„Die Politik nutzt Dunkelflauten als Vorwand, um bei der Energiewende den Rückwärtsgang einzulegen“

10 Minuten
Wir haben mit Merlin Lauenburg, dem Chef von Tibber darüber gesprochen, warum die ständige Angst vor dem Strommangel unbegründet ist, wie Haushalte von "Hellbrisen" profitieren und warum der schleppende Smart-Meter-Rollout uns Milliarden kostet.
Merlin Lauenburg, Chef von Tibber
Die Politik nutzt Dunkelflauten als Vorwand, um bei der Energiewende den Rückwärtsgang einzulegenBildquelle: Tibber

Wenn in der politischen Debatte von der Energiewende die Rede ist, fällt schnell das Schreckgespenst der „Dunkelflaute“. Doch ist die ständige Sorge vor einem Strommangel wirklich berechtigt? Merlin Lauenburg, Deutschland-Chef des digitalen Ökostromanbieters Tibber, sieht das völlig anders. Er kritisiert, dass seltene Flauten zunehmend als Vorwand genutzt werden, um beim Ausbau der Erneuerbaren den Rückwärtsgang einzulegen. Viel wichtiger sei es, das enorme Potenzial von „Hellbrisen“ – Phasen mit großem Stromüberschuss aus Wind und Sonne – aktiv zu nutzen. Im Interview erklärt Lauenburg, warum uns der schleppende Smart-Meter-Rollout Milliarden kostet, wie Haushalte durch dynamische Stromtarife massiv profitieren können und warum intelligente Flexibilität im Stromnetz den Bau neuer Gaskraftwerke überflüssig machen könnte.

Frage: Dunkelflauten gelten vielen als Achillesferse der Energiewende. Warum halten Sie die Fokussierung auf diese Phasen für problematisch?

Merlin Lauenburg: „Laut KfW treten Dunkelflauten im Schnitt nur 15 Mal pro Jahr auf, während wir weitaus häufiger sogenannte Hellbrisen mit enormen Erzeugungsüberschüssen aus Wind und Sonne erleben. Diese Phasen senken die Strompreise laut einer aktuellen Analyse von Agora Energiewende in der Summe deutlich stärker, als die seltenen Flaute-Stunden sie verteuern könnten. Während Preisspitzen in Dunkelflauten den durchschnittlichen Strompreis 2025 um etwa 3 Euro/MWh erhöhten, senkten die Hellbrisen den Preis um stolze 8 Euro/MWh. Die einseitige Fokussierung auf die Dunkelflaute verdeckt daher das eigentliche Potenzial von flexiblem Energieverbrauch.“

Welche Schlüsse lassen sich daraus ziehen?

„Wir brauchen ein Umdenken: Nicht der seltene Mangel an erneuerbarer Energie ist das Problem, sondern die fehlende Flexibilität, den häufigen Überfluss auch sinnvoll nutzen zu können. Eine Verbrauchsanalysen bei Tibber zeigt, dass Kunden ihren Verbrauch tatsächlich antizyklisch verschieben, sobald die passenden finanziellen Anreize und die nötige Technik vorhanden sind. Damit sparen sie Geld und entlasten das Netz und die Umwelt. Aktuell können aber rund zwei Millionen Heimspeicher und schätzungsweise 80 Prozent der E-Auto-Haushalte mangels Smart Meter nicht netzdienlich gesteuert werden.“

Wird die öffentliche Debatte Ihrer Meinung nach zu stark auf Mangelsituationen fokussiert?

„Absolut und ich halte diese Verengung der Debatte für gefährlich! Die aktuelle Politik des Bundeswirtschaftsministeriums nutzt seltene Dunkelflauten zunehmend als Vorwand, um bei der Energiewende den Rückwärtsgang einzulegen. Das zeigt sich deutlich im aktuell diskutierten Netzanschlusspaket, das den Ausbau eher ausbremst, anstatt die Versäumnisse der Netzbetreiber bei der Digitalisierung der letzten 15 Jahre anzugehen. In der Folge müssen die Umwelt und  die Kunden die Konsequenzen für die verschleppte Modernisierung und die mangelnde Flexibilität des Netzes tragen.“

Welche Rolle können dynamische Stromtarife dabei spielen, Phasen mit hohem Stromangebot besser zu nutzen?

