Regierung will fertige Bürger-App nicht, stattdessen zahlt sie Millionen für eine neue

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Die Digitalisierung der Verwaltung gleicht einem zähen Marathon. Was passiert jedoch, wenn eine fertige Lösung auf dem Tisch liegt und stattdessen kostspielige Projekte an Großkonzerne gehen? Ein aktueller Fall wirft drängende Fragen zur deutschen Vergabepraxis und unserer Innovationskraft auf.
Bild das eine mögliche Variante der Deutschland-App auf einem Smartphone zeigt
Deutschland-App könnte wesentlich schneller und günstiger vorliegen Bildquelle: KI-generiert

Ein fertiges Produkt. Millionen aktive Nutzer. Ein kurzes Klopfen aus dem Digitalministerium und dann pure Stille. Als KOBIL Gründer Ismet Koyun aus den Nachrichten erfuhr, dass der Zuschlag für die neue DeutschlandApp geräuschlos an SAP und die Telekom ging, war das mehr als nur ein entgangener Auftrag. Es ist ein fatales Signal an die gesamte Branche. Der Vorgang legt den Finger tief in die Wunde eines Systems, das aus Risikoangst vorzugsweise auf schwerfällige Großprojekte setzt, anstatt längst funktionierende Lösungen aus dem Mittelstand zu skalieren. Ein bürokratischer Reflex, der uns schon beim Onlinezugangsgesetz massiv ausgebremst hat.

Bürger-App-Entwicklung: Ein fertiges Produkt trifft auf taube Ohren

Was diesen Vorgang für die Branche so brisant macht: Wir sprechen hier nicht über abstrakte Konzeptpapiere oder unfertige Beta-Versionen. Mit der KOBIL OneApp4All existiert bereits ein voll funktionsfähiger Blueprint für eine bundesweite Lösung. Die Plattform beweist sich längst im millionenfachen Stresstest, unter anderem in der Metropole Istanbul sowie in der Stadt Worms. Die Software vereint Behördendienste, Angebote aus der Wirtschaft sowie Funktionen zur Vertragsunterzeichnung in einer zentralen Anwendung.

Der Gründer betont in seinem uns vorliegenden Statement deutlich die technische Reife seines Produkts. „Unsere OneApp4All ist 100% sicher und datenschutzkonform“, erklärt Koyun. Zudem fügt er hinzu, dass die Applikation weitreichende Funktionen bündelt. „Sie vereint alle gängigen Identitäten in einem einzigen Wallet“, führt der CEO aus und nennt als Beispiele die Bund ID, OZG, Gematik, EUDI Wallet sowie die qualifizierte elektronische Signatur. Es handelt sich also nicht um einen bloßen Prototyp. Dennoch brach der anfängliche Kontakt seitens des Digitalministeriums im vergangenen Jahr laut Koyun einfach ab.

Mangelnder Mut und verpasste Innovationen

Der Zuschlag ging stattdessen offenbar an die Deutsche Telekom und SAP. Koyun erkennt diese beiden Firmen als zweifelsfrei renommierte Unternehmen an, benennt aber ein entscheidendes Defizit bei den etablierten Riesen. „Was ihnen fehlt, ist Innovation. Und genau das braucht es für eine DeutschlandApp“, argumentiert der Software Entwickler. Eine erfolgreiche Plattform muss in deinem Alltag dauerhaft relevant bleiben.

Genau hier sieht der Experte den Schwachpunkt von reinen Verwaltungsanwendungen. „Alleine Behördendienste, die man vielleicht ein, zwei Mal im Jahr verwendet, reichen nicht aus, damit sie Bürger wirklich nutzen“, stellt der Unternehmer klar. Eine echte SuperApp müsse daher regionalen Betrieben und Startups die Chance geben, eigene Module zu integrieren. Genau diese offene Herangehensweise sieht er bei den Großkonzernen nicht gewährleistet. Stattdessen beobachtet er eine gefährliche Stagnation bei der Förderung lokaler Ideen. „In Deutschland werden sie systematisch ausgebremst“, kritisiert Koyun den Umgang mit heimischen Startups.

