Huawei Watch 2 im Praxistest: Tracken, Schwitzen, Nerven

13 Minuten
Huawei hat auf dem MWC in Barcelona nicht nur die beiden Smartphone-Flaggschiffe P10 und P10 Plus vorgestellt, sondern auch die neue Smartwatch Watch 2. Sie hat sich durch den Praxistest von inside-digital.de gewühlt und zeigt dabei was sie kann – und was nicht.
Huawei Watch 2
Bildquelle: Michael Büttner / inside-digital.de

Nachdem Huawei mit der Watch seine erste vollausgestattete Smartwatch präsentiert hatte, trat im Test der Huawei Watch von inside-digital.de nach anfänglicher Begeisterung über das edle Design schnell die Ernüchterung ein. Zu wenig Apps und das hakelige Android Wear ins seiner ersten Version verhagelten den guten ersten Eindruck. Beides soll mittlerweile der Vergangenheit angehören und so wird sich im Test zeigen, ob Huawei nun ein besseres Ergebnis erzielen kann.

Technische Daten der Huawei Watch 2

  • Display: 1,2 Zoll
  • Auflösung: 390 x 390 Pixel
  • Prozessor: Snapdragon Wear 2100
  • Speicher: 2 GB
  • LTE: nicht vorhanden
  • Akkulaufzeit: Bis drei Tage bei normaler Nutzung, 420 mAh
  • GPS: ja
  • NFC: ja
  • Herzfrequenzsensor: ja
  • Wassserdicht: IP68
  • Software: Android Wear 2.0
  • Wechselbare Armbänder: Ja
  • Gehäusegröße: 45 mm

Die hier getestete Watch 2, Modellvariante LEO-BX9, unterscheidet sich von der Watch 2 Classic durch das Gehäuse-Design und -Material: So ist die Classic mit Edelstahlgehäuse und weniger sportlichem Design etwas eleganter als die herkömmliche Watch 2. Doch es gibt weitere Varianten: So wird es die Watch 2 auch mit SIM-Karten-Slot geben. Dadurch ist es möglich, ganz ohne das Smartphone auszukommen. Die Watch 2 wurde im Test mit dem LG G6 und dem HTC 10 genutzt, wobei bei beiden keine Probleme bei Konnektivität und Einrichtungen aufgetreten sind.

Android Wear App

Design und Verarbeitung

Die Außenhülle der wuchtigen Huawei Watch 2 besteht aus Plastik und Metall und wird teilweise von Silikon überzogen. Das mitgelieferte Standard-Armband besteht ebenfalls aus Silikon und kann ersetzt werden. Dazu muss der kräftige Verschluss an den Enden des jeweiligen Teilbands geöffnet werden. Robuste Fingernägel vorausgesetzt ist das Wechseln jedoch eine Sache von wenigen Augenblicken.

Das sportliche Äußere erinnert, wird das Display außer Acht gelassen, an G-Shock-Uhren aus den 90er Jahren. Es taugt für den angedachten Zweck, den sportlichen und aktiven Umgang mit der Smartwatch, gut. Für den Business-Bereich oder zu einem Anzug passt die Uhr jedoch wie Dosenravioli zum Sterne-Restaurant. Die Lünette wird von Huawei mit einer Minuteneinteilung beschriftet, die in Fünfminutenschritten eingeteilt wird. Sie ist jedoch eher Zierrat, da sie nicht drehbar ist und auch keine anderen Funktionen wie beispielsweise die der Samsung Gear S3 Frontier oder Classic bietet. Ein weiterer kleiner Nachteil des Designs der Lünette: Die glänzende Oberfläche zeigt Fingerabdrücke deutlich und verzeiht auch Schmierer nur selten.

Huawei Watch 2 Hands-On-Test

Durch einen recht breiten Rand um das Display der Watch 2 wirkt das Panel etwas verloren in der wuchtigen Uhr. Die einblendbaren Watchfaces machen jedoch zu jeder Zeit eine gute Figur; besonders, wenn sie passend zum Äußeren der Uhr mit einem sportlichen Look gewählt werden. Dieses kleine Highlight wird dann getrübt, wenn sich mal wieder Schmutz auf dem Display-Rand sammelt. Durch die Kante zwischen dem Gehäusering und dem Display wird es zur Sisyphus-Aufgabe, den Rand des Displays sauber zu halten.