„Dynamische Stromtarife geben die Preissignale der Börse direkt an die Haushalte weiter. So werden Verbraucher belohnt, wenn sie E-Autos oder Wärmepumpen genau dann nutzen, wenn günstiger Strom aus Wind und Sonne im Überfluss vorhanden ist. Das spart nicht nur bares Geld, sondern hilft auch dabei, das Netz stabil zu halten und grünen Strom optimal auszunutzen.“

Wie erleben Haushalte mit dynamischen Tarifen Preisspitzen in Dunkelflauten ganz konkret?

„In Phasen mit hohen Preisen erleben wir oft, dass Kunden emotional reagieren und trotz langfristiger Ersparnis durch dynamische Tarife kurzzeitig verunsichert sind. Wer aber einen volldynamischen Tarif und ein Smart Meter hat, der muss sich in der Regel um hohe Preise wenig Sorgen machen, denn unser automatisiertes Smart Charging verschiebt zum Beispiel die Ladezeiten des E-Autos automatisch in die günstigsten Stunden des Tages und umgeht so teure Stunden. Zusätzlich unterstützen wir unsere Kunden durch wöchentliche Preisprognosen und Push-Benachrichtigungen in der App, damit sie ihren Verbrauch rechtzeitig anpassen können.“

Die Energiewende braucht ein Umdenken - statt Rückschritt
Die Energiewende braucht ein Umdenken – statt Rückschritt Image source: scharfsinn86/Adobe Stock

Für welche Verbrauchergruppen sind dynamische Tarife besonders geeignet – und welche Voraussetzungen sollten idealerweise erfüllt sein?

„Dynamische Tarife lohnen sich besonders für Haushalte mit großen steuerbaren Verbrauchern wie E-Autos, Wärmepumpen oder Heimspeichern, da hier das größte Sparpotenzial durch Zeitverschiebung liegt. Die wichtigste technische Voraussetzung ist ein Smart Meter, das den Verbrauch viertelstundengenau erfasst, Zählerstände an Netzbetreiber und Lieferanten schickt und so die Abrechnung der günstigen Stunden überhaupt erst ermöglicht.“

Können auch Haushalte ohne E-Auto oder Heimspeicher von flexiblen Tarifen profitieren?

„Auf jeden Fall! Es beginnt schon damit, den eigenen Stromverbrauch mit Tools wie unserem Stromtracker Tibber Pulse erst einmal zu verstehen und große Stromfresser zu identifizieren. 79 Prozent unserer Nutzer konnten so ihren Gesamtverbrauch bereits deutlich senken. Auch einfache Haushaltsgeräte wie Waschmaschine oder Geschirrspüler lassen sich ganz gezielt in günstigen Stunden mit viel Wind- und Sonnenenergie nutzen. In Kombination mit Balkonsolar und einem kleinen Heimspeicher wird das Ganze für Mietwohnungen noch attraktiver, weil man den Heimspeicher zunächst mit der eigenen PV-Anlage und danach in günstigen Stunden aus dem Netz laden kann.“

Welches Potenzial sehen Sie in dezentralen Speichern für die Stabilisierung des Stromnetzes?

„E-Autos und private Batteriespeicher können als flexible Back-up-Kapazitäten fungieren, die Verbrauchsspitzen im Netz gezielt glätten und so teure Preisspitzen abfedern. Laut einer aktuellen Studie von Roland Berger für die New Energy Alliance könnten mit intelligenten dezentralen Lösungen bis zu 7 GW an neuen Gaskraftwerkskapazitäten vermieden werden – mehr als die Hälfte der vom Wirtschaftsministerium geplanten Neubau-Kapazitäten.

