Gebraucht statt neu: So entlarvst du fiese Handy-Betrüger

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Originalverpackt, aber aus Altteilen zusammengesetzt. Eine Bande soll über eine Million gebrauchte Smartphones als Neuware verkauft haben. Auch über Amazon. Jetzt gab es Razzien in 19 Ländern. Wir zeigen, wie die Masche lief und wie du falsche Neugeräte erkennst.
Smartphone vor Polizeiautos bei Nacht.KI-generiertes Bild
Betrug mit vermeintlichen neuen Smartphones: europaweite Razzia erfolgreich.Bildquelle: Gemini / inside digital

Originalverpackt, versiegelt, mit Rechnung. Und trotzdem aus Altteilen zusammengeschraubt. Europäische Ermittler sind im Rahmen der Operation „Troja“ gegen ein Netzwerk vorgegangen, das seit 2018 mehr als eine Million gebrauchte Smartphones als Neuware verkauft haben soll. Den Schaden für Käufer in der EU beziffert die Europäische Staatsanwaltschaft (EPPO) auf mindestens 300 Millionen Euro. Die Spur führt auch zu Amazon. Und in Deutschland mitten nach Nordrhein-Westfalen.

Das ist bei der Razzia passiert

Der Zugriff lief in zwei Wellen. Vor rund einer Woche vollstreckten Fahnder sieben Haftbefehle in Deutschland, Österreich und Spanien. Unter den Festgenommenen sind laut EPPO auch die beiden mutmaßlichen Anführer der Organisation. Einer von ihnen wurde nach Recherchen von WDR, NDR und Süddeutscher Zeitung von Spezialkräften des Zolls in Düsseldorf festgenommen. Zusätzlich durchsuchten die Ermittler am vergangenen Wochenende europaweit 15 Objekte.

Am vergangenen Dienstag folgte dann eine noch größere Aktion. Rund 1.770 Polizisten, Steuer- und Zollfahnder führten mehr als 160 Durchsuchungen und Beschlagnahmen durch. Nicht nur in Deutschland, sondern auch in Belgien, Bulgarien, Estland, Finnland, Italien, Kroatien, Lettland, Litauen, Luxemburg, den Niederlanden, Österreich, Polen, Portugal, Rumänien, der Schweiz, der Slowakei, Spanien und Zypern. In Großbritannien wurde zudem ein Zeuge vernommen.

Samsung-Smartphone in Originalverpackung bei einem Polizeieinsatz.
Die Polizei und Zoll stellten bei einer Razzia viele falsch deklarierte Smartphones sicher. Bildquelle: Gemini / inside digital

Sichergestellt wurden zahlreiche digitale und analoge Beweismittel sowie Vermögenswerte. In einer Lagerhalle in Krefeld stießen die Ermittler laut Medienberichten auf Tausende der mutmaßlich falschen Neugeräte, die über die Niederlande nach NRW kamen. Ins Rollen gebracht hat die Ermittlungen ein anonymer Informant, der den Zoll erstmals im vergangenen Jahr mit internen Informationen versorgt haben soll.

Die Vorwürfe gegen die nun Festgenommenen wiegen schwer: Bildung einer kriminellen Vereinigung, gewerbs- und bandenmäßiger Schmuggel, Mehrwertsteuerbetrug, bandenmäßiger Betrug und Verstöße gegen das Markenrecht.

So soll die Masche funktioniert haben

1. Zusammenbau aus Altteilen in Asien und am Golf. Laut EPPO setzte die Gruppe die Smartphones in Hongkong und in den Vereinigten Arabischen Emiraten aus gebrauchten Komponenten unzähliger Smartphones zusammen. Danach wurden die Geräte gereinigt und so verpackt, dass sie wie fabrikneue Ware aussahen. Nach ARD-Informationen stammten die Teile von asiatischen und arabischen Märkten, die Kartons wurden professionell versiegelt. Betroffen waren Geräte führender Hersteller, überwiegend soll es sich aber um Samsung-Modelle gehandelt haben.

2. Der Weg nach Europa. Per Schiff oder Flugzeug gelangten die Handys in die Niederlande und von dort in Lager in Deutschland. Einem abgehörten Telefonat von Mitte Juni zufolge soll die Gruppe 10.000 bis 20.000 Geräte pro Monat nach Europa gebracht haben.

3. Verkauf über Online-Marktplätze. Von den deutschen Lagern aus gingen die Geräte an Endkunden in der ganzen EU. Laut Tagesschau lief der Verkauf unter anderem über Amazon, der Großteil der Käufer sitzt demnach in Deutschland.

4. Der Steuertrick. Briefkastenfirmen in Deutschland, Österreich, Bulgarien, den Niederlanden und der Schweiz sollen seit 2018 die sogenannte Differenzbesteuerung genutzt haben. Nicht nur beim Verkauf an Endkunden, sondern auch untereinander. Diese Regel ist eigentlich für den Handel mit Gebrauchtware gedacht, auf die bereits Mehrwertsteuer gezahlt wurde: Der Händler versteuert dann nur seine Marge, nicht den ganzen Preis. Wer aber Neuware verkauft oder vorgibt, das zu tun, muss den vollen Verkaufspreis versteuern. Die Bande hat sich damit laut Ermittlern das Beste aus beiden Welten genommen: Neuware-Preise beim Kunden, Gebrauchtware-Steuern beim Fiskus.

Wie viel das pro Gerät ausmacht, zeigt ein Rechenbeispiel mit fiktiven Zahlen: Ein Smartphone kostet 600 Euro, der Händler hat es für 450 Euro eingekauft. Regulär stecken in den 600 Euro rund 95,80 Euro Mehrwertsteuer. Bei Differenzbesteuerung werden nur auf die 150 Euro Marge Steuern fällig: knapp 24 Euro. Pro Handy bleiben so knapp 72 Euro mehr in der Kasse. Bei einer Million Geräten summiert sich das schnell.

Dazu kommt ein zweiter Kniff: Die Gruppe soll eine Weiterlieferung nach Osteuropa nur vorgetäuscht haben, um die Einfuhrumsatzsteuer zu umgehen. Tatsächlich blieb der Großteil der Ware in Deutschland, während sie auf dem Papier so lange zwischen Briefkastenfirmen hin- und hergeschoben wurde, bis die Spur kaum noch nachvollziehbar war. Der Steuerschaden in mehreren EU-Staaten liegt laut EPPO bei über 30 Millionen Euro, allein in Deutschland nach Angaben der NRW-Finanzverwaltung bei mindestens 25 Millionen Euro.

Warum fiel das so lange niemandem auf?

Dass die Masche so lange unentdeckt blieb, liegt an der professionellen Abwicklung. Die Geräte sollen äußerlich nicht von echten Neugeräten zu unterscheiden gewesen sein, die Verpackung wirkte original. Dazu kommt ein Vertrauensvorschuss, den viele Käufer bei großen Marktplätzen geben: Steht dort „Neu“ und „Versand durch Amazon“, schaut kaum jemand genauer hin, wer eigentlich verkauft.

Wie kann ich mich vor Smartphone-Betrügern schützen?

Da bei dieser Masche originale Gebrauchtgeräte optisch aufbereitet und in gefälschten Verpackungen als Neuware verkauft werden, helfen optische Merkmale am Gerät oft nicht weiter. Mit folgenden Schritten kannst du prüfen, ob dein angeblich neues Smartphone wirklich unbenutzt ist:

  • Akkuzustand & Ladezyklen auslesen: Viele moderne Smartphones (zum Beispiel iPhones auf Basis von iOS unter Einstellungen > Batterie oder Android-Systemmenüs) zeigen die Anzahl der Ladezyklen und die maximale Restkapazität an. Ein wirklich neues Gerät hat 0 bis 1 Ladezyklen und 100 % Kapazität.
  • Teile-Historie prüfen (iPhone). Unter „Einstellungen > Allgemein > Info“ zeigen neuere iPhones an, ob Teile getauscht wurden oder nicht vom Hersteller stammen.
  • Garantiestatus beim Hersteller prüfen: Gib die Seriennummer oder IMEI des Geräts direkt auf der offiziellen Website des Herstellers ein. Wurde das Gerät bereits vor Monaten oder Jahren aktiviert, läuft die Herstellergarantie dort bald ab oder ist sogar schon abgelaufen.
  • Seriennummern-Abgleich: Vergleiche die IMEI/Seriennummer in den Systemeinstellungen des Smartphones mit dem Aufdruck auf der Verpackung. Weichen diese ab, handelt es sich um eine neu hergestellte Verpackung.
  • Vorsicht bei Marktplatz-Drittanbietern: Ein auffällig günstiger Preis für Neuware bei Marketplace-Händlern (selbst auf großen Plattformen wie Amazon, Kaufland oder eBay) ist ein Warnsignal. Prüfe immer das Impressum des Verkäufers. Sitzt die Firma im Ausland oder wechselt häufig den Namen, ist Vorsicht geboten.
  • Lies die schlechten Bewertungen. Nicht der Sterneschnitt zählt, sondern was in den 1- bis 3-Sterne-Rezensionen auf den großen Plattformen steht. Häufig vorkommende Begriffe wie „gebraucht“, „Kratzer“, „Akku“, „IMEI“ oder „Garantie abgelehnt“ sind Alarmsignale.
  • Kauf im Zweifel direkt. Hersteller-Shops, Netzbetreiber, große Elektronikhändler oder Angebote mit „Verkauf und Versand durch Amazon“ sind die sicherere Wahl.

Bewusst gebraucht kaufen ist kein Problem, die Täuschung schon

Refurbished-Smartphones von seriösen Anbietern sind eine gute und günstige Alternative. Der Unterschied: Dort weißt du, was du bekommst, der Zustand ist klar beschrieben und es gibt eine eigene Garantie. Im „Troja“-Fall haben Käufer den Neupreis bezahlt und ein Gebrauchtgerät bekommen. Und das oft, ohne es je zu merken.

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Kommentar

Von Hayo Lücke

Mich ärgert an dem Fall vor allem eines: Die Käufer haben in den allermeisten Fällen wohl alles richtig gemacht. Großer Marktplatz, Neuware, versiegelter Karton, ordentliche Bewertungen. Trotzdem landete ein Gebrauchtgerät im Briefkasten. Daraus sollte man nun mitnehmen: Nach dem Auspacken eines neuen Smartphones die IMEI, Garantiebeginn und Akku prüfen. Das kostet fünf Minuten. Und auf jeden Fall bei Amazon und auf anderen Plattformen genauer hinschauen, wer dort wirklich verkauft.

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