Ismet Koyun, Gründer von KOBIL
Ismet Koyun, Gründer von KOBIL Image source: KOBIL

Hier greift ein bekanntes deutsches Phänomen. Aus Angst vor dem komplexen Föderalismus, bei dem jede Kommune eigene Schnittstellen nutzt, flüchten sich Ministerien oft in die Arme von IT Giganten. Man hofft, dass diese mit massiver Marktmacht einen Standard erzwingen. Doch ein erzwungener Standard ist nicht automatisch ein guter oder innovativer Standard.

Ein teures Spiel für den Steuerzahler

Neben der Innovationsfrage spielt der finanzielle Aspekt eine gewichtige Rolle. Ein Blick auf die drastisch gescheiterten Fristen des OZG oder die ausufernden Kosten der Corona App weckt bei vielen Experten unangenehme Erinnerungen. Dabei ist sie keineswegs das einzig gescheiterte App-Projekt der Regierung. Ich möchte nur an die Führerschein-App erinnern, die 2021 komplett aus den Stores entfernt werden musste. Sowie die Notruf-App Nora, die sich 2021 sich zwei Tage in den App-Stores blieb, bevor sie zurückgenommen wurde. Die KOBIL Gruppe hatte der Regierung laut eigenen Angaben angeboten, die Plattform signifikant günstiger umzusetzen. „Wir machen es für die Hälfte der Kosten und in maximal sechs Monaten“, bekräftigt Koyun in seiner klaren Stellungnahme.

Dabei verweist er auf eine hohe fachliche Anerkennung auf internationaler Ebene. „Gemäß Gartner sind wir in Europa die einzige Firma, die eine solche Plattform aufgebaut hat“, lautet sein gewichtiges Argument. Entsprechende Unterlagen liegen der Redaktion zur Einsicht vor. Das renommierte Marktforschungsunternehmen Gartner dient in der Technologiebranche als unabhängiges Qualitätssiegel. Wenn Regierungen solche bewiesenen Kompetenzen ignorieren und Aufträge an die immer gleichen Anbieter vergeben, hat das weitreichende Folgen. Koyun findet dafür sehr drastische Worte. „Das ist keine Förderung des Mittelstands, das ist seine Zerstörung“, warnt er abschließend.

Viele Bürger stehen zentralen staatlichen Apps ohnehin skeptisch gegenüber, wenn es um Datensicherheit geht. Wer seine digitale Identität und seinen Datenverkehr lieber selbst absichern möchte, findet in europäischen Diensten wie NordVPN verlässliche Werkzeuge für kompromisslose Privatsphäre im Netz

Nachgehakt: Was sagt die Regierung dazu?

Wir haben das zuständige Ministerium mit den massiven Vorwürfen des KOBIL-Gründers konfrontiert und um eine offizielle Stellungnahme gebeten. Wir wollen wissen, nach welchen Kriterien sich die Regierung gegen die fertige Lösung des Mittelständlers und für die Großkonzerne SAP und Telekom entschieden hat. Auf unsere Nachfrage hin haben wir folgendes Statement erhalten:

Da bis dato kein Vergabeverfahren angelaufen ist, gab es auch keine Bewerbungen, die bewertet werden könnten. Demzufolge ist es auch nicht zutreffend, dass einzelne Unternehmen nicht berücksichtigt worden wären. Eine Vergabe ist in einer der kommenden Projektphasen geplant. Dieses wird dann auch Unternehmen aller Größen, insbesondere auch aus dem Mittelstand, offenstehen.

Wir möchten das Leben der Bürgerinnen und Bürger einfacher machen und die Verwaltung effizienter, schneller und serviceorientierter gestalten – mit weniger Bürokratie, kürzeren Bearbeitungszeiten und einer zentralen Anlaufstelle für Verwaltungsleistungen – alles aus einer Hand, digital und jederzeit zugänglich. Dazu entwickeln wir eine KI-gestützte Verwaltungsplattform, zu der auch eine App gehört. Unser Ziel ist, schnell spürbare Fortschritte für die Menschen in Deutschland zu erzielen.

