Um das Altersvorsorgedepot wird gerangelt wie um die letzten Brötchen am Samstagmorgen. Mehr als 25 Anbieter haben eins angekündigt. Der Grund ist schlicht: Der Staat legt Geld dazu, bis zu 540 Euro im Jahr, und jede Bank will, dass dieses Geld bei ihr liegt. Wer einmal unterschreibt, bleibt oft Jahrzehnte. Für eine Bank ist das ein Abo, das bis zur Rente läuft.
Jetzt hat die ING ihr Angebot konkret gemacht. Es gibt zwei Varianten, keine Depotgebühr und Sparpläne ab zehn Euro. „Altersvorsorge muss nicht für alle gleich sein, aber sie muss für alle einfach beginnen“, sagt Burcu Civelek Yüce, die bei der ING das Privatkundengeschäft verantwortet. Auf der Produktseite fläzt dazu ein junger Mann im Kapuzenpulli auf dem Sofa, daneben steht: „Altersvorsorge? Kannst Du.“ Einfach beginnen, das stimmt. Ob man bei der ING auch günstig weitermacht, ist eine andere Frage.
Relax oder Aktiv: Das bietet die ING
Die ING bietet zwei Varianten an. Im Altersvorsorge-Depot Relax, dem gesetzlich vorgeschriebenen Standarddepot, legt man nur fest, wie viel Aktien und wie viel Anleihen man haben will. Das Geld fließt in zwei weltweit streuende ETFs, einen für Aktien und einen für Anleihen. Es sind aktive ETFs, deren Zusammensetzung die ING selbst steuert. Die laufenden Kosten liegen bei 0,20 Prozent im Jahr, zuzüglich Transaktionskosten. Vor Beginn der Auszahlung schichtet die Bank automatisch einen Teil vom Aktien- in den Anleihen-ETF um.
Das Altersvorsorge-Depot Aktiv ist für Selbstentscheider gedacht. Hier stehen mehr als 1.000 ETFs und Fonds zur Auswahl, und mehrere lassen sich gleichzeitig besparen. Die laufenden Kosten hängen vom gewählten Fonds ab. Sie beginnen bei 0,03 Prozent, zuzüglich Transaktionskosten. Welcher Fonds so billig ist, sagt die ING nicht.
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Für beide Varianten verlangt die ING keine Depot-, Wechsel- oder Ordergebühren, auch nicht für Einmalzahlungen und Umschichtungen. Sparen lässt sich ab zehn Euro im Monat, alles läuft digital. Das gilt laut Produktseite auch für den Abschied: Wer zu einem anderen Anbieter geht, zahlt der ING nichts, obwohl das Gesetz in den ersten fünf Jahren bis zu 150 Euro erlauben würde.
Ganz gebührenfrei ist die Sache trotzdem nicht. Im Kleingedruckten schreibt die ING, zu den Produktkosten könnten auch Zuwendungen gehören. Das sind Provisionen, die Fondsgesellschaften an die vertreibende Bank zahlen. Wie viel davon bei der ING ankommt, sagt sie nicht.
Wer keine Zulagen bekommt und wer noch einen Riester-Vertrag hat
Eines muss man allerdings auseinanderhalten. Die 540 Euro sind keine ING-Leistung. Sie sind die staatliche Grundzulage, und die zahlt der Staat bei jedem zertifizierten Anbieter. Auf die ersten 360 Euro Eigenbeitrag im Jahr gibt es 50 Cent je Euro, danach 25 Cent bis zu einem Eigenbeitrag von 1.800 Euro. Für jedes Kind kommen bis zu 300 Euro Kinderzulage hinzu. Wer vor dem 25. Geburtstag startet, bekommt einmalig 200 Euro. Für eine Zulage müssen mindestens 120 Euro im Jahr eingezahlt werden. Das sind die zehn Euro im Monat, mit denen die ING wirbt.
Wer bereits eine volle Altersrente bezieht, bekommt keine Zulage mehr. Ausgezahlt wird ab Rentenbeginn: 30 Prozent des Kapitals auf einen Schlag, der Rest in Raten bis mindestens zum 85. Lebensjahr.
Hinzu kommt: Wer einen alten Riester-Vertrag zur ING umziehen will, muss warten, denn den digitalen Wechselservice gibt es erst „im Laufe des Jahres 2027“. Kosten soll die Übernahme laut ING nichts. Abschließen kann man das neue Depot trotzdem schon zum Start. Außerdem gibt es einen Startbonus von 50 Euro. Den bekommen aber nur Neukunden, die sich bis 31. Dezember in die Starteliste der ING eintragen und das Depot bis 15. Februar 2027 eröffnen. Wer vorher Fragen hat, kann die ING anrufen. Am Telefon meldet sich ein KI-Sprachassistent.
Gebührenfrei ist das neue Normal
Mit „keine Depotgebühr“ wirbt die ING, aber das ist beim Altersvorsorgedepot so exklusiv wie Leitungswasser im Restaurant. Fast alle großen Anbieter verzichten darauf. Den Unterschied machen die laufenden Kosten der Fonds, und die zieht keine Bank sichtbar vom Konto ab. Sie werden still von der Rendite abgezogen, jedes Jahr und über Jahrzehnte.
Im Standarddepot, in dem die meisten Sparer landen dürften, liegt die ING mit 0,20 Prozent im oberen Mittelfeld. Die Deka verlangt bei den Sparkassen die Hälfte. Trade Republic erstattet die Fondskosten bei 51 ETFs ganz. Flatex verspricht nach fünf Gratisjahren höchstens 0,07 Prozent. Teurer als die ING sind vor allem die Häuser mit Filiale und Berater.
