China lebt digital: Was uns in Deutschland noch bevorsteht – und was (noch) nicht

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Eine Medientour durch chinesische Großstädte offenbart, wie tief Technologie dort bereits im Alltag verankert ist – vom Bezahlen bis zur Mobilität. Ein Erfahrungsbericht mit Einordnung, was das für Deutschlands digitale Zukunft bedeuten könnte.
Gelb-weiße Lieferdrohne mit Paket fliegt vor der Hochhaus-Skyline einer chinesischen Großstadt.
Eine Lieferdrohne fliegt über die Skyline von Shenzhen – Drohnenlieferungen gehören in chinesischen Großstädten längst zum Alltag.

Kaum ein anderes Land zeigt so deutlich, wie weit Alltagstechnologie gehen kann, wie China. Vieles, was in Deutschland noch als Zukunftsvision gilt, ist dort längst Normalität. Bezahlt wird ausschließlich per Smartphone. Essen kommt per Roboter oder Drohne. Autonome Taxis sind in Millionenstädten wie Shenzhen bereits Realität. Ich habe im Rahmen einer Medientour, der GCS, mehrere Tage in China verbracht. Dabei habe ich Unternehmen und Testlabore besucht, aber auch den normalen Alltag beobachtet. Die entscheidende Frage betrifft dabei weniger China selbst. Sie betrifft vor allem uns: Was davon steht auch Deutschland bevor? Und was sollten wir uns vorher genau überlegen?

Bargeld war gestern: Wie zwei Apps ein ganzes Land bezahlen

Der auffälligste Unterschied zum deutschen Alltag zeigt sich beim Bezahlen. Schätzungen zufolge nutzten 2025 fast eine Milliarde Menschen in China mobiles Bezahlen. Diese Zahl deckt sich mit dem Bild vor Ort. Selbst kleine, traditionelle Garküchen arbeiten ausschließlich mit QR-Code-Zahlung. Bargeld oder Bankkarten habe ich während der gesamten Reise nicht ein einziges Mal gesehen.

Möglich macht das im Wesentlichen ein Duopol aus zwei Plattformen. Alipay bündelt Zahlungsfunktion, Taxi-Bestellung, Essenslieferung und Zugbuchung in einer App. WeChat übernimmt zusätzlich Kommunikation und Social Media. Im Vergleich dazu wirkt der deutsche App-Alltag regelrecht fragmentiert. Er verteilt sich unter anderem auf WhatsApp, PayPal, Uber, Lieferando, DB Navigator und mehrere Banking-Apps.

Ein Smartphone-Ordner mit der Bezeichnung "China" zeigt die App-Icons von WeChat und Alipay.
Auf Reisen durch China kommen Besucher kaum an WeChat und Alipay vorbei – den beiden zentralen Apps für Kommunikation und Bezahlung. Image source: Insidedigital

Diese Bündelung ist aus Nutzersicht praktisch. Sie birgt aber auch ein strukturelles Risiko. Fällt eines der beiden Systeme aus, betrifft das fast den gesamten digitalen Alltag. Eine belastbare Antwort, wie gut China dagegen abgesichert ist, konnte mir niemand geben. Das bleibt ein relevanter Punkt für die Bewertung des Systems.

Lieferroboter als Standardtechnik, nicht als Show-Case

Roboter gehören in chinesischen Hotels und Krankenhäusern längst zur Grundausstattung. Eine typische Lieferung läuft so ab: Ein Bote bringt die Bestellung per E-Roller zur Rezeption. Ein würfelförmiger Roboter mit Wärmefunktion übernimmt dann den Weg zum Zimmer. Dabei steuert er den Fahrstuhl automatisch über das Gebäudesystem. In einem Testlabor eines Roboterherstellers zeigte sich, wie ernst dieser Prozess genommen wird. Auf einer kompletten Etage werden rund um die Uhr Böden und Hindernisse simuliert. So testen die Hersteller ihre Systeme unter möglichst vielen Alltagsbedingungen.

Mehrere weiße und graue Serviceroboter stehen in einem Testparcours mit Kunststoff-Bausteinen und verschiedenen Bodenbelägen.
Serviceroboter von Keenon werden in einem Testlabor unter realistischen Alltagsbedingungen erprobt. Image source: Insidedigital

Bemerkenswert ist dabei weniger die Technik selbst als ihr Einsatzbereich. Vergleichbare Roboter transportieren in chinesischen Kliniken Medikamente zwischen Stationen. Sie bewegen in Lagerhallen schwere Fracht und übernehmen sogar Haushaltstätigkeiten wie Wäschefalten. Es handelt sich also nicht um Einzelprojekte. Vielmehr wird die Automatisierung von Routineaufgaben in mehreren Branchen parallel vorangetrieben.

Drohnenlieferung und autonome Taxis im laufenden Betrieb

In Shenzhen sind eigene Andockstationen für Lieferdrohnen längst Teil der Infrastruktur. Nach Gesprächen vor Ort lohnt sich der Einsatz vor allem bei größeren Distanzen. Eine Autofahrt von etwa 30 Minuten lässt sich per Drohne auf 10 bis 15 Minuten verkürzen. Diese Einschätzung stammt aus persönlichen Gesprächen und lässt sich nicht verallgemeinern. Sie deckt sich aber mit dem allgemeinen Bild der Reise.