Das BMDS entwickelt zusammen mit T-Systems und SAP zunächst einen ersten Prototyp für eine solche Verwaltungsplattform. Im Fokus steht ein zeitnaher Nachweis der technischen Machbarkeit. Der Prototyp ist von Beginn an als modulare und offene Plattformstruktur innerhalb des Deutschland-Stack konzipiert. Für diese zeitlich begrenzte Initialphase werden bestehende Rahmenverträge aus dem Kaufhaus des Bundes genutzt. Im nächsten Schritt wird eine offene Ausschreibung durchgeführt, bei der sich alle Marktteilnehmer für die Entwicklung und den Betrieb der Plattform und App bewerben können. 

Bastian Pauly – Sprecher des Bundesministerium für Digitales und Staatsmodernisierung (BMDS)

DeutschlandApp: Finale Entscheidung steht noch aus

Demnach ist die Auftragsvergabe an SAP und die Deutsche Telekom bisher nur für einen Prototypen und die finale Entscheidung über die Umsetzung durch ein Unternehmen noch nicht gefallen. Wenn es tatsächlich eine Ausschreibung gibt, so teilte uns Herr Koyun mit, dass er definitiv diese Chance nutzen wird, doch noch etwas zur DeutschlandApp beizutragen. Seine Türen stehen offen für den Digitalminister – und auch wenn die Info mit SAP/Telekom große Enttäuschung bei ihm ausgelöst hat. Es geht ihm natürlich um seine SuperApp, aber vor allem auch um eine Sache, die er betont: „Deutschland kann sich kein Scheitern in Sachen Digitalisierung erlauben.“

Auch ein Sprecher der Telekom meldet sich zu Wort

Harald Lindlar, Vice President Corporate Communications der Deutsche Telekom AG hat uns ebenso ein Statement zur neuen Bürger-App zukommen lassen. Demnach liegt der Fokus für die Entwicklung schlichtweg nicht in der Schaffung einer neuen Super-App, die viele Aspekte abdeckt. Vielmehr soll sie eine gemeinsame Schnittstelle für bereits bestehende Systeme werden:

Bei der geplanten Bürger-App geht es gerade nicht darum, eine einheitliche „Super-App“ zu schaffen, die bestehende Lösungen in Städten und Kommunen ersetzt. Im Gegenteil: Ziel ist es, die vorhandene Vielfalt an Anwendungen und Systemen zu erhalten und über eine gemeinsame, intelligente Ebene zugänglich zu machen und damit dem föderalen System Rechnung zu tragen.

Der Ansatz basiert darauf, bestehende kommunale Angebote über einen übergreifenden, agentenbasierten Zugang zu verbinden. Bürgerinnen und Bürger sollen Leistungen und Formulare einfacher finden und Anträge leichter vollständig ausfüllen können – unabhängig davon, welche Anwendung oder welches System im Hintergrund steht. Für Kommunen bedeutet das: Investitionen und bestehende Lösungen bleiben erhalten und werden integriert, nicht verdrängt.

Vor diesem Hintergrund greift auch die implizite Gegenüberstellung „zentrale Lösung vs. bestehende City-Apps“ aus unserer Sicht zu kurz. Die eigentliche Herausforderung liegt nicht im Bau einzelner Apps, sondern in einem sicheren, skalierbaren, standardisierten und vor allem nutzerfreundlichen Zusammenspiel unterschiedlichster Systeme über föderale Ebenen hinweg.

Dass in diesem Kontext zahlreiche Anbieter ihre Lösungen positionieren, ist nachvollziehbar und grundsätzlich auch zu begrüßen. Wettbewerb und Innovation sind wichtige Treiber. Gleichzeitig zeigt die Erfahrung aus vergleichbaren Projekten, dass die eigentliche Komplexität weniger im Frontend liegt, sondern in der Integration, Orchestrierung und im Betrieb einer solchen Infrastruktur.

Genau hier setzt der aktuelle Ansatz an: nicht auf die Ablösung bestehender Angebote, sondern auf deren intelligente Vernetzung.

Aus meiner Sicht, schließen sich beide Ansätze keineswegs gegenseitig aus. Vielmehr wäre eine Zusammenführung dieser Möglichkeiten zu begrüßen, wenn sie sich technisch umsetzen ließe. Denn besser als eine einzelne App, die alle Systeme intelligent vernetzt oder eine Super-App, die mehr Services auf einmal liefert, wäre eine, die beides beherrscht. Wir dürfen gespannt sein, welche Wendung die Geschichte rund um die Bürger-App nehmen wird.

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