nehmen wir jeweils die Mitte der Einkommensspanne. Das ist eine Näherung, aber eine ehrliche.

Auf der untersten Sprosse geht die Rechnung nicht auf, und sie kann es auch gar nicht. Haushalte mit weniger als 1.300 Euro netto geben im Schnitt 1.332 Euro aus, also mehr, als in dieser Gruppe überhaupt hereinkommen kann. Woher die Differenz stammt, verrät die Statistik nicht; infrage kommen Erspartes, der Dispo oder Verwandte, die aushelfen.

Allein Wohnen und Energie verschlingen hier 605 Euro. Selbst wer die 1.300 Euro voll ausschöpft, zahlt damit mindestens 46 Prozent seines Einkommens dafür, ein Dach über dem Kopf zu haben und es darunter warm zu halten.

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Eine Sprosse höher, zwischen 1.300 und 2.600 Euro, wird es nicht entspannter, nur knapper. Ausgaben von 1.948 Euro stehen einer Einkommensmitte von 1.950 Euro gegenüber. Es bleiben rechnerisch zwei Euro. Im Monat.

Erst zwischen 2.600 und 3.600 Euro netto bleibt etwas hängen, rund 350 Euro. In dieser Gruppe steht auch der mittlere Haushalt mit seinen 3.176 Euro. Eine Stufe darüber, bis 5.000 Euro, sind es schon rund 860 Euro.

Ganz oben lässt sich kein Rest seriös ausrechnen, weil die Gruppe nach oben offen ist. Ein Blick auf die Ausgaben verrät trotzdem das Lebensgefühl: 787 Euro im Monat für Verkehr und 378 Euro für Restaurants und Hotels. Auf dieser Sprosse beginnt das Leben, das in Werbeprospekten als ganz normal gilt.

Wohin der Monat fließt

Wie sich so ein Monat auflöst, zeigt der Haushalt aus der Mitte, der zwischen 2.600 und 3.600 Euro netto hat. Von seinen 2.754 Euro Konsumausgaben sind 1.064 Euro für Wohnen und Energie weg, bevor überhaupt jemand den Kühlschrank geöffnet hat. Danach folgen 403 Euro für Lebensmittel und Getränke sowie 354 Euro für Verkehr, also für Auto, Sprit, Bus und Bahn.

Der Rest fühlt sich nach Leben an und läppert sich: 246 Euro für Freizeit, Sport und Kultur, 160 Euro für Restaurants und Cafés, 126 Euro für Handy, Internet und Co., 120 Euro für Möbel und Haushaltsgeräte, 95 Euro für Kleidung und 77 Euro für Gesundheit.

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Dann gibt es noch Ausgaben, die das Statistische Bundesamt gar nicht zum Konsum zählt: freiwillige Versicherungsbeiträge, Unterhaltszahlungen, Geldgeschenke und kleine Steuern wie die Hundesteuer. In der Tabelle oben tauchen sie nicht auf, auf dem Kontoauszug sehr wohl. Die 350 Euro Rest sind also eher das, was übrig bliebe, wenn man weder Hund noch Patenkind hätte.

Die Miete hält zuerst die Hand auf

Bei allen Unterschieden gilt auf jeder Sprosse dieselbe Regel: Erst wird gewohnt, dann gelebt. Wer wenig verdient, steckt einen viel größeren Teil seines Budgets in Wohnen und Energie. Unter 1.300 Euro netto sind es 45,4 Prozent der Konsumausgaben, ab 5.000 Euro nur noch 32,8 Prozent.

Für Mieter verschärft sich das noch. Laut einer Studie des Instituts Wohnen und Umwelt für den Deutschen Mieterbund hatten Mieterhaushalte 2024 im Schnitt 2.960 Euro netto zur Verfügung, Eigentümer dagegen 4.511 Euro. Im untersten Zehntel der Mieter gehen im Mittel 60 Prozent des Nettoeinkommens für Miete, Nebenkosten und Heizung drauf.

Selbst wenn man Empfänger von Sozialleistungen herausrechnet, zahlen rund 3,2 Millionen Mieterhaushalte mehr als 40 Prozent ihres Einkommens fürs Wohnen. Nach Mikrozensus-Zahlen leben im Schnitt 2,01 Menschen in einem deutschen Haushalt. Überschlagen betrifft das Problem damit fast 6,5 Millionen Menschen, nicht nur 3,2 Millionen Haushalte. Statistiker nennen das Überbelastung. Ein freundliches Wort für einen Monat, der regelmäßig zu früh zu Ende ist.

Zehn Euro von hundert

Und trotzdem gelten die Deutschen als fleißige Sparer. Im ersten Halbjahr 2025 lag die Sparquote laut Statistischem Bundesamt bei 10,3 Prozent: Von 100 Euro verfügbarem Einkommen landeten im Schnitt 10,30 Euro auf der hohen Kante.

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Im Schnitt. Dieses Wort kennen wir inzwischen. Nach Angaben der Bundesbank gehört etwa die Hälfte des gesamten Geldvermögens den reichsten zehn Prozent der Haushalte, das sind rund vier Millionen. Am anderen Ende teilen sich etwa 20 Millionen Haushalte gerade einmal acht Prozent.

Die Sparquote ist damit vor allem ein Kunststück der Durchschnittsrechnung. Die einen legen zurück, die anderen legen aus, und unterm Strich stehen zehn Prozent, auf die das ganze Land stolz sein darf.

Und der Rest?

Wer zu den Haushalten gehört, bei denen am Monatsende etwas übrig bleibt, hat eine Frage zu beantworten, die sich die untere Hälfte gar nicht erst stellt. Viele Deutsche beantworten sie traditionell mit dem Tagesgeldkonto, oft mit einem, das kaum Zinsen bringt, wie die DZ Bank anmerkt. Besser ist eine einfache Reihenfolge.

  1. Erst der Puffer. Eine Rücklage für die kaputte Waschmaschine und die Nebenkostennachzahlung gehört auf ein Tagesgeldkonto, an das man jederzeit herankommt. Als Faustregel gelten drei Netto-Monatsgehälter. Ein Zinsvergleich lohnt sich.
  2. Dann die teuren Schulden. Wer gleichzeitig spart und im Dispo steht, zahlt der Bank mehr Zinsen, als er auf dem Sparkonto je bekommt. Der Dispo wird deshalb zuerst ausgeglichen.
  3. Erst danach das lange Geld. Was mehrere Jahre nicht gebraucht wird, kann in einen Sparplan fließen, etwa in breit gestreute ETF. Kurse schwanken allerdings, und wer das Geld bald braucht, ist dort falsch. Für feste Laufzeiten ohne Kursrisiko bleibt Festgeld.

Der Haushalt, den es nicht gibt

Bleibt der Durchschnittshaushalt vom Anfang, der Monat für Monat mehr ausgibt, als die Mitte verdient. Ihm geht es übrigens prächtig. Er wohnt warm und fährt in den Urlaub, und am Monatsende legt er trotzdem noch zehn Prozent zur Seite. Getroffen hat ihn allerdings noch niemand.

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