Xiaomi-Smartphones mit LineageOS aktualisieren – eine gute Idee?

6 Minuten
Die Entwicklung von Android-Updates ist für Smartphone-Hersteller aufwendig, und so manches Modell bleibt auf der Strecke. Xiaomi setzt mit LineageOS auf eine freie Alternative für einen langfristigen Support, der aber auch seine Tücken hat.
Android 12 bringt ein neues Design
Ein erster Blick auf Android 12Bildquelle: Denny Müller - Unsplash

Die Unzulänglichkeiten bei der Aktualisierung eines Android-Smartphones bieten eigentlich seit den Anfängen des Google-Betriebssystems viel Platz für Kritik. Auch wenn viele Hersteller in den letzten Jahren ein deutlich höheres Engagement an den Tag legen, stehen zuerst die teureren Modelle im Fokus. Und selbst die offizielle Ankündigung eines Updates muss längst nicht bedeuten, dass es auch tatsächlich auf dem Gerät ankommt, dass du in den Händen hältst. Denn diese werden in den sogenannten Roll Outs oftmals häppchenweise verteilt. Systeme wie LineageOS könnten eine Lösung darstellen.

Android-Updates für Hersteller aufwendig

Für Smartphone-Hersteller ist die Entwicklung eines Updates nicht ganz so banal, wie es auf den ersten Blick erscheinen mag. Die Aktualisierung muss von jedem Partner, also auch von den Kommunikationsdienstleistern, die das jeweilige Handy anbieten, getestet werden. Und das in jeder Landesversion. Selbst für Deutschland und Österreich muss jeweils eigens angepasst werden. Das ist für Hersteller nicht gerade lukrativ, schließlich wurde das Geld schon verdient. Und die Margen sind schon in der Mittelklasse nicht gerade üppig.

Exemplarisch zeigt sich dies beim Xiaomi Poco X3 Pro. Eine offizielle Aktualisierung auf Android 12 (und die hauseigene MIUI-13-Oberfläche) steht zwar allem Anschein nach schon seit Frühjahr bereit, jedoch nicht hierzulande. Hier bleibt’s bei Android 11, und selbst das letzte Sicherheitsupdate ist vom Januar 2022.

Bei Xiaomi scheint man daher nun einen weiteren Weg für die langfristige Aktualisierung gehen zu wollen: Für zahlreiche Smartphones des Herstellers steht eine alternative Version des freien Androids LineageOS bereit. Die Preissuchmaschine Geizhals weist die Methode als offiziellen Support aus, auch für das oben genannte Handy.

Freie Android-Versionen: Unabhängig vom Hersteller

Das Betriebssystem Android ist im Prinzip eine Linux-Abwandlung. Große Teile des entwickelten Source-Codes muss Google aufgrund der Linux-Lizenzbestimmung der Allgemeinheit frei zur Verfügung stellen. Damit entwickelten sich ebenso schon in den Android-Anfangstagen freie Communitys, die auf der Basis des verfügbaren Grundstocks eigene Versionen bereitstellten. Weil sich der Funktionsumfang und das Update-Verhalten bei den Hersteller-Versionen verbesserte, verringerte sich das Bedürfnis nach einer alternativen Android-Version, die nur mit teilweise gehörigem Aufwand und unter Verzicht auf Gewährleistungsansprüche auf dem Smartphone installiert werden konnte. Dennoch werden diese Alternativen nach wie vor von engagierten Communitys gepflegt und weiterentwickelt. Neben LineageOS zählen etwa GraphenOS oder CalyxOS zu den populären Derivaten, die mit jeweils eigenen Ansätzen punkten. Sie sind jedoch nur dann nutzbar, wenn sie auch von dem Smartphone unterstützt werden, das du in den Händen hältst.

Wahnsinn: Dieses 200-Euro-Handy schießt an die Spitze der Verkaufscharts
Xiaomi Poco X3 Pro: Kassenschlager wartet auf neues Android

LineageOS installieren: Es wird kompliziert

Xiaomi setzt auf Lineage OS und gibt offenbar großzügig die Spezifikationen für die entsprechenden Anpassungen heraus, sodass zahlreiche aktuelle Smartphones in der Datenbank der Community gelistet sind. LineageOS gilt als Einsteiger-freundlich, allerdings bedeutet das keine Erleichterungen bei der Installation. Und die ist bei einem alternativen Android alles andere als banal.

Zuerst muss der sogenannte Bootloader entsperrt werden. Mit diesem wird vom Hersteller festgelegt, welche Dateien beim Start des Smartphones geladen werden dürfen. Es handelt sich also um einen sicherheitsrelevanten Bereich, denn hier gestartete Anwendungen, werden von den üblichen Schutzmechanismen nicht geprüft.

Schritt für Schritt freischalten

Um das Smartphone zu entsperren, sind mehrere Schritte nötig. Zunächst muss der Entwicklermodus eingeschaltet werden, der sich bei Android in den Einstellungen („Über das Telefon“) finden lässt. Der daran anschließende Prozess des Entsperrens unterscheidet sich von Smartphone zu Smartphone. Xiaomi kommt dir mit einer eigenen Unlock App entgegen. Im Anschluss wird das auf einem PC die Android Debug Bridge, kurz ADB, installiert und das Gerät per USB-Kabel verbunden und ein neues Recovery eingerichtet. Daraufhin kann die passende LineageOS-Variante installiert werden. Wer die Google-Dienste nutzen will, muss diese ebenfalls händisch nachinstallieren, und zwar noch vor dem ersten Start des frischen LineageOS.

LineageOS
LineageOS: Freies Android als Alternative zu offiziellem Support?

Die Garantie ist offiziell futsch

Auch das Thema Gewährleistung sollte nicht ganz aus den Augen verloren werden. Auch diese ist nach dem Entsperren des Bootloaders – zumindest offiziell – futsch. Tatsächlich sind manche Partner, die die Garantie-Abwicklung für die Smartphone-Hersteller übernehmen nicht ganz so kritisch. Sie verlangen lediglich, das auf einem eingeschickten Gerät das ursprüngliche Betriebssystem zu finden ist.

Richtig ärgerlich wird das Ganze bei einem sogenannten Brick. Geht bei der Installation etwas völlig schief, kann es in seltenen Fällen passieren, dass das Smartphone damit vollständig unbrauchbar wurde. Dann lässt sich weder das Recovery-Menü aufrufen, noch eine Reaktion am USB-Kabel erreichen. Es handelt sich um einen Totalschaden.

Mit LineageOS geht nicht mehr alles

Nach dem ersten Starten des neuen Betriebssystems dürfte sich jedoch bei manchem Ernüchterung einstellen. Denn nicht mehr jeder Dienst lässt sich dann noch ganz einfach nutzen. Das gilt insbesondere für VoLTE und Banking-Apps. Um bei letzteren einen Missbrauch zu vermeiden, lassen die jeweiligen Anbieter große Sorgfalt bei der Überprüfung der Sicherheit walten. In den Banking-Apps stecken Routinen, die Systeme mit entsperrten Bootloadern aussortieren.

Bei vielen Nutzern funktionieren die fraglichen Dienste problemlos, was nicht zuletzt am jeweiligen Anbieter liegt. Zudem lassen sich die entsprechenden Sicherheitsmechanismen mit Apps wie BusyBox und magisK umgehen. Allerdings werden die Sicherheitsroutine der Banking-Apps genauso wie entsprechende Google-Dienste, allen voran SafetyNet, regelmäßig aktualisiert. Ein dauerhaftes Funktionieren von solchen Überbrückungsmöglichkeiten ist damit also nicht gewährleistet.

Sind LineageOS und Co. wirklich eine Alternative?

Die Update-Politik der Hersteller hat sich in den vergangenen Jahren zwar verbessert, in vielen Fällen ist sie jedoch nach wie vor nicht auf dem Niveau, das als nutzerfreundlich bezeichnet werden kann. Mit dem Erscheinen des Nachfolgers fällt der Vorgänger oft aus dem Blickfeld, vor allem wenn er nicht in den höheren Preisregionen angesiedelt war. Dabei handelt es sich jedoch nicht nur um einen kleinen Makel, mit dem auf die eine oder andere kleine Neuerung verzichtet werden muss, sondern um eine Frage der Sicherheit. Insofern ist die Installation eines freien Android eine gute Idee, nicht zuletzt, weil die freien Communitys für die schnelle Verfügbarkeit von Updates bekannt sind und überdies die für ein Smartphone bereitgestellte Software noch Jahre nach ihrem Erscheinen pflegen und weiterentwickeln.

Allerdings sind die Hürden nicht eben niedrig. Zwar können die auch technisch Unbedarfte die Android-Installation sicher abschließen, wenn sie die Anleitungen Schritt für Schritt befolgen. Ein Grundinteresse macht es jedoch einfacher. Selbst bei Fehlern ist längst nicht alles verloren. In den allermeisten Fällen lassen sich diese mit einem Neustart der Installationsroutine beheben. Ein bisschen Lust am Ausprobieren von Neuem gehört dazu, fast ein bisschen wie Linux auf dem PC, wobei hier die Installation um ein Vielfaches einfacher ist.

Deine Technik. Deine Meinung.

9 KOMMENTARE

  1. Benjamin

    „Xiaomi kommt dir mit einer eigenen Unlock App entgegen“

    Das ist jetzt schon der Euphemismus des Jahres!

    Dass man überhaupt eine spezielle Unlock App für das entsperren des bootloaders braucht ist schon eine Frechheit (Genug Hersteller zeigen dass es auch ohne PC oder zumindest ohne proprietäre SW (ADB braucht man ja sowieso) möglich ist.), aber der Prozess ist den man einhalten muss ist reine Schikane. Die größte (aber nicht einzige) Schweinereien ist eine erzwungene Wartezeit von einer Woche. 😬 Wenn man es zu früh nochmal versucht bekommt man als kleine Eziehungsmaßnahme gleich nochmal eine Extrawoche aufgebrummt. 👿

    Davon, dass die App nur für Windows zur Verfügung steht wollen wir mal gar nicht anfangen.

    Von „Entgegenkommen“ kann also überhaupt nicht die Rede Sein. „So schwer wie möglich machen, ohne offiziell den Anschein zu verspielen“ trifft es schon viel besser!

    Antwort
  2. Fette7

    Nimmt pixelexperience. Reine. Android, . onatliche Sicherheitsupdates,ist Android 12.1 Android 13 usw wird es auch zeitnah geben. Die Rom besteht den safty net check usw, damit gehen Banