Ein Van, der wie ein Raumschiff aussieht und mit sieben Sitzen auftritt, um Familien und Business-Kunden gleichermaßen zu überzeugen. Dürfen wir vorstellen? Hier kommt der Xpeng X9. Und der stellt sich überaus selbstbewusst auf die Straße. Mit fast 5,32 Metern Länge, Zweikammer-Luftfederung, aktiver Hinterachslenkung und einem Versprechen von bis zu 615 Kilometern WLTP-Reichweite tritt der Wagen gegen die etablierte Van-Konkurrenz an. Wir haben uns die FWD-Variante mit großem Akku (110 kWh / NCM), also die „Long Range“-Version für 81.600 Euro, für unseren Alltagstest vorgenommen.
Xpeng X9: Der Luxus-Van mit vielen Besonderheiten
Bevor wir uns dem E-Auto selbst zuwenden, müssen wir einen Blick auf die Fahrzeugkategorie werfen. Anders als in den USA oder in China fristen große Luxus-Vans in Europa bislang eher ein Nischendasein. Wer mehr als fünf Personen transportieren muss, greift eher zu Nutzfahrzeug-Ablegern von VW, aus dem Stellantis-Konzern (Opel, Peugeot etc.) oder auch zu passenden Fahrzeugen von Mercedes. Xpeng will mit dem X9 in genau diese Lücke vorstoßen. Und stellt ein vollelektrisches Gegenstück zu bekannten Business-Shuttles bereit. Gleichzeitig stellt der Hersteller das Auto aber auch als Alternative für Familien mit gehobenen Komfortansprüchen bereit.
Format und erster Eindruck
Wer neben dem X9 steht, wird sofort die beeindruckende Länge von mehr als 5,30 Metern bemerken. Das ist eine Hausnummer, die einerseits viel Komfort im Innenraum verspricht. Es gibt bei einem Radstand von 3,16 Metern Platz satt. Und viele attraktive Extras wie ein Info-Display hinter dem Lenkrad, flankiert von einem großen Touchscreen (17,3 Zoll) für das Multimediasystem. Andererseits ist dieses E-Auto so gar kein Freund von kleinen Parklücken in der Innenstadt. Und auch in der Tiefgarage oder im Parkhaus ist mitunter Geduld beim Rangieren gefragt. Es helfen aber 360-Grad-Kamera, präzise Parksensoren sowie Ein- und Ausparkassistenten.
Ausgeglichen wird die enorme Länge zumindest teilweise durch eine aktive Hinterradlenkung (Allradlenkung) mit bis zu fünf Grad Lenkwinkel, die dem Van einen Wendekreis von nur 10,8 Metern beschert. Im Alltag merkt man das sofort. Der X9 dreht sich in engen Kurven deutlich handlicher ein, als man es von einem Fahrzeug dieser Größe erwartet. Die wuchtige elektrische Heckklappe wiederum ist ein Wagnis für alle, die über 1,90 Meter groß sind. Langgewachsene Menschen müssen nach dem Öffnen den Kopf einziehen, um den Tag weiter verletzungsfrei zu bestreiten.
Optisch setzt Xpeng auf sein selbst ernanntes „Starship Design“ mit glatten Flächen, versteckten Türgriffen, rahmenlosen Türen mit Soft-Close-Funktion und einem durchgehenden Panoramaglasdach. In der Serienfarbe Arctic White wirkt der X9 eher unauffällig elegant. Gegen Aufpreis gibt es dieses E-Auto auch in Silver Frost und Midnight Black für je 1.000 Euro mehr. In Matte Grey werden sogar 1.500 Euro zusätzlich fällig. Das Akustikglas macht sich im Innenraum bemerkbar: Bis etwa 110 km/h ist es angenehm ruhig. Wer schneller unterwegs ist, muss mit hörbaren Windgeräuschen leben.
Innenraum: Business Class für sieben
Wo der Xpeng X9 wirklich glänzt? Ganz klar im Fond. Die zweite Sitzreihe bietet ein Platzangebot, das eher an eine Flugzeug-Kabine der Business Class als an ein Auto erinnert. Inklusive eines im Dach versenkbaren serienmäßigen Entertainment-Bildschirms für Fahrgäste hinten (21,4 Zoll mit vorinstallierten Apps, zum Beispiel von Youtube und anderen Streamingdiensten), ausklappbarer Tischchen an den Vordersitzen, Massagefunktion, Sitzheizung und -belüftung sowie induktivem Laden für die Smartphones der hinten mitreisenden Passagiere. Wer die dritte Reihe nicht benötigt, kann die Sitze der zweiten Reihe sogar in eine echte Liegeposition bringen. Komfort pur.