Das Potenzial für die Netzstabilisierung ist dabei enorm: Die Integration dezentraler Speicher und E-Autos senkt die Kosten für den Netzausbau und den sogenannten Redispatch, also die Vermeidung von Netzengpässen, erheblich. Dezentrale Systeme tragen nicht nur zur Versorgungssicherheit bei, sondern senken durch die Vermeidung von Infrastruktur- und Betriebskosten die Gesamtkosten des Energiesystems um bis zu 60 Milliarden Euro.“

In welchem Umfang könnten flexible Verbraucher perspektivisch dazu beitragen, fossile Reservekraftwerke seltener einsetzen zu müssen?

„Flexible Verbraucher haben das Potenzial, fossile Reservekraftwerke massiv zurückzudrängen, wie das Beispiel der „Saving Sessions“ von Octopus Energy zeigt: Dort konnten rund 350.000 ganz normale Haushalte allein durch Verbrauchsverschiebung die Leistung eines kompletten Gaskraftwerks ersetzen.“

Was müsste sich technologisch oder regulatorisch ändern, damit dieses Potenzial besser genutzt wird?

„Wir brauchen eine Politik, die nicht nur den Ausbau der Erneuerbaren entschlossen vorantreibt, statt ihn durch bürokratische Hürden auszubremsen, sondern auch das Stromnetz endlich konsequent digitalisiert und somit flexibler macht. Konkret muss der Smart-Meter-Rollout durch konsequente Sanktionen und eine engere Kooperation oder Konsolidierung der Messstellenbetreiber beschleunigt werden, wobei auch pragmatische Alternativen wie ein sogenanntes Smart Meter Light, das einfach vierstelstundenscharfe Verbrauchswerte sicher überträgt, zugelassen werden sollten. Zudem wäre ein zentraler Data Hub nach dänischem Vorbild essentiell, um Verbrauchsdaten effizient zu bündeln und die digitale Steuerung unseres Energiesystems massentauglich zu machen.“

Windräder und Solarmodule auf freier Fläche
Dunkelflauten treten lediglich 15 mal pro Jahr nach Daten der KfW auf Image source: zhengzaishanchu/Adobe Stock

2025 wurden viele Wind- und Solaranlagen in Phasen von Überangebot abgeregelt. Welche Ursachen sehen Sie dafür?

„Das Problem ist nicht ein Überangebot an Erneuerbaren, sondern vielmehr das fehlende Zusammenspiel im System. Die Abregelungen im Jahr 2025 sind die direkte Folge von zu langsam ausgebauten Netzen und einer völlig unzureichenden Einbindung vorhandener Flexibilitäten. Obwohl wir bereits über beachtliche Kapazitäten verfügen, sind diese technologisch und regulatorisch noch zu schlecht integriert, um den Strom in Zeiten von Überschüssen sinnvoll zu nutzen.“

Wie ließe sich dieses Überangebot wirtschaftlich sinnvoller nutzen?

„Anstatt saubere Energie abzuschalten, muss das Überangebot durch haushaltsnahe Flexibilität und Großspeicher nutzbar gemacht werden. Durch intelligente Steuerung von E-Autos und Wärmepumpen werden Verbraucher zu Flexumern, was den Bedarf an neuen Gaskraftwerken um bis zu 7 GW senken kann.“

Welche Rolle spielen intelligente Steuerung, digitale Infrastruktur und Smart Meter in diesem Zusammenhang?

„Obwohl Strom aus Wind und Sonne konkurrenzlos günstig ist, schwankt das Angebot stärker als bei fossilen Kraftwerken. Das macht das Gesamtsystem – vor allem die Netze – komplexer, sofern wir die Energiewende von unten nicht fördern. E-Autos, Wärmepumpen und Speicher müssen Strom automatisiert genau dann ziehen, wenn er dank Sonne und Wind im Überfluss vorhanden ist. Erst durch Smart Meter und dynamische Tarife profitieren Verbraucher direkt von diesen Preissignalen, entlasten durch ihr Verhalten das Netz und machen den Strom für die gesamte Gesellschaft grüner und günstiger.“

Verbraucherperspektive & digitale Steuerung

„Wie können Verbraucher im Alltag unkompliziert von günstigen Stromphasen profitieren und gleichzeitig verlässlich vor extremen Preisausschlägen geschützt werden? Bei Tibber können Verbraucher die günstigsten Stromzeiten ganz einfach über den Pulse und die Tibber App per zweisekundenscharfem Live-Tracking und wöchentlichem Price Forecast nachvollziehen. Der beste Schutz vor Preisschwankungen ist dabei die automatisierte Steuerung (Smart Charging), die den Verbrauch von Großgeräten wie E-Autos ganz ohne manuellen Aufwand automatisch in die günstigsten Stunden verschiebt. So werden teure Preisspitzen umgangen, während die App durch Live-Analysen und Push-Benachrichtigungen für maximale Transparenz sorgt.“

Wie wird sich Ihrer Einschätzung nach das Zusammenspiel aus Erzeugung, Speicherung und flexiblem Verbrauch in den kommenden fünf Jahren entwickeln?

„Das hängt maßgeblich von den politischen Entscheidungen des BMWE ab! Aber wir werden weiterhin für ein modernes Stromsystem kämpfen, das auf dezentrale, haushaltsnahe Flexibilität in Kombination mit zentralen Back-up-Kapazitäten setzt. Wenn das aktuelle Tempo beibehalten wird, stehen wir in fünf Jahren optimistisch geschätzt bei einem Smart-Meter-Gesamtrollout von 10–15 Prozent. 50 Prozent im Pflichtrolloutsegment – und einem Marktanteil dynamischer Tarife von etwa 15 Prozent. Wenn wir den Rollout beschleunigen wollen, muss die Digitalisierung der Energiewende zur absoluten Priorität werden, statt sie durch regulatorische Hürden auszubremsen.“

Müssten Sie einem durchschnittlichen Haushalt erklären, warum flexible Stromnutzung eher Chance als Risiko ist – was würden Sie sagen?

„Flexible Stromnutzung ist die Chance, sich von starren Durchschnittspreisen zu lösen und stattdessen über verschiedene Stellschrauben seine Stromrechnung kontinuierlich zu reduzieren. Mit dynamischen Tarifen können Haushalte aktiv von Preisphasen, in denen Strom aufgrund von Wind- und Sonnenüberschüssen extrem günstig oder sogar kostenlos ist, profitieren. Dank automatisierter Steuerung geht das sogar ganz ohne Aufwand. Das senkt nicht nur die eigenen Stromkosten, es stabilisiert auch die Netze und macht so die Energiewende für alle günstiger.“

Über Merlin Lauenburg

Merlin Lauenburg ist Managing Director des digitalen Ökostromanbieters und Pioniers für dynamische Tarife, Tibber. Über die Tibber-App werden Nutzer befähigt, Strom automatisch in den Zeiten zu verbrauchen, in denen er grün und günstig ist. Merlin startete seine Karriere früh in der Berliner Start-up-Szene. Er arbeitete u.a. bei Rocket Internet, baute in seiner Position als Head of Venture Development bei Viessmann neue Geschäftsmodelle auf und begleitete sie auf ihrem Weg zum Erfolg. Bei Tibber leitet Merlin seit drei Jahren die Geschicke auf dem deutschen Markt und rief die Smart Meter Initiative ins Leben, in der Tibber mit Octopus Energy, Rabot Energy und Ostrom sowie 20 weiteren führenden Unternehmen der Energiewende – unter anderem auch 1KOMMA5° – den Smart Meter-Rollout in Deutschland vorantreibt. Merlin lebt in Hamburg und Berlin, ist verheiratet und hat zwei Kinder.

Und was sagst du?

Bitte gib Dein Kommentar ein!
Bitte gibt deinen Namen hier ein