München, Anfang Februar. Im Münchener Tucherpark laufen die Bauarbeiten. Das einst von der Hypovereinsbank und Hilton genutzte Areal wird komplett auf links gedreht. Wohnungen entstehen, Hilton saniert, Nahversorgung wird errichtet – ein komplettes Quartier entsteht. Doch was tut man mit einem alten Bankenrechenzentrum, das bis zu sechs Stockwerke unter der Erde gebaut wurde? Man betreibt es weiter als Rechenzentrum.
Recycling-Rechenzentrum: Sechs Stockwerke unter der Erde

Dass am Tucherpark kein Stein auf dem anderen bleibt, kann man sehen. Überall Bauarbeiter, Baufahrzeuge und Schmutz. Nur in einem Bereich funktioniert schon etwas: im Rechenzentrum von Polarise, bei dem sich die Telekom eingemietet hat. Es befindet sich unter der Erde, sechs Stockwerke tief. Hier lagen früher die Daten der Hypovereinsbank. Zu sehen ist davon nichts – wie auch vom ganzen Rechenzentrum. Denn wer denkt, dass die Gebäude, die am Tucherpark zu sehen sind, das Rechenzentrum beherbergen, irrt. Dort ist nur der Eingang.
Wir gehen durch ein Gewirr von Gängen und Treppenhäusern und durch einen Tunnel. Über dem Tunnel liegt der Münchener Eisbach, bekannt für die Eisbachwelle. Dieser Tunnel ist der einzige Zugang zum 10.700 Quadratmeter großen Rechenzentrum, von dem oberirdisch nur eine Wiese zu sehen ist. Durch diesen Tunnel haben Handwerker und Techniker in den vergangenen sechs Monaten das alte Rechenzentrum entkernt und neue Technik eingebaut. Erst im November hatte man das Projekt öffentlich gemacht. Allein mehr als 8.000 GPUs von NVIDIA (für die Experten: NVIDIA DGX B200 Systeme und NVIDIA RTX PRO Server GPUs) sind hier nun am Rechnen. Das erste KI-Rechenzentrum der Telekom erhöhe die KI-Kapazität in Deutschland auf einen Schlag um 50 Prozent, heißt es von der Telekom. In München seien es nun 0,5 ExaFLOPS. Und man könne noch erweitern, wenn der Bedarf da ist.

1 Milliarde Euro Investment
Denn obwohl schon zum Start etwa 30 Prozent ausgelastet sind, braucht man nun erst einmal Kunden, die die KI-Fabrik (oder auch Industrial AI Cloud) nutzen wollen. Zu groß ist jetzt schon das Investment: 1 Milliarde Euro habe man gemeinsam mit NVIDIA gestemmt.
Und auch die laufenden Kosten machen Telekom-Chef Höttges die ein oder andere Sorge. Dabei steht vor allem der Strom im Mittelpunkt. Aus einer Anbindung von 5 Megawatt sind jetzt schon 15 Megawatt geworden, und es wird noch mehr werden. Ohne günstigeren Industriestrom habe man gegenüber Ländern wie Norwegen einen echten Standortnachteil. Immerhin: Die Kühlung erfolgt zum großen Teil durch den nahen Eisbach. Hundert Liter pro Minute darf man entnehmen, über Wärmetauscher das Rechenzentrum kühlen und das Wasser zurück in den Bach leiten. Später soll noch ein Wasserkraftwerk gebaut werden, und die Abwärme soll im Winter zum Heizen der Wohnungen im neuen Quartier genutzt werden.

Wer schon einmal ein Rechenzentrum von Innen gesehen hat, erkennt auch bei der KI-Factory Parallelen zu einem normalen Hosting- oder Internet-Rechenzentrum. Die Gesamtfläche ist in verschiedene Pods aufgeteilt. Hier haben nur Telekom-Techniker Zugang, auf der Gesamtfläche hingegen auch die Mitarbeiter des Betreibers Polarise, eines Start-ups aus Paderborn, das sich auf KI-Rechenzentren spezialisiert hat. Besonderheit in München: Hier und da sieht man noch Relikte des alten Rechenzentrums. Abgeschnittene Kupferkabelstränge, die noch aus Wänden gezogen werden müssen, sind hier nur ein Beispiel. Wirklich zu sehen gibt es aber wenig. Die GPUs befinden sich in Racks und diese wiederum hinter verschlossenen Türen.
75 Kilometer Glasfaser, 400 Gbit/s Anbindung
Statt Kupfer gibt es nun Glasfaser: Die Telekom spricht von stolzen 75 Kilometern innerhalb des Rechenzentrums. Hinzu kommt die natürlich georedundante Außenanbindung. Sie soll in den nächsten Wochen erhöht werden und dann stolze 2 × 400 Gbit/s betragen. Einen Unterschied zu vielen anderen Rechenzentren gibt es an dieser Stelle: Die Anbindung erfolgt ausschließlich über die Telekom.
Die neue KI-Factory soll kein neuer Spielplatz für Privatkunden werden. Sie soll, wie auch eine klassische Fabrik, der Industrie und dem Mittelstand dienen. Diese Firmen sollen die Möglichkeit bekommen, ihre eigenen KI-Anwendungen zu realisieren, ohne dabei auf Rechenzentren aus den USA oder anderen Ländern setzen zu müssen. Digitale Souveränität ist das Stichwort. Und Telekom-Chef Höttges wird nicht müde zu betonen, dass ausschließlich die GPUs nicht aus der EU kommen – und es keine Alternative gebe.
Ein Rechenzentrum für die Industrie

Zur Anwendung heißt es von der Telekom, Industriepartner könnten beispielsweise digitale Zwillinge von Fabriken und Anlagen aufbauen, Fertigungsprozesse simulieren oder Robotik- und Qualitätsprüfungsanwendungen entwickeln. Start-ups nutzen die NVIDIA-KI-Plattform, um die Bereitstellung neuer KI-Dienstleistungen auf den Markt zu beschleunigen. Forschungseinrichtungen erhalten Zugang zu souveräner Hochleistungsrechenpower für ihre Projekte. Zu den ersten Großprojekten auf der Industrial AI Cloud gehört das Forschungsprojekt SOOFI (Sovereign Open Source Foundation Models). Die Leibniz Universität Hannover hat der Telekom einen Auftrag erteilt, um die technische Infrastruktur für die Entwicklung eines neuen europäischen Large Language Models (LLM) bereitzustellen.
Es ist eine Milliarden-Wette, die die Telekom eingegangen ist. Zumindest der Start war ein voller Erfolg. Das zeigt sich allein daran, dass man es geschafft hat, zur Eröffnung nicht nur zahlreiche TV-Teams begrüßen zu dürfen. Denn es gaben sich auch Bayerns Ministerpräsident Markus Söder sowie Finanzminister und Vizekanzler Lars Klingbeil die Ehre – und das, obwohl der Staat um keinerlei Finanzmittel gebeten wurde, wie Söder betonte. Dass hier selbst ein langjähriger CEO der Telekom mal etwas unruhiger schläft, ist nachvollziehbar.