Der Kofferraum überzeugt mit einer angenehm tiefen Ladekante. Auch bei genutzter dritter Sitzreihe passt noch ordentlich Gepäck hinein. Xpeng stellt ein Ladevolumen von 721 Litern in Aussicht. Mit umgeklappter dritter Sitzreihe steigt es auf bis zu 2.250 Liter. On top gibt es ein kleines Staufach im Unterboden. Unter anderem nutzbar für ein AC-Ladekabel oder anderes Zubehör wie Warnweste und Warndreieck. Wer zwei der drei Sitze in Reihe drei umlegt, bekommt sogar eine Hundebox für einen Golden Retriever oder Labrador (getestet mit 91 x 58 x 61 Zentimetern) unter.
Einen Frunk, also einen vorderen Kofferraum unter der Motorhaube, sucht man dagegen vergeblich. Bei einem Van dieser Größe und diesem Preis ist das etwas überraschend. Vielleicht ist dieses Extra wegen des immensen Platzangebots im Alltag aber auch gar nicht zwingend notwendig.
Antrieb: Frontantrieb und Allrad verfügbar
In der von uns getesteten Long-Range-Version arbeitet ein Frontmotor mit 235 kW (320 PS) und 450 Newtonmetern, der den rund 2,7 Tonnen schweren Van laut Hersteller bestenfalls in knapp acht Sekunden aus dem Stand auf Tempo 100 katapultiert. Subjektiv reicht das im Alltag völlig aus. Für die ganz große Post ist aber die Performance-Version mit Allradantrieb und 370 kW / 503 PS zuständig.
Die Zweikammer-Luftfederung liest die Fahrbahnzustände mit KI laut Hersteller bis zu 30 Meter voraus und passt die Dämpfung entsprechend an. Im Alltag äußert sich das in einem angenehm satten, aber nie unangenehm straffen Grundton. Über das Bedienmenü lassen sich Lenkung (leicht, mittel, stark), Bremspedal-Charakteristik (ruhig, moderat, scharf) und sogar die Federungshöhe in fünf Stufen zwischen -30 und +40 Millimetern feinjustieren. Beim Xpeng X9 gehört es zum guten Ton, eine ordentliche Portion Individualisierung anwenden zu können.
Zwei Dinge trüben den positiven Eindruck aber etwas: Bei starkem Seitenwind, etwa auf Brücken, macht sich die große Stirnfläche des X9 deutlich bemerkbar. Und wer bei nasser Fahrbahn das Gaspedal beherzt durchtritt, spürt ein baldiges Durchdrehen der Vorderräder (20 Zoll). Die Traktionskontrolle könnte hier etwas beherzter eingreifen.
Verbrauch: WLTP trifft auf Realität
Abstriche musst du beim Verbrauch und bei der Langstreckenreichweite machen. In der Praxis lag der Energiebedarf in der Stadt im Schnitt bei 15 kWh/100 km. Auf Landstraßen stieg der Verbrauch während der von uns protokollierten Testfahrten auf 19,5 kWh/100 km. Auf der Autobahn kippt das Bild: Hier sind wir auch wegen des recht hohen Gewichts nicht unter 25 kWh/100 km geblieben.
Wer den X9 überwiegend auf der Autobahn bewegt, sollte also mit spürbar weniger Reichweite kalkulieren, als es die Prospektwerte des Herstellers suggerieren. Und was heißt das nun konkret? Unter weitgehender Einhaltung der Richtgeschwindigkeit von 130 km/h kannst du mit rund 420 Kilometern Autobahnreichweite rechnen, die du maximal mit einer Aufladung abspulen kannst. Die WLTP-Reichweite des Herstellers gibt hingegen 615 Kilometer an.
In der Spitze konnten wir übrigens 214 km/h vom Display hinter dem Lenkrad ablesen. Spürbar mehr als die vom Hersteller in Aussicht gestellten 200 km/h.