Noch weiter fortgeschritten wirkt der Einsatz autonomer Taxis, den ich in Shenzhen selbst erlebt habe. Deutsche Testfahrzeuge sind oft durch auffällige Kamera-Arrays gekennzeichnet. Die chinesischen Modelle fahren dagegen mit unauffälliger Sensorik unter dem Rückspiegel. Die Fahrerkabine ist zusätzlich mit Glas abgetrennt. Der Straßenverkehr wirkt aus westlicher Perspektive dabei chaotisch. Umso mehr überraschte mich, wie zuverlässig sich die Systeme einfügten.

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Der E-Auto-Markt: Wettbewerb, den Deutschland unterschätzt

Auch der Automarkt zeigt, wie weit die Transformation in China fortgeschritten ist. Nach eigener Beobachtung existieren mittlerweile deutlich über 100 chinesische E-Auto-Hersteller. In Deutschland ist davon allenfalls eine Handvoll bekannt. Diese Zahl erhebt keinen Anspruch auf exakte Verifizierung. Bei einem Besuch bei Huawei ließen sich größere SUV-Modelle besichtigen als ein Audi Q5.

Ein beiges Elektro-SUV mit Leuchtstreifen an der Front steht in einem Showroom neben weiteren Fahrzeugen.
In chinesischen Showrooms reihen sich Elektro-SUVs verschiedener heimischer Hersteller aneinander. Image source: Insidedigital

Trotzdem werden sie zu einem deutlich niedrigeren Preis angeboten. Auch bei Modellen im Preissegment eines Maybachs zeigte sich ein hoher Standard. Technik und Komfort konnten nach subjektivem Eindruck mit europäischen Premiumherstellern mithalten. Das ist ein persönlicher Eindruck, kein systematischer Testvergleich. Er illustriert aber die zunehmende Wettbewerbsfähigkeit chinesischer Hersteller.

Kameras im Stadtbild: Sicherheitsgewinn oder Kontrollverlust?

Ein Thema zieht sich durch den gesamten Alltag: die allgegenwärtige Kameraüberwachung. Schon bei der Einreise beginnt die Erfassung durch Kameras. Im Stadtbild sind Kameramasten mit zahlreichen Linsen die Regel, nicht die Ausnahme. In Gesprächen vor Ort ließen sich zwei gegensätzliche Perspektiven feststellen. Zum einen das Bewusstsein, praktisch lückenlos erfasst zu werden. Zum anderen ein ausgeprägtes Sicherheitsgefühl der Menschen vor Ort. Gestohlene Gegenstände sind dank der Überwachung häufig schnell wieder auffindbar. Diese Einschätzungen basieren auf einzelnen Gesprächen. Sie sind nicht als repräsentative Stimmungslage misszuverstehen.

Die deutsche Öffentlichkeit reagiert traditionell sensibel auf Datenschutzfragen. Dieses Modell wirft deshalb eine grundsätzliche Frage auf. Wie viel Überwachung ist ein akzeptabler Preis für Sicherheit und Effizienz? Und wo verläuft die Grenze zur Kontrolle des öffentlichen Raums? Eine eindeutige Antwort lässt sich aus einer einwöchigen Reise nicht ableiten. Wohl aber die Beobachtung: Diese Abwägung wird in China deutlich weniger kontrovers diskutiert als hierzulande.

Was das für Deutschland bedeutet

Die zentrale Erkenntnis dieser Reise betrifft weniger Chinas technologische Führungsrolle. Diese ist in vielen Bereichen ohnehin bekannt. Entscheidender ist, wie selbstverständlich diese Technologien dort bereits im Alltag verankert sind. In Deutschland gelten sie dagegen oft noch als Pilotprojekt oder ferne Zukunftsvision. Ein Grund dafür liegt vermutlich weniger in der technischen Machbarkeit. Er liegt eher in unterschiedlichen Herangehensweisen an neue Technologien. In China werden neue Systeme oft zunächst im großen Maßstab getestet. Anschließend werden sie iterativ verbessert und angepasst. In Deutschland setzen Grundsatzdebatten über Sinnhaftigkeit dagegen oft schon vor der Testphase ein.

Das ist nicht per se falsch. Gerade bei Themen wie Überwachung oder Datenschutz ist eine kritische Debatte sinnvoll. In einer offenen Gesellschaft ist sie sogar notwendig. Für die Wettbewerbsfähigkeit deutscher und europäischer Unternehmen zählt aber ein anderer Faktor. Entscheidend dürfte sein, wie schnell sich Testphasen und Regulierung sinnvoll verzahnen lassen. Die chinesische Erfahrung zeigt: Viele als Zukunftsmusik geltende Technologien sind technisch bereits alltagstauglich. Die eigentliche Frage lautet daher weniger, ob sie kommen. Sie lautet vielmehr, unter welchen Bedingungen und mit welchem gesellschaftlichen Konsens.

Wer noch tiefer einsteigen will: In der heutigen Folge des Podcasts „überMORGEN“ erzählt Anton Meyer ausführlich von seiner China-Reise – jetzt reinhören:

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