Die Verarbeitung liegt in allen Bereichen auf hohem Niveau. Das Armband wie auch die Smartwatch selbst sind sauber verarbeitet und bieten keine großen Anhaltspunkte für Schluderei in der Fertigung. So sind Spaltmaße und auch Grate nicht erkennbar. Die Verschlüsse an den Bändern, sei es zur Uhr selbst oder auch für die Bänder untereinander, sind ebenfalls stabil und ohne Beanstandung in der Funktionalität.

Handhabung und Tragekomfort

Die Bedienung der Huawei Watch 2 erfolgt über zwei Knöpfe auf der rechten Seite des Gehäuses und über das Touchdisplay. Dabei ist die Bedienung nach wenigen Minuten der Eingewöhnung selbsterklärend und intuitiv. Die beiden Taster an der rechten Seite sind straff, schützen jedoch nicht immer zuverlässig vor Fehlbedienung durch den Handrücken, wenn dieser beispielsweise beim Fahrradfahren nach hinten an die Uhr gerät. Das geschieht jedoch nur selten. Die beiden Taster sind zur Fingerbedienung gut geeignet. Sie reagieren, wie man es erwartet und bieten genug Gegendruck, um beim Joggen oder im Fitnessstudio auch mal einen Fehlgriff zuzulassen ohne gleich die Trainingsaufzeichnung zu gefährden.

Beim Sport wird geschwitzt – kein Geheimnis und bei richtiger Ausübung auch gewollt. Darauf reagiert die Huawei Watch stoisch: Sie klebt einfach an dem Punkt des Armes fest, an dem die Uhr zu Beginn des Trainings gerutscht wurde. Das mag einerseits gut sein, weil sie dann nicht in den Wirkungsbereich der Hand baumeln kann, auf der anderen Seite, kann sie dadurch auch kaum mal eben verschoben oder ins Blickfeld gedreht werden.

IP68 – Steuerung kaum möglich

Die Watch 2 ist wasser– und staubdicht und damit IP68-zertifiziert. So ausgestattet hält sie auch mal ein Eintauchen ins kühle Nass aus und muss sich auch nicht vor staubigen Downhill-Pisten oder schweißnassen Läufer-Unterarmen fürchten. Das Problem beim Spaß im und rund um das Wasser: Die Touch-Bedienung fällt fast völlig aus. Wischgesten werden schon bei wenigen kleinen Tropfen nicht mehr gemessen und auch Tippbefehle werden nicht mehr sauber ausgeführt. Hier muss nachgebessert oder das Display, wie es bei der Apple Watch 2 realisiert wird, gesperrt werden. Fehlfunktionen, die von allein aufkamen, sind dabei so gut wie nie aufgetreten.

Apps und Benachrichtigungen

Auf der Huawei Watch 2 läuft Android Wear 2 von Google. Die App-Auswahl hat sich seit dem Test der Huawei Watch stark verbessert, liegt jedoch immer noch auf einem niedrigen Niveau. Das stört bei der WLAN-Version der Uhr weniger, als wenn die LTE-Version genutzt wird. Dann dürften es schon etwas mehr Apps sein.

In der getesteten Version ohne Zugang zum LTE-Netz muss sowieso das Handy mitgeführt werden um noch auf Online-Dienste wie Messenger oder Wetter– und News-Apps zugreifen zu können. Das Training selbst kann jedoch dank GPS und GLONASS auch ohne Smartphone erfolgen. Die Synchronisation erfolgt in dem Fall bei der nächsten Kontaktaufnahme mit dem zugehörigen smarten Telefon.

Huawei Watch 2 – Screenshots

Die Benachrichtigungen laufen nur minimal zeitversetzt auf die Huawei Watch und werden in der Regel automatisch aktiviert. Bei einem der Hauptnutzungs-Szenarien, Whatsapp-Benachrichtigungen, ist es ärgerlich, dass Bilder nur dann angezeigt werden, wenn sie als erste Nachricht und auch nur dann wenn sie ohne Text gesendet werden. Ist das nicht der Fall, zeigt die Benachrichtigung nur die Ankunft eines Bildes an, ohne dass man dann noch darauf zugreifen kann.

Fitness-Tracken

Eine der Hauptaufgaben der Huawei Watch 2 ist das Tracken von Herzschlag, Schritten, Trainingseinheiten und anderer Aktivitäten. Dabei wurden im Test die beiden Fitness-Apps Google Fit und Huawei Health mit Daten versorgt. Beide Apps haben Vor- und Nachteile und sprechen unterschiedliche Nutzergruppen an.