Xpeng X9 laden: So macht E-Mobilität Spaß
Ein weiterer Mehrwert bei diesem Elektroauto versteckt sich unter der Haube. Denn die 800-Volt-Architektur des Xpeng X9 hält, was sie verspricht. An einer 400-kW-Säule luden wir ohne Vorkonditionierung nach einer Autobahnfahrt bei 16 Grad in gerade einmal 13 Minuten von 20 auf 80 Prozent. Bis 100 Prozent dauerte der Ladevorgang 28 Minuten. Werte, von denen andere Hersteller gegenwärtig in aller Regel nur träumen können.
Theoretisch geht es sogar noch schneller. Denn Xpeng stellt eine HPC-Ladeleistung von bis zu 542 kW in Aussicht. Die zu erreichen, schlug in einem Test aber fehl. Trotz Auswahl einer 600-kW-Säule in Werne lag die Spitzenladeleistung am Ende bei einer Aufladung von 11 auf 80 Prozent nur bei 402 kW. Einerseits deutlich weniger als vom Hersteller versprochen, andererseits aber zu verschmerzen. Denn wer in 10 bis 15 Minuten sein E-Auto wieder für die Weiterfahrt auf der Autobahn nutzen kann, schaut nicht mehr auf theoretische Maximalwerte. Etwas schade: Die AC-Ladeleistung liegt nur bei 11 kW. Ein Auto dieser Klasse hätte 22 kW verdient gehabt.
Ab 70 Prozent Ladestand sinkt die Leistung im Übrigen auf immer noch beeindruckende 340 kW. Ab 80 Prozent sind noch 195 kW abrufbar und ab 90 Prozent noch 130 kW. Auch das ist mit Blick auf den Wettbewerb schlicht genial. Dort, wo andere E-Autos in der Spitze 130 bis 150 kW im Datenblatt stehen haben, bremst der Xpeng X9 sein Ladelimit erst auf der Zielgeraden ein. Stark.
Etwas überraschend: In unserem Test hat die Navigation notwendige Ladestopps auf der Route nicht automatisch berücksichtigt. Xpeng selbst wirbt aber mit einer intelligenten Navigation mit Ladeplanung. Wir haben bei unserer Suche die entsprechenden Einstellungen für dieses Feature nicht gefunden. Kleines Detail am Rande: Der Ladeanschluss sitzt hinten rechts, was je nach Ladepark-Layout mal praktisch und mal unpraktisch sein kann.
Assistenzsysteme und Bedienung
Unter anderem zwölf Kameras, drei Millimeterwellenradare und der hauseigene XP5-AI-Turing-Chip machen den X9 zum sicheren Langstreckengleiter. Beim Spurwechsel blendet das Head-up-Display sogar ein Kamerabild aus dem toten Winkel ein. Ein Detail, das im Alltag viel Sicherheit vermittelt. Der Spurhalteassistent zeigt sich dagegen zweischneidig: In Baustellenbereichen mit gelben Zusatzmarkierungen kommt das System sichtbar ins Straucheln und weiß nicht immer, welcher Linie es folgen soll. Und wenn es eingreift, lenkt es teils sehr energisch gegen. Ein sanfteres Eingreifen wäre hier wünschenswert.
Die Sprachsteuerung („Hey Xpeng“) hat dafür in unserem Test rundum überzeugt. Ob „Navigiere mich zur Allianz-Arena“, „Schalte die Sitzheizung ein“, „Öffne das Fenster“, die Auswahl eines bestimmten Radiosenders, die Einstellung einer konkreten Temperatur oder das Öffnen der Heckklappe: Alle sechs getesteten Befehle wurden zuverlässig ausgeführt. Das zweispeichige, bewusst reduzierte Lenkrad mit separaten Tasten für Fahrmodus und Tempomat sowie der Gangwahlhebel hinter dem Lenkrad tragen zur aufgeräumten Optik des Innenraums mit durchgehender, knopfloser Mittelkonsole bei. Der Tempomat lässt sich über ein Rädchen am Lenkrad angenehm feinfühlig justieren und bremst sogar von selbst vor engeren Kurven auf eine passende Geschwindigkeit ab.
Neun Airbags gehören beim X9 zur Serienausstattung. Dazu gibt es unter anderem Front- und Seitenkollisionsüberwachung mit Querverkehrswarner hinten, Notfall-Spurhalteassistent und ein System zur Fahrerzustandsüberwachung. Und: In den hinteren Sitzreihen sind vier ISOFIX-Punkte vorhanden, was den Van auch für Familien mit mehreren Kindersitzen und dem notwendigen Kleingeld praxistauglich macht.
Ausstattung und Preis
Unser Testwagen mit hochwertiger Nappalederausstattung, zwei induktiven Ladeflächen in der Mittelkonsole, elektrischen Schiebetüren auf beiden Seiten und Türöffnung per Knopfdruck vermittelt durchweg ein premiumtaugliches Gefühl. Auch wenn das 27-Lautsprecher-Soundsystem von Xopera mit 1.552 Watt Gesamtleistung und der Kühl- und Gefrierschrank in der zweiten Reihe fast schon übertrieben wirken.
Vorn stehen ein USB-A- und ein USB-C-Anschluss zur Verfügung. Dazu kommen vier weitere USB-C-Anschlüsse für mitreisende Passagiere im Fond. Die Long-Range-Version startet bei 81.600 Euro. Wer sich alle drei Antriebsvarianten anschaut, merkt schnell, dass diese Variante preislich und technisch den vernünftigsten Kompromiss darstellt.
Denn die Standard-Range-Ausführung startet zwar bei 77.600 Euro, bietet mit demselben 235-kW-Frontmotor aber wegen eines kleineren Akkus nur 535 statt 615 Kilometer WLTP-Reichweite. Die Performance-Version für 86.600 Euro liefert mit Allradantrieb zwar mehr Leistung, fällt bei der Reichweite mit 580 Kilometern aber ebenfalls hinter die Long Range zurück.
Eine elektrisch schwenkbare Anhängerkupplung schlägt übrigens mit 1.260 Euro extra zu Buche. Allerdings liegt die gebremste Anhängelast bei nur 1.500 Kilogramm.
Fazit zum Xpeng X9
Der Xpeng X9 FWD Long Range ist ein beeindruckend komfortabler, technisch aufwendiger Van mit einem Innenraum, der die Business-Class-Analogie tatsächlich verdient. Wer auf der Autobahn unterwegs ist, muss allerdings mit spürbar höherem Verbrauch und geringerer Reichweite rechnen, als es die WLTP-Zahlen versprechen. Wegen der fast schon absurd hohen Ladeleistung ist Reichweite mit diesem E-Auto aber eigentlich keine kritische Frage mehr.
Beim Spurhalteassistenten und bei der Anfälligkeit durch Seitenwind gibt es noch Luft nach oben. Wer über diese Schwächen hinwegsehen kann und Wert auf Platz, Komfort und Ausstattung legt, bekommt für sein Geld ein außergewöhnliches Raumangebot. Übrigens: Gebaut werden die für den deutschen und europäischen Markt gedachten Xpeng X9 bei Magna Steyr in Graz. Also nicht nur in China, sondern fast vor der deutschen Haustür.
Vorteile Xpeng X9
- viel Platz und Reisekomfort besonders in der zweiten Sitzreihe
- herausragende Ladeleistung
- umfangreiche Serienausstattung
- für seine Länge erstaunlich handlich
Nachteile Xpeng X9
- stark touchscreenzentrierte Bedienung
- zuweilen etwas zu stark bimmelnde Assistenzsysteme
- auf der Autobahn alles andere als sparsam
- für die Stadt an manchen Stellen einfach zu lang
Für mich ist der Xpeng X9 eines der komfortabelsten E-Autos, das ich je gefahren bin. Vor allem im Fond fühlt es sich fast wie in der Business Class im Flugzeug an. Trotzdem würde ich als Käufer genau hinschauen: Auf der Autobahn frisst der Van nämlich deutlich mehr Strom als angegeben. Wer viel Platz für die Familie sucht und selten Vollgas auf der Autobahn gibt, bekommt hier trotzdem sehr viel Auto fürs Geld. Und die Ladeleistung, die sucht seinesgleichen. Nur rund 10 Minuten an der Schnellladesäule zu stehen und dann die Fahrt fortzusetzen, das ist nichts anderes als genial.