Die Branche liefert sich damit einen Preiskampf, in dem um Hundertstel gefeilscht wird. Für Kunden ist das eine gute Nachricht, und für die ING eine unbequeme. Ihr Relax-Depot kostet doppelt so viel wie das der Sparkasse, obwohl die ING sonst gern als die Günstige gilt.
Die ING hat eine Antwort darauf, und die steht zwischen den Zeilen ihrer Pressemitteilung. Wer heute entscheide, brauche das Vertrauen, „dass das Produktversprechen von heute auch morgen gilt“, sagt Civelek Yüce. Das ist ein Seitenhieb auf die Konkurrenz, die mit Gratisjahren lockt. Bei Scalable endet die Kostenübernahme im Standarddepot nach 2027. Bei der DWS steigen die Kosten im dritten Jahr fast auf das Dreifache. Trade Republic verspricht seine Erstattung nur „langfristig“, ohne Datum und ohne Garantie. Die 0,20 Prozent der ING gelten dagegen von Anfang an.
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Beim freien Depot spielt die ING ihre Stärke aus. Kauf, Verkauf und Umschichtung kosten im Aktiv-Depot nichts. Bei Scalable zahlt man ohne Abo 0,99 Euro pro Order, bei Smartbroker+ unter 500 Euro Ordervolumen einen Euro.
Was 0,1 Prozentpunkte nach 30 Jahren ausmachen
0,20 statt 0,10 Prozent klingt nach Rundungsfehler. Kosten arbeiten aber wie ein Holzwurm: Man sieht ihn nicht, und er hört nie auf. Wir haben gerechnet, mit 150 Euro Eigenbeitrag im Monat, voller Zulage von 540 Euro im Jahr, 30 Jahren Laufzeit und 5 Prozent Rendite vor Kosten. Eingezahlt sind damit 54.000 Euro, der Staat legt 16.200 Euro dazu.
Im Relax-Depot der ING stehen am Ende rund 152.800 Euro. Bei der Sparkasse wären es 2.700 Euro mehr, bei Trade Republic 5.400 Euro, sofern die Gratis-Erstattung tatsächlich 30 Jahre hält. Die bitterste Zahl liefert die ING selbst: Wer im eigenen Aktiv-Depot zum günstigsten Fonds greift, hat 4.600 Euro mehr. Für ihre Fürsorge im Relax-Depot nimmt die Bank also einen ordentlichen Aufpreis.
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Fair bleibt: DWS, Fidelity und die Volksbanken liegen hinter der ING, Letztere um 9.000 Euro. Und wer nur 50 Euro im Monat spart, verliert gegenüber der Sparkasse rund 1.000 Euro, nicht 2.700.
Was ING-Kunden jetzt tun sollten
- Das Depot muss nicht zur Hausbank. Wer sein Girokonto bei der ING hat, kann das Altersvorsorgedepot trotzdem woanders eröffnen. Treue wird hier nicht belohnt. Sie kostet Geld.
- Relax ist Bequemlichkeit, und die hat einen Preis. In unserer Rechnung sind es rund 2.700 Euro weniger als bei der Sparkasse. Wer nichts selbst entscheiden will, bekommt bei der Deka dasselbe Prinzip günstiger.
- Aktiv ist die bessere ING-Variante, jedenfalls für alle, die sich zutrauen, einen ETF selbst auszuwählen. Ein breit streuender Welt-ETF mit laufenden Kosten unter 0,20 Prozent schlägt das Relax-Depot. Orderkosten fallen keine an. Dafür steuert man selbst, auch die Frage, wann man vor der Rente auf Sicherheit umschichtet.
- Der Startbonus ist kein Argument. Ein Eintrag in die Starteliste kostet nichts und ist bis 31. Dezember möglich. Die 50 Euro hat der Kostenunterschied zur Sparkasse aber nach gut sechs Jahren aufgefressen.
- Wer Riester bei der ING hat, kann trotzdem anfangen. Das neue Depot lässt sich zum Start eröffnen, der alte Vertrag folgt später, sobald der Wechselservice läuft.
Was alle wissen sollten, die 2027 starten wollen
- Keine Panik vor dem 1. Januar. Die Zulage für 2027 gibt es nach Angaben von Stiftung Warentest auch dann rückwirkend, wenn man erst im Dezember abschließt. Bisher ist zudem kein einziges Depot zertifiziert, und Comdirect, DKB und Consorsbank haben noch gar keine Preise genannt. Wer abwartet, verpasst nichts und sieht am Ende alle Preise.
- Auf die Dauerkosten schauen, nicht auf die Gratisjahre. Ein Gratisjahr ist schnell vergessen, eine Kostenquote begleitet einen 30 Jahre. Die entscheidende Frage lautet: Was kostet das Depot ab dem Jahr, in dem die Aktion endet?
- Nicht von Prämie zu Prämie hüpfen. Der Staat fördert nur zwei Verträge, die ab 2027 abgeschlossen werden. Nach dem Gesetzeswortlaut zählt dabei auch ein Vertrag mit, den man durch einen Wechsel beendet hat. In den ersten fünf Jahren dürfen beim Wechsel zudem alter und neuer Anbieter jeweils bis zu 150 Euro verlangen. Wer für 50 Euro Begrüßungsgeld wechselt, zahlt am Ende drauf.
- Beratung ist nicht gratis. Das Standarddepot der Volksbanken kostet 0,55 Prozent. Das sind in unserem Beispiel rund 11.700 Euro weniger als bei der Sparkasse. Wer einen Berater braucht, sollte wissen, was er für ihn bezahlt.
- Der Deckel ist kein Maßstab. Erlaubt sind im Standarddepot bis zu 1,0 Prozent Kosten. Wer das ausreizt, verliert gegenüber der ING fast 20.000 Euro. „Gesetzlich erlaubt“ heißt eben nicht „günstig“.