Google Fit

Google Fit landet mitsamt dem Betriebssystem auf der Huawei Watch und bietet zum Teil automatisiertes Erkennen von Bewegungs- und Aktivitätsarten. Die Liste der voreinstellbaren sportlichen Aktivitäten ist dabei schier unendlich lang. Von Crossfit, über Indoor-Cycling bis zu Zumba ist fast jede alltäglich anwendbare und auch nicht anwendbare Sportart im Paket enthalten. Der große Nachteil: Jede Sportart muss vor dem Training ausgewählt werden. Bei der Kleinteiligkeit, die das Gesamtsystem Google Fit bietet, kann es also sein, dass man innerhalb eines Work-Outs mit Kraftsport, Cardio-Anteilen und beispielsweise einer Runde Fatburner-Übungen, dreimal umstellen muss und damit jedes Mal ein neues Training startet.

Ein vermeintlicher Vorteil, der sich aus dem teilweise automatischen Erkennen der Sportart ergibt, zeigt sich beispielsweise beim Fahrrad fahren. Die Google-App erkennt die Tätigkeit, erkennt jedoch nicht zuverlässig, wann vom Fahrrad abgestiegen und etwas anderes getan wird. So kann es schon einmal vorkommen, dass die Fahrt zum Fitnessstudio bis weit in den Trainingsbereich der Kraftübungen erkannt wird. Mit solchen Datensätzen lässt sich eine korrekte Übersicht der Leibesübungen und Aktivitäten nicht erreichen.

Screenshots Google Fit

Die Darstellung der Daten wirkt verspielt, simpel und doch unübersichtlich. Hier kann die App, ganz im Material-Design Googles, nicht sonderlich gefallen. Die Diagramm-Ansichten sind nett, jedoch ist ein ein- oder heraus-zoomen nicht möglich. Stattdessen passt sich die Höhe der Skala automatisch an, wenn auf der Zeitachse gesrcollt wird. Der Überblick über die ausgewählten Ziele, die innerhalb der Wochenfrist erreicht werden sollen, gerät dagegen schick und übersichtlich. Einschränkung hier: Werden mehr als vier Aktivitäten ausgewählt, können diese nicht mehr in einem Bildschirm angezeigt werden und man muss scrollen, um alle Aktivitäten im Blick zu behalten. Das ist jedoch ein fast zu vernachlässigendes Detail.

Huawei Health

Fast das genaue Gegenteil zu Googles Fitness-App stellt Huawei mit der Health-App zur Verfügung. Sie ist in den Trainings eingeschränkter und in der Darstellung angenehmer und übersichtlicher als Googles Interpretation einer Sport-App.

Huawei konzentriert sich bei seiner Gesundheits-App auf Ausdauersportarten: In der Smartphone-App werden die einblendbaren Trainings Laufen, Wandern und Radfahren angezeigt. Darüber hinaus können auf der Watch 2 weiter Aktivitäten beziehungsweise Trainingsschwerpunkte ausgewählt werden. So kann man Fettverbrennen, Cardio oder ein undefiniertes Training auswählen. Die Darstellung der Trainingseinheit im undefinierten Training ist jedoch ebenfalls auf Bewegung zu Fuß ausgelegt. So kann die Health-App nicht für andere Sportarten empfohlen werden, bietet sich jedoch als allgemeine Tracking-Funktion an, wenn man beispielsweise einfach wissen will, wie die Herzfrequenz, der Kalorienverbrauch und die allgemeine Belastung sich beim Training entwickelt haben. Dabei sind die angebotene Datenaufbereitung weit schicker als bei Googles App. Einen guten Gradmesser wie ausgeglichen oder unausgeglichen das Training ausgefallen ist, zeigt die grafische Zusammensetzung der Puls-Entwicklung und die Einstufung in welchem Bereich (Aufwärmen, Fettverbrennen, Aerobe und Anaerobe Ausdauer sowie der Extrembereich) trainiert wurde.

Huawei Health

Ein tolles Gimmick für Läufer bietet die Trainingsplan-Funktion, in der ein Ziel vorgegeben werden kann und die App einen Plan mit einzelnen Trainingszielen erstellt, der dann dokumentiert wird. Damit bietet sich die Huawei-Health-App für Laufbegeisterte und solche die es noch werden wollen sehr gut an. Auch Nutzer, die ihren Alltag tracken wollen, kommen hier mit der hübschen und unkomplizierten Optik voll auf ihre Kosten.

Huawei Watch 2
Bildquelle: Michael Büttner / inside-digital.de

Kein Parallelbetrieb

Grundsätzlich lassen sich jedoch nicht beide Apps gleichzeitig mit ein und derselben Trainingseinheit beschicken. Das ist schade, könnte man so beispielsweise die große Auswahl an Trainings bei Google Fit und die schicke und detaillierte Darstellung von Huaweis Gesundheits-App nutzen. So bleiben bei beiden einige Lücken in der Funktionalität.

Akku

Smartwatches stehen und fallen mit dem Akku und dessen Durchhaltevermögen. Der Akku der Huawei Watch 2 wird im Alltag auch bei intensiverer Nutzung ohne nächtliches Tracking um die Hälfte entleert. Auch an Tagen, an denen eine gute Stunde trainiert wird, zeigt sich der Akku standhaft. Damit stehen in fast allen Lebenslagen knapp zwei Tage Nutzung im Raum. Ein im Vergleich guter Wert. Eine Smartwatch ist keine Armbanduhr und auch kein reiner Schrittzähler. Damit muss mit einem höheren Energieverbrauch gerechnet werden. Wer also ein Gerät mit mehr als drei oder vier Tagen Akkulaufzeit braucht, sollte sich zumindest zur Zeit in anderen Geräteklassen umsehen. Wer sich auch nicht wöchentlich oder monatlich stundenweise von seinem Gerät trennen möchte, kann auch auf das Smartphone selbst zurückgreifen. Einige Hersteller haben mittlerweile Schrittzähler auch in ihre Mobiltelefone integriert.

Fazit

Die Huawei Watch 2 besticht als sportlicher Alltagsbegleiter mit zuverlässiger Technik und ordentlichem Betriebssystem. Die Konnektivität mit den beiden Test-Smartphones LG G6 und HTC 10 war im gesamten Testzeitraum stabil und sollte sie mal entkoppelt gewesen sein, schnell wieder aufgebaut. Wer die Watch 2 auch mal bei schickeren Anlässen tragen will, sollte sich zumindest andere Armbänder für diese Situationen kaufen. Sie sind schnell gewechselt und können so an die jeweilige Lebenslage angepasst werden. Ein eleganter Business-Begleiter wird jedoch aus der Watch 2 auch dadurch freilich nicht.

Im Gegensatz zum eleganten Auftreten gibt es an der Robustheit keine Zweifel. Der Watch 2 machen harte Trainingseinsätze, Schweiß, Türrahmenrempler und Wasser nichts aus. Einzig die Bedienbarkeit des Touch-Displays bei Nässe lässt hier zu Wünschen übrig. Dafür lässt es sich auch bei Sonneneinstrahlung noch gut ablesen, auch wenn es etwas dauert, bis die volle Helligkeit nach dem Aufwecken erreicht wird.

Die Software an sich bietet alles, was eine moderne Smartwatch bieten sollte. Ein größerer App-Store wäre jedoch immer noch wünschenswert. Die beiden getesteten Sport-Apps bieten Vor- und Nachteile und sollten im Zweifel über den jeweiligen Sport-Stil ausgewählt werden.

Pros der Huawei Watch 2

  • hart im Nehmen
  • tolle Konnektivität
  • einfache Bedienung

Contras der Huawei Watch 2

  • klebriges Armband
  • schlechte Touch-Bedienung bei Nässe
  • Display im Verhältnis klein

Preis-Leistung der Huawei Watch 2

Die smarte Uhr von Huawei kommt wie in der hier getesteten Version ohne Mobilfunkanbindung für knapp 330 Euro zum Kunden. Soll sie mit SIM-Karte und damit autonom vom Smartphone betrieben werden, werden knapp 380 Euro fällig. Noch etwas teurer zeigt sich die „Classic“-Variante, die mit edlerem Design allerdings auch ohne LTE ausgestattet ist. Sie kostet knapp 400 Euro.

Die Watch 2 lässt sich am ehesten mit der Samsung Gear S3 Classic und der Gear S3 Frontier vergleichen. Die beiden Konkurrenten aus Korea kostet knapp 400 Euro und befinden sich damit oberhalb der meisten Versionen der Huawei Watch 2. Wird Apples Watch Series 2 mit in den Vergleich einbezogen, zeigt sich, dass die Amerikaner günstiger zu haben sind: Mit 319 Euro steigt man in die Apple-Welt ein – in der 38mm-Version. Die 42mm-Gehäuse starten bei 349 Euro. Dazu kann man, je nach Modell auch bis weit über 1.000 Euro ausgeben.

Damit bewegt man sich mit der Huawei Watch 2 auf einem Durchschnittslevel am Markt der anspruchsvollen Smartwatches. Der Preisverfall wird jedoch auch die Watch 2 von Huawei treffen und damit den einstige in wenigen Monaten deutlich verbilligen. Wer es also nicht eilig hat, sollte noch ein bisschen Zeit ins Land streichen lassen.

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