Jaguar I-Pace im Test: Britische Raubkatze auf Tuchfühlung mit Tesla

10 Minuten
Jaguar. Dieser Name steht für britische Sportwagentradition, die bis ins Jahr 1922 zurückreicht. Viele Gebrauchtwagen der Marke sind heutzutage begehrte Sammlerstücke. Mit dem Jaguar I-Pace ist aber auch ein modernes Elektroauto im Design eines SUV-Coupés erhältlich. Wir haben es getestet.
Jaguar I-Pace steht auf einer Wiese
Edel und hochwertig präsentiert sich der Jaguar I-Pace im Test.Bildquelle: Hayo Lücke / inside digital

Um es gleich vorwegzunehmen: Der Jaguar I-Pace ist so ziemlich alles, aber ganz sicher kein graziles Elektroauto. Fast 4,70 Meter lang und vor allem über zwei Meter breit präsentiert sich der mit britischen Genen behaftete Straßenkreuzer als eher wuchtiger Vertreter seiner Zunft. Der I-Pace ist damit ähnlich groß wie das Tesla Model X. Hinzu kommt ein Gewicht von rund 2,2 Tonnen, das die beiden an der Vorder- und Hinterachse montierten Elektromotoren per Allradantrieb vom Fleck bewegen müssen. Damit es zu keinen bösen Überraschungen kommt, steht über das einstufige Getriebe eine Leistung von kernigen 294 kW (400 PS) bei einem maximalen Drehmoment von 696 Nm zur Verfügung.

Vier Fahrmodi für reichlich Fahrspaß

Aber genug der Zahlenspiele. Wir nehmen Platz im Innenraum des Jaguar I-Pace. Und natürlich geht es hier aufgeräumt und zeitgemäß zu, von britischem Understatement ist aber nichts zu sehen. Ein vollständig digitalisiertes Cockpit hinter dem Lenkrad (12,3 Zoll) informiert über wichtige Fahrdaten, ein großes Infotainment-Display mit Touchfunktion (10 Zoll) dient mittig angeordnet unter anderem als DAB+ Radio und Navigationssystem. Auf Wunsch lassen sich Inhalte vom Handy per Apple CarPlay oder Android Auto auf den Infotainment-Bildschirm übertragen – auch kabellos.

Unter dem Info-Display ist optional zwischen großen Dreh-Drück-Reglern ein zweites Touch-Display zur Steuerung der 2-Zonen-Klimaautomatik und der Sitzklimatisierung zu finden. Es ist aber nicht nur anfällig für Staub, sondern tagsüber auch alles andere als frei von Spiegelungen. Als Fahrer muss man sich teilweise ein Stück nach vorne beugen, um alle Inhalte gut ablesen zu können.

Jaguar I-Pace im Test - 2. Touchscreen
Der zweite Touchscreen zieht Staub magisch an und spiegelt mitunter stark.

Alcantara-Lenkrad ist ein Genuss für die Sinne

Was uns gut gefallen hat: Optional ist es möglich, neben der Abdeckung des Fahrerdisplays auch das Multifunktionslenkrad mit einem Premium-Velours-Überzug zu bestellen. Das Lenkrad fühlt sich mit diesem Extra aus Mikrofaserstoff (Alcantara) samtig weich und besonders griffig an. Wir empfanden das haptische Gefühl als überaus angenehm, sind uns aber unsicher, ob das Lenkrad nach intensiver Nutzung mit der Zeit nicht vielleicht zu starke Abnutzungserscheinungen aufweist.

Jaguar I-Pace Alcantara-Lenkrad
Fühlt sich angenehm griffig an: das optionale Alcantara-Lenkrad im Jaguar I-Pace.

Gestartet wird der Jaguar I-Pace über einen Start/Stopp-Knopf. Zum Einlegen von Vorwärts- und/oder Rückwärtsgang stehen klassische Drucktasten zur Verfügung. Ebenfalls per Tastendruck kann der Fahrer zwischen vier verfügbaren Fahrmodi wählen: Regen/Eis/Schnee, Eco, Komfort und Dynamik. Die Möglichkeit, zum Beispiel über Schaltwippen hinter dem Lenkrad zwischen verschiedenen Rekuperationsstufen auszuwählen, gibt es beim Jaguar I-Pace aber nicht. Hier muss eine einzige Stufe zur Energierückgewinnung während der Fahrt ausreichen.

Jaguar I-Pace: Unterwegs mit bis zu 200 km/h

Das Fahren im Alltag macht mit dem Jaguar I-Pace ordentlich Spaß. Flottes Anfahren? Kein Problem. Zügige Sprints? Natürlich auch ein Kinderspiel. Jaguar verspricht eine Beschleunigung von 0 auf 100 km/h in flinken 4,8 Sekunden. Auch auf kurviger Strecke beweist das E-Auto trotz des hohen Gewichts eine hohe Agilität, ohne zu stark in die Seitenneigung zu gehen. Das sichere Ein- und Auslenken in die Kurven ist stets gewährleistet. Dazu trägt auch der tiefe Schwerpunkt durch den im Unterboden verbauten Akku bei.

Selbst hinsichtlich der Höchstgeschwindigkeit muss sich die vierrädrige Raubkatze unter den Elektroautos nicht hinter Tesla und Co verstecken. Auf dem Papier stehen 200 km/h Höchstgeschwindigkeit, in der Paxis geht es laut Anzeige im Bordcomputer sogar noch ein wenig darüber hinaus. Die Top-Geschwindigkeit sollte man aber nicht ausreizen. Zumindest dann nicht, wenn man Energie sparen möchte. Aber dazu später mehr.

Jaguar I-Pace parkt vor einem Kotten.
Jaguar I-Pace parkt vor einem Kotten.

Soundprofil im Dynamik-Modus spaltet die Geister

Im Alltag haben wir uns üblicherweise im Komfort-Modus über die Straßen bewegt. Und schon das sorgt für viel Fahrdynamik. Apropos Dynamik. Wer mag, kann wie erwähnt per Knopfdruck auch in den Dynamik-Modus wechseln. Und der macht insbesondere auf der Autobahn so richtig Laune. Nicht nur die Tatsache, dass die Beschleunigung in diesem Modus noch ein wenig zackiger greift, erfreut den Fahrer. Sondern auch eine künstliche Geräuschkulisse, die über die im Innenraum verbauten Lautsprecher bei einem kräftigen Tritt auf das Gaspedal ertönt.

Dann nämlich hat man im Jaguar I-Pace das Gefühl, tatsächlich in einem Sportwagen zu sitzen. Statt eines niedlichen Surrens ist dann ein blubbernder Motorensound zu hören. Das Ziel von Jaguar und seinen Sounddesignern ist klar: Bei der Beschleunigung im Dynamik-Modus soll der Fahrer ein besseres Gefühl für die hohe Leistungsfähigkeit des Elektroautos bekommen. Das mag nicht jedermanns Sache sein, uns hat das gewählte Soundprofil aber sehr gefallen.

ClearSight-Rückspiegel: ein technisches Meisterwerk

Ebenfalls ein technisches Ausrufezeichen: der ClearSight-Innenrückspiegel. Der klassische Rückspiegel ist im Jaguar I-Pace nämlich ziemlich … ja, wie soll man sagen … unbrauchbar wäre vielleicht etwas hart formuliert, aber viel zu sehen ist durch ihn aufgrund der Bauform des Autos eigentlich nicht. Umso besser, dass man ihn blitzschnell in den ClearSight-Modus schalten kann. Dann aktiviert sich die in die Dachantenne integrierte Kamera und zaubert ein digitales Monitorbild im Breitbildformat auf den Rückspiegel. Das sorgt nicht nur bei Tageslicht für einen perfekten Blick nach hinten, sondern vor allem auch nachts; selbst auf mäßig ausgeleuchteten Straßen.

Und immer wieder fällt bei einer Fahrt mit dem Jaguar I-Pace eines auf: Es gibt Platz satt. Mit seinen Crossover-Genen steht auch in der zweiten Sitzreihe angenehm viel Bein- und Kopffreiheit zur Verfügung. Dazu trägt neben dem optionalen Panoramaglasdach auch der sehr breite Radstand von fast drei Metern bei. Zudem ist aus der erhöhten Sitzposition heraus jederzeit bequemes Ein- und Aussteigen möglich.

Im Kofferraum finden standardmäßig 638 Liter Platz, klappt man die Rückbank um, sind es sogar bis zu 1.453 Liter. Praktisch: Zusätzlicher Stauraum findet sich unter der Motorhaube, wo sich beispielsweise das Ladekabel für die Nutzung von AC-Ladesäulen unterbringen lässt.

Jaguar I-Pace Ladekabel unter Motorhaube.
Zusätzlicher Stauraum unter der Motorhaube – zum Beispiel für das Ladekabel.

Verbrauch des Jaguar I-Pace im Check

Natürlich haben wir uns auch ein Bild davon gemacht, wie sich der Jaguar I-Pace hinsichtlich des Stromverbrauchs schlägt. Und zwar einerseits auf der Autobahn, aber auch im Stadtverkehr. Auf der Langstrecke zwischen Münster und Oberhausen konnten wir über zweimal je 100 Kilometer einen durchschnittlichen Verbrauch von circa 27 kWh pro 100 km messen. Aber nur, wenn man im Bereich der Richtgeschwindigkeit unterwegs ist. Tritt man das Gaspedal kräftiger durch und fährt mit Tempo 150 Richtung Zielort, steigt der Verbrauch auf 32 kWh / 100 km.

Bei gemäßigter Fahrweise sind auf der Autobahn demnach Reichweiten von rund 300 Kilometern kein Hindernis. Wer mit Tempo 100 unterwegs ist, wird möglicherweise auch die 400-Kilometer-Schwelle knacken können. Doch die agile Raubkatze dauerhaft nur kitzeln, aber nicht auslasten zu können, macht auch keinen wirklichen Spaß. Ein Reichweitenwunder ist der Jaguar I-Pace also nicht, man kommt aber auch auf der Langstrecke gut voran. Und mit ein wenig Vorplanung von passenden (und grundsätzlich sinnvollen) Pausen, steht der nächsten Reise nichts im Weg.

Im Stadtverkehr haben wir den Jaguar I-Pace im Rahmen unseres Tests dreimal über eine Strecke von 15 Kilometern quer durch die Innenstadt von Münster gefahren. Im Schnitt konnten wir dabei einen Stromverbrauch von 17,4 bis 16,8 kWh pro 100 Kilometer messen und sind am Ende bei 17,2 kWh / 100 Kilometer gelandet. Wie hoch der Stromverbrauch am Ende tatsächlich ist, hängt aber von sehr vielen Faktoren ab. Nicht nur von der Witterung, sondern auch von der Intensität der Beschleunigung und davon, ob die Klimatisierung zum Einsatz kommt oder nicht. Im Rahmen unseres Tests war sie grundsätzlich eingeschaltet.

Ladeanschluss des Jaguar I-Pace.
Der Ladeanschluss ist am Jaguar I-Pace vorne links zu finden.

Und die Ladeleistung?

Hinsichtlich der Wiederaufladung der 90 kWh großen Batterie verspricht Jaguar beim I-Pace an DC– und HPC-Ladesäulen über seinen CCS-Stecker eine Ladeleistung von bis zu 100 kW. Diesen Wert konnten wir im Test aber nie erreichen. Exemplarisch haben wir bei sonnigem Wetter und 16 Grad Außentemperatur die folgenden Ladewerte an einer HPC-Ladesäule dokumentiert.

  • Start bei 20 Prozent verbleibender Akkukapazität: ca. 78 kW Ladeleistung
  • ab 28 Prozent verbleibender Akkukapazität: ca. 85 kW Ladeleistung
  • ab 30 Prozent verbleibender Akkukapazität: ca. 50 kW Ladeleistung
  • ab 42 Prozent verbleibender Akkukapazität: ca. 45 kW Ladeleistung

Für das Laden von 20 auf 58 Prozent der maximal möglichen Akkukapazität vergingen in diesem Fall 45 Minuten. Für das Laden auf 80 Prozent hätten wir rund 1,25 Stunden an der Ladesäule stehen müssen. Wenn du eine AC-Ladesäule oder eine Wallbox ansteuerst, lädt der Jaguar I-Pace übrigens standardmäßig über den verbauten Onboard-Charger mit bis zu 11 kW. Auf die Batterie gewährt Jaguar eine Garantie von acht Jahren – maximal aber bis zu einer Laufleistung von 160.000 Kilometern.

Jaguar I-Pace parkt an Schnellladesäule
Das Wiederaufladen des Jaguar I-Pace ist mit bis zu 100 kW möglich.

Was kostet der Jaguar I-Pace?

Bleibt abschließend natürlich noch eine Frage: Zu welchem Preis ist der Jaguar I-Pace überhaupt erhältlich? Los geht es laut aktueller Preisliste bei 76.815 Euro für den I-Pace EV400 S, über 87.015 Euro für den I-Pace EV400 SE, bis hin zu 93.785 Euro für den mit Vollausstattung gesegneten I-Pace EV400 HSE.

Das Basismodell I-Pace S ist unter anderem bereits ab Werk mit LED-Scheinwerfern und 18 Zoll großen Leichtmetallrädern ausgestattet. Im P-Pace SE sind 20 Zoll große Leichtmetallfelgen montiert, die Heckklappe lässt sich auch elektrisch öffnen und schließen und die Außenspiegel sind elektrisch klapp- und beheizbar. Auch eine adaptive Geschwindigkeitsregelung mit Lenkassistent ist dann an Bord.

Wer sich für den I-Pace HSE entscheidet, bekommt unter anderem zusätzlich Zugriff auf ein Head-up-Display und kann ein Meridian-Soundsystem nutzen. Der Fahrersitz ist in dieser Ausstattungsvariante beheiz- und kühlbar. Optional ist es möglich, auf eine 22 Zoll-Bereifung zu upgraden.

Jaguar I-Pace Türgriffe
Die Griffe des Jaguar I-Pace verschwinden aus aerodynamischen Gründen während der Fahrt in den Türen.

Fazit: Top-Fahrdynamik, aber hoher Verbrauch

Keine Frage, der Jaguar I-Pace ist ein Luxusschlitten, den sich nicht jeder leisten kann. Wer aber doch einsteigen darf, wird schnell Gefallen an dem 2,2 Tonnen schweren Straßenkreuzer finden. Denn das Cruisen macht schon im Eco-Modus ordentlich Laune.

Das Gelbe vom Ei ist dieser Fahrmodus aber nicht. Ständig hat man das Gefühl, dass die Raubkatze unter dem eigenen Hintern mehr bieten möchte und kräftig mit von den Vorderpfoten scharrt. Völlig entfesselt geht es im Dynamik-Modus zur Sache. Dann wird im Handumdrehen aus einem behäbigen SUV ein rassiger Sportwagen. Irgendwo möchten die 400 PS halt hin.

Einziger echter Minuspunkt: der recht hohe Verbrauch. Doch wer sich den Jaguar I-Pace leisten kann, wird vermutlich nicht darauf achten müssen, ob das Elektroauto auf 100 Kilometer nun Stromkosten in Höhe von 15, 20 oder gar 30 Euro verursacht. Dass aber die Reichweite kräftig sinkt, sobald man schneller als mit 130 km/h unterwegs ist, das wird viele Langstrecken-Fans schon eher stören.

Vorteile

  • kraftvoller, dynamischer Allradantrieb
  • ClearSight-Innenrückspiegel für perfekte Sicht nach hinten
  • solide Reichweite auf der Autobahn
  • Ladekabel unter der Motorhaube verstaubar
  • ab Modelljahr 2023 mit Alexa Sprachsteuerung

Nachteile

  • kein Schnäppchen
  • Blick nach hinten über klassischen Rückspiegel indiskutabel
  • hoher Stromverbrauch
  • recht stark spiegelndes 5-Zoll-Display zur Klimatisierung
  • nur eine Rekuperationsstufe
Jaguar I-Pace Rückbank
Der Blick nach hinten ist im Jaguar I-Pace stark eingeschränkt – ohne Glasdach noch stärker.

Kommentar

Von Hayo Lücke

Macht es Spaß den Jaguar I-Pace zu fahren? Diese Frage musste ich in den vergangenen zwei Wochen immer wieder beantworten. Und meine Antwort war unisono: unbedingt! Das erste Elektroauto mit der brüllenden Raubkatze auf der Motorhaube gleitet gleichermaßen sportlich wie elegant über die Straße und lässt bei Bedarf auf der Autobahn ordentlich die Muskeln spielen. Eines sollte aber jedem Käufer bewusst sein: Der I-Pace zieht Blicke auf sich. An der Ampel, an Kreuzungen, in der Innenstadt, auf der Autobahn, eigentlich überall. Das muss man mögen.

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Bildquellen

  • Jaguar I-Pace im Test – 2. Touchscreen: Hayo Lücke / inside digital
  • Jaguar I-Pace Alcantara-Lenkrad: Hayo Lücke / inside digital
  • Jaguar I-Pace parkt vor einem Kotten.: Hayo Lücke / inside digital
  • Jaguar I-Pace Ladekabel unter Motorhaube.: Hayo Lücke / inside digital
  • Ladeanschluss des Jaguar I-Pace.: Hayo Lücke / inside digital
  • Jaguar I-Pace parkt an Schnellladesäule: Hayo Lücke / inside digital
  • Jaguar I-Pace Türgriffe: Hayo Lücke / inside digital
  • Jaguar I-Pace Rückbank: Hayo Lücke / inside digital
  • Audi e-tron Sportback Test: Hayo Lücke / inside digital
  • Jaguar I-Pace im Test: Britische Raubkatze auf Tuchfühlung mit Tesla: Hayo Lücke / inside digital
Ein Mann mit Helm fährt E-Bike auf einer Straße.
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