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Senioren am Steuer: Sind Pflicht-Checks die Lösung?

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Senioren am Steuer haben einen schlechten Ruf. Kommt es zum Unfall, ist niemand sonderlich überrascht. Zu Recht? Folgende drei Maßnahmen sollen Autofahrer aussortieren, die eine Gefahr für sich und andere darstellen. Doch der Widerstand ist groß.
Älterer Fahrer am Steuer
Senioren am Steuer: Sind Pflicht-Checks die Lösung?Bildquelle: T.Den_Team / shutterstock.com

Bonn, Fußgängerzone nahe der Thomas-Mann-Straße. Ein Auto rollt mit einer Geschwindigkeit von etwa 2 km/h auf eine Straßenlaterne zu. Am Steuer eine ältere Frau. Sie wirkt angespannt, sitzt vorgebeugt, krallt sich geradezu ins Lenkrad. Ihr Blick ist genau auf die Laterne gerichtet. Das Auto rollt weiter. Ich bleibe stehen. Schaue gebannt zu, wie das Fahrzeug gemächlich, fast wie in Zeitlupe, gegen die Laterne kracht. Das ist kein Einzelfall.

Senioren als Unfallverursacher

Laut dem Statistischen Bundesamt (Destatis) haben Menschen ab 65 Jahren im Jahr 2025 19,7 Prozent der Pkw-Unfälle mit Personenschaden verschuldet. Das ist nicht gerade viel, bei einem Bevölkerungsanteil von 23 Prozent – was auch der ADAC unterstreicht. In einer früheren Anfrage erklärte uns ein Vereinssprecher, lang erworbene Erfahrung im Umgang mit Risiken und ein besonnener Fahrstil würden eine altersbedingt verringerte Reaktionsfähigkeit positiv ausgleichen können.

Destatis selbst gibt derweil in einer älteren Meldung eine andere Begründung. Demnach dürfe die geringere Unfallbeteiligung insbesondere darauf zurückzuführen sein, dass ältere Menschen schlicht seltener als jüngere am Straßenverkehr teilnehmen. Unter anderem, weil sie nicht mehr zur Arbeit fahren. Zudem nimmt der prozentuale Anteil der Hauptverursacher unter den Unfallbeteiligten ab einem Alter von 75 Jahren deutlich zu.

Im Jahr 2025 waren 22.934 Pkw-Fahrer ab 75 Jahren an Unfällen mit Personenschaden beteiligt, 17.442 von ihnen als Hauptverursacher. Das sind stolze 76 Prozent. Zum Vergleich: Selbst bei ungeübten Fahranfängern im Alter zwischen 18 und 21 Jahren lag die Zahl mit rund 69,5 Prozent etwas darunter.

Petition will Leben retten

Auf change.org hat eine Petition mittlerweile über 63.000 Unterschriften gesammelt. Das Hauptziel des Petitionsstarters, Ferris L. Fechner, ist es, die Überprüfung der Fahrtauglichkeit ab einem nicht näher definierten Alter verpflichtend einzuführen. „Diese Prüfung sollte vorrangig sicherstellen, dass ältere Autofahrer noch über die notwendigen Fähigkeiten und Reaktionsgeschwindigkeiten verfügen, um ein Fahrzeug sicher zu führen“, heißt es in der Petitionsschrift. Eine Altersdiskriminierung sei das nicht.

Fechner hat im Juli 2026 seinen Vater (59) in einem Verkehrsunfall verloren. Eine 86-jährige Autofahrerin verlor beim Ausparken offenbar die Kontrolle über ihr Auto und beschleunigte stark. Dabei wurde Fechners Vater, der zuvor einen Parkschein gezogen hatte und zu seinem Fahrzeug zurückkehren wollte, erfasst.

Mittlerweile wurde eine öffentliche Petition beim Deutschen Bundestag eingereicht. Wie gut die Erfolgsaussichten sind, ist jedoch unklar. Einerseits, weil staatliche Maßnahmen dieser Art Wähler in bestimmten Altersgruppen verprellen könnten. Stichwort: „Verbotspolitik“. Und andererseits, weil ein solches Vorhaben auf EU-Ebene bereits im Jahr 2024 gescheitert ist.

Europäische und deutsche Politik

Im Jahr 2023 wagte die EU-Kommission einen Vorstoß in Brüssel. Laut ihrem Vorschlag hätten die Mitgliedsstaaten die Gültigkeitsdauer von Führerscheinen von Inhabern jenseits der 70 Jahre auf bis zu fünf Jahre begrenzen müssen. „[…], um häufigere ärztliche Kontrollen oder sonstige besondere Maßnahmen wie Auffrischungskurse vorschreiben zu können“, hieß es im Schreiben.

Anfang 2024 lehnte das Europäische Parlament den Kommissionsvorschlag ab. „[…], um Diskriminierung zu vermeiden und ihr Recht auf Freizügigkeit und Teilnahme am wirtschaftlichen und sozialen Leben zu gewährleisten“, hieß es in der Begründung. Die Abgeordneten forderten von den EU-Regierungen lediglich nationale Sensibilisierungskampagnen.

Bereits rund ein halbes Jahr, bevor das EU‑Parlament die Forderung der Kommission ablehnte, bezog der deutsche Bundesrat seinerseits Stellung. Aus dessen Sicht sind „anlasslose obligatorische Gesundheitsscreenings verstärkt für ältere Personen abzulehnen“. Diese seien unverhältnismäßig und altersdiskriminierend. Zudem hätte man den Nutzen in Ländern, in denen eine zwingende Eignungsuntersuchung verpflichtend ist, nicht belegen können. Abschließend sprach sich der Bundesrat für mehr Eigenverantwortung aus – unabhängig vom Alter.

Verbände setzen auf Rückmeldefahrten

Fakt ist, dass ältere Fahrer stärker gefährdet sind. Das sagt auch die Gewerkschaft der Polizei. Demnach würden altersbedingte Einschränkungen der Wahrnehmungs- und Reaktionsfähigkeit sowie die abnehmende körperliche Widerstandskraft das Risiko schwerer oder tödlicher Verletzungen erhöhen.

Auch deswegen erneuerte der TÜV-Verband zuletzt seine Forderung, ab einem Alter von 75 Jahren verpflichtende Rückmeldefahrten einzuführen. Laut dem Verband lasse die Leistungsfähigkeit ab etwa 75 Jahren messbar nach. Bei Rückmeldefahrten beobachten unabhängige Sachverständige das Fahrverhalten im realen Verkehr. Anschließend folgt eine Besprechung samt Einordnung der Fahrkompetenz.

Abseits vom TÜV-Verband begrüßten auch viele weitere Verbände und Organisationen die Möglichkeit verpflichtender Rückmeldefahrten für Senioren. Dazu gehören unter anderem die Deutsche Verkehrswacht, der Gesamtverband der Versicherer sowie die DEKRA.

Aktuell können Rückmeldefahrten auf freiwilliger Basis wahrgenommen werden. Beispielsweise bietet der ADAC solche Fahrten als „Fahr-Fitness-Checks“ an. Der Haken dabei: Solche Checks sind kostenpflichtig und nicht gerade günstig. Für Mitglieder kosten sie ab 75 Euro, während Nicht-Mitglieder ab 95 Euro in die Hand nehmen müssen.

Obwohl sich viele Verbände und Organisationen für verpflichtende Rückmeldefahrten für Senioren aussprechen – wenn schon nicht für medizinische Checks –, lehnte der damalige Bundesverkehrsminister Patrick Schnieder (CDU) diese 2025 im Gespräch mit Auto Motor Sport entschlossen ab. „Laut Statistik ist die Anzahl der Unfälle bei älteren Menschen nicht signifikant höher als bei anderen“, so Schnieder. Solange er diese Signifikanz nicht hätte, seien solche Maßnahmen nicht notwendig. Gemessen an der reinen Unfallzahl stimmt das. Sind Ältere aber beteiligt, tragen sie überdurchschnittlich oft die Schuld. Ab 75 sogar, wie bereits erwähnt, häufiger als Fahranfänger.

Ferner bleibt auch die Kostenfrage offen. Würde der Staat und damit der Steuerzahler für die entstandenen Kosten aufkommen oder müssten Senioren selbst in die Tasche greifen? Eine Antwort gibt es derzeit nicht.

Freiwillige Abgabe des Führerscheins

Abseits von medizinischen Checks und Rückmeldefahrten haben einige Städte und Kreise zuletzt versucht, ältere Fahrer mit Anreizen zu einer freiwilligen Abgabe des Führerscheins zu bewegen. Mit mäßigem Erfolg. Grund hierfür dürften unter anderem die meistens recht bescheidenen Anreize gewesen sein.

Der baden-württembergische Ostalbkreis versucht etwa, mit einer OstalbMobil-Netzkarte für sechs Freimonate oder einem Schnupper-Abo für Ü65-Jährige zu locken. Die Maßnahme sollte einerseits den Umstieg auf den ÖPNV fördern und andererseits die Verkehrssicherheit steigern. Laut einer zugegebenermaßen überschaubaren Umfrage der Schwäbischen Post gefiel das Angebot jedoch lediglich 3 Prozent der Befragten.

In Leverkusen erhielten Senioren ab 75 Jahren derweil im Gegenzug ein Jahresabo des Deutschlandtickets finanziert, während es in Neumünster eine Jahreskarte für den Busverkehr der Stadtwerke SWN und eine Untergrenze von 70 Jahren waren. Das sind nur einige exemplarische Beispiele.

Medizinische Untersuchung: Fluch oder Segen?

Seit die Bemühungen der EU-Kommission im Sande verlaufen sind, scheinen verpflichtende medizinische Checks für Senioren vom Tisch zu sein. Ob neben den genannten Argumenten auch der Umstand zu dieser Entwicklung beitrug, dass die Entscheidungsträger ihre Wähler und Vereine wie der ADAC ihre Mitglieder nicht verprellen wollen, ist ungewiss. Schließlich lehnen 73 Prozent der über 70-Jährigen eine befristete und an Gesundheits-Checks gebundene Fahrerlaubnis für Menschen ab 70 Jahren ab. Das geht aus einer repräsentativen Umfrage hervor, die das Meinungsforschungsinstitut YouGov im Auftrag des Automobilzulieferers Continental unter rund 2.000 Bürgern im Jahr 2024 durchführte.

Mit Blick auf Gesundheits-Checks für alle fiel die Zustimmung der über 70-Jährigen derweil mit rund 50 Prozent viel höher aus. Und sogar über alle Altersgruppen hinweg war die Zustimmung für Gesundheitsuntersuchungen in der Bevölkerung mit 64 Prozent deutlich spürbar. Dennoch ist derzeit im Wesentlichen lediglich Fechners Petition darauf ausgerichtet, regelmäßige medizinische Checks in der Bundesrepublik einzuführen. In anderen Ländern wie Spanien, Dänemark und Italien sind solche und ähnliche Maßnahmen indes längst Alltag.

Das Thema befristete Führerscheine polarisiert. Die Fronten sind verhärtet. Aus der älteren Bevölkerung hagelt es Kritik. Oft ist von „Altersdiskriminierung“ und „Fahrverboten“ die Rede. Dabei standen letztere bei einem angemessenen Gesundheitszustand niemals zur Debatte. Lediglich wer eine medizinische Untersuchung nicht besteht, sollte nicht weiterfahren dürfen. Denn dann stellen Betroffene eine Gefahr sowohl für sich als auch für andere dar. Für alle übrigen wäre es lediglich ein kurzer Check, und schon ginge es zurück ans Steuer.

Wer gesund und fahrtauglich ist, braucht sich also selbst im hohen Alter nicht zu sorgen. Und wer es nicht ist und sich dennoch wider besseres Wissen ans Steuer setzt, handelt bestenfalls fahrlässig. Selbiges gilt, wenn man Gesundheits-Checks absichtlich meidet, weil man ein negatives Ergebnis fürchtet. Mit Altersdiskriminierung hat das nichts gemein. Lediglich die Kostenfrage stellt einen berechtigten Einwand dar, der Abklärung erfordert.

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