Du hast Glasfaser gebucht, und auf dem Sofa ruckelt es trotzdem? Dann geht es dir wie vielen. Und genau das bremst laut Huawei den Glasfaserausbau in Deutschland. Dr. Michael Lipka, Senior Manager Technology Strategy bei Huawei, hat das auf den Connect Innovation Days in Berlin so beschrieben: Wer sich einen Anschluss holt und dann enttäuscht ist, erzählt es weiter. “Dann sagt jeder: Das funktioniert doch gar nicht richtig mit dem Glasfaseranschluss. Also, lieber Nachbar, lass es sein.”
Der Anschluss ist schnell, der letzte Meter nicht
Die Branche klagt seit Jahren darüber, dass zu wenige Haushalte Glasfaser buchen, obwohl die Leitung vor der Tür liegt. Lipka sieht einen Grund dafür nicht im Anschluss selbst, sondern in dem, was dahinter passiert.
“Wir sagen immer, die letzte Meile. Dabei ist es der letzte Meter, auf dem können wir unheimlich viel falsch machen”, sagte Lipka. Der Router steht dort, wo früher die Telefondose war: im Flur neben der Eingangstür. Dazwischen liegen Wände und Decken. “Durch jede Wand und jede Decke verlieren wir 50 Prozent der Kapazität und verdoppeln die Latenz”, so Lipka. Im Altbau hängen Räume an alter Hausverkabelung, über die laut Lipka maximal 100 Mbit/s ankommen, egal, was am Anschluss anliegt. Auch WLAN-Mesh ist in seinen Augen keine Lösung: Verbraucher stellen sich “Boxen hin, die nur noch mit sich selbst kommunizieren”.

So zahlen Kunden oft für hohe Bandbreite, merken davon aber nichts. Den Kunden interessiert laut Lipka auch nicht, wo es im Netz hakt. Er sieht nur das ruckelnde Bild. Dass es sein WLAN ist und nicht der Anbieter, sieht er nicht. Er erzählt aber seinen Nachbarn, dass das Netz nicht gut sei.
Wie es andersherum läuft, erzählte Lipka gleich mit. Sein Sohn sei ausgezogen, wohne jetzt in einem Neubau mit Glasfaseranschluss und sei begeistert. Er frage seinen Vater ständig, warum es bei ihm zu Hause nicht besser läuft. “So entsteht Werbung. Und so entsteht auch das Gegenteil von Werbung”, sagte Lipka.
Glasfaser per Klebestreifen bis ins Zimmer
Huaweis Antwort ist, wenig überraschend, ein Huawei-Produkt: Fiber to the Room, kurz FTTR. Wir haben darüber schon häufiger berichtet. Die Glasfaser endet dabei nicht an der Wohnungstür, sondern läuft weiter bis in die einzelnen Räume. Sie steckt in einer Art transparentem Klebestreifen, der an die Wand geklebt wird. Ein Hauptgerät verteilt das Signal über einen Splitter an Zugangspunkte in den Räumen oder Etagen. Jeder davon spannt ein eigenes WLAN auf. Die Verbindung untereinander läuft über Glas, nicht über Funk. Das System rund um den OptiXstar F50 ist bei Amazon erhältlich, wir haben es bereits vorgestellt.
Dass Huawei es mit Glasfaser ernst meint, unterstreicht Lipka mit dem Hinweis, das Unternehmen habe sich schon vor Jahren entschieden, komplett aus kupferbasierter Technik auszusteigen: kein DOCSIS, kein Vectoring mehr. “Wir wollen dieses tote Pferd nicht weiter am Leben erhalten.” Die Zukunft sei WLAN im Raum plus Glasfaser, “den Rest sollten wir am besten vergessen”.

Glasfaser fürs Treppenhaus: 16 Wohnungen möglich
Lipka nutzt FTTR selbst, in seinem Reihenhaus bei München mit drei Etagen und einem Zugangspunkt pro Stockwerk. Das Kuriose: Einen Glasfaseranschluss hat er nicht. Angeboten werden ihm nur DSL und Kabel. Das zeigt immerhin eins: FTTR ist kein Internetanschluss, sondern ein Heimnetz. Es funktioniert hinter jedem Anschluss.
Die Entwicklung bleibt nicht stehen. Die klebende Glasfaser will Huawei auch an Netzbetreiber vermarkten, um Glasfaser in die Häuser zu bringen. Für Mehrfamilienhäuser hat Huawei eine Variante mit vier Fasern angekündigt. Sie soll durchs Treppenhaus bis zu 16 Wohnungen erschließen, ohne Stemmarbeiten. Den Brandschutz, bisher ein Hindernis im Treppenhaus, sieht Lipka durch die aktuelle Kommentierung der Muster-Leitungsanlagen-Richtlinie geklärt.
Die 50 Prozent WLAN-Verlust sind eine Faustformel
Natürlich spricht hier ein Hersteller, der etwas verkaufen will. Das solltest du insbesondere bei den 50 Prozent WLAN-Verlust bedenken. Denn wie viel eine Wand schluckt, hängt vom Material ab. Gipskarton lässt viel durch. Ziegel bremst. Stahlbeton blockt. Dazu kommt das Frequenzband: Auf 5 und 6 GHz verliert das Signal deutlich mehr als auf 2,4 GHz.
Dass Lipka im Kern recht hat, erlebe ich, der Autor dieses Textes, trotzdem jeden Tag, wenn ich WLAN-Router teste. Meine Wohnung liegt auf zwei Etagen. Stahlbeton. Fußbodenheizung. Per Funk kommt vom Router im Erdgeschoss oben wenig an. Deshalb hängt mein Repeater im Obergeschoss per LAN-Kabel am Router. Das Prinzip ist dasselbe wie bei FTTR: die Funkstrecke so kurz wie möglich halten und den Rest per Kabel überbrücken.
Genau deshalb brauchst du nicht zwingend Glasfaser im Wohnzimmer. Liegt schon Netzwerkkabel in der Wand, reicht ein Mesh-System, dessen Knoten per LAN verbunden sind. Lipkas Kritik am Mesh trifft vor allem Systeme, die sich untereinander nur per Funk verbinden. Powerline über die Stromleitung ist eine weitere Option, die Ergebnisse schwanken aber stark je nach Elektroinstallation. Und manchmal hilft es schon, den Router aus dem Flur in die Wohnungsmitte zu holen.
FTTR spielt seine Stärke dort aus, wo keine Kabel liegen und niemand stemmen will. Etwa im Altbau mit Stuck an der Decke. Welche Lösung es am Ende wird, ist für Lipkas These fast zweitrangig. Hauptsache, die Leistung kommt dort an, wo du sitzt. “Wenn wir zu Hause nicht erleben können, was wir am Anschluss haben, dann wissen wir ihn auch nicht zu schätzen”, sagte er. Und dann rät man dem Nachbarn eben ab.
