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30 statt 300 Mbit/s: Warum Telekom, Vodafone & Co. oft keine Entschädigung zahlen müssen

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Viele Handytarife liefern in der Praxis weit weniger Tempo als beworben. Betroffen sind vor allem Kunden der Netzbetreiber in teuren Verträgen. Eigentlich könnte man dafür Geld zurückfordern. Doch das Gesetz schützt die Netzbetreiber weitestgehend davor.
Ein Handy mit einem Speedtest, im Hintergrund ein Sendemast
Das Nachweisverfahren der Bundesnetzagentur schützt die Netzbetreiber

Mobilfunkanbieter werben gern mit hohen Downloadraten. 300 Mbit/s klingen nach viel Leistung und sind in vielen Verträgen – gerade bei den vier Netzbetreibern Telekom, Vodafone, O2 und 1&1 – gängige Praxis. Im Alltag kommt davon aber oft nur ein Teil an. Eine Analyse von Verivox zeigt jetzt, wie groß die Lücke ist. Das Vergleichsportal hat 374 Handy-Vertragstarife untersucht. Der nach Marktanteilen gewichtete Durchschnitt der versprochenen Datenrate liegt demnach bei 245 Mbit/s.

Downloadspeed bei durchschnittlich 75 Mbit/s

Die Praxis sieht anders aus. Der Datenanalyst Ookla hat im März 2026 für Deutschland einen mobilen Downloadspeed von durchschnittlich 75 Mbit/s gemessen. Das entspricht nur 31 Prozent des beworbenen Durchschnittswerts. Andere Studien liegen laut Verivox bei rund 100 Mbit/s. Selbst dann wären es nur 41 Prozent. Nicht einmal die Hälfte.

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Das Problem: Die beworbene Geschwindigkeit ist meist keine feste Zusage. Denn beworben wird stets ein „bis zu“-Wert. Er beschreibt also den theoretisch möglichen Spitzenwert. Dein echtes Tempo hängt vom Smartphone, vom Standort, von der Auslastung der Funkzelle und vom Netz ab. Die einfache Faustregel: Je ländlicher die Region ist oder je mehr Menschen auf einem Fleck sind, desto langsamer ist das Netz.

Warum es trotzdem oft kein Geld zurückgibt

Seit dem 20. April gibt es im Mobilfunk ein verbindliches Nachweisverfahren. Die Bundesnetzagentur hat dafür eine Allgemeinverfügung und eine App bereitgestellt. Damit kannst du prüfen, ob dein Tarif deutlich langsamer ist als vertraglich angegeben. Der Haken liegt in den Schwellenwerten. In Gebieten mit hoher Haushaltsdichte müssen 25 Prozent der vereinbarten geschätzten Maximalgeschwindigkeit erreicht werden. In mittleren Gebieten reichen 15 Prozent. Lebst du in dünn besiedelten Gebieten, reichen sogar 10 Prozent. Bei einem Tarif mit 300 Mbit/s wären auf dem Land also schon 30 Mbit/s genug, damit kein Nachweis einer Minderleistung entsteht. Und das schaffen die meisten Provider tatsächlich.

Wer einen teuren Netzbetreiber-Tarif bezahlt, erwartet oft spürbar mehr als Discounter-Niveau. Rechtlich zählt aber nicht, ob dich der Tarif und die Nutzung im Alltag enttäuschen. Entscheidend ist, ob die Messwerte unter die festgelegten Grenzen fallen. Dafür reicht auch eine Messung nicht. Die Bundesnetzagentur verlangt grundsätzlich bis zu 30 Messungen. Sie verteilen sich auf höchstens fünf Messtage. Pro Tag sind bis zu sechs Messungen vorgesehen. Zwischen den Messungen gelten Mindestabstände, damit das Ergebnis belastbarer wird.

Erst wenn die App eine Minderleistung feststellt, bekommst du ein Messprotokoll. Dieses Protokoll musst du deinem Anbieter vorlegen. Die Bundesnetzagentur schreibt, dass das Protokoll nicht älter als vier Wochen sein sollte. Dann kannst du Minderung verlangen oder, falls der Anbieter nicht nachbessert, außerordentlich kündigen. Die konkrete Höhe der Minderung bleibt aber eine Einzelfallfrage. Die Bundesnetzagentur setzt einzelne Ansprüche nicht selbst durch.

Wie viel Speed du wirklich brauchst

Nicht jeder braucht Downloadraten von 300 Mbit/s auf dem Handy. Für Messenger, Musikstreaming, Navigation, E-Mail und normale Webseiten reichen oft deutlich niedrigere Datenraten. Auch Videotelefonie funktioniert mit 50 Mbit/s stabil, sofern Netz und Latenz passen. Latenz meint die Reaktionszeit der Verbindung. Sie ist bei Spielen und Videotelefonie oft wichtiger als der reine Downloadwert. Deswegen hat die Telekom auch unlängst eine spezielle 5G-Option für Videotelefonie eingeführt.

Mehr Tempo lohnt sich vor allem, wenn du große Dateien über das Mobilfunknetz lädst, regelmäßig Videos in 4K streamst, online spielst oder dein Handy oft als Hotspot nutzt. Dann machen höhere Mbit/s-Werte im Alltag einen Unterschied. Das ist aber nicht der entscheidende Punkt. Faktisch erlaubt der Gesetzgeber den Providern, mit hohen Werten zu werben, die sie aber nicht einhalten müssen. Zur Wahrheit gehört aber auch: Oft sind die Netze deutlich schneller, als es die Tarifkonditionen zulassen. So konnten inside digital-Redakteure bereits mehrfach und reproduzierbar in Großstädten durchaus Gigabit-Datenraten über die Handynetze erzielen, wenn die Rahmenbedingungen stimmten.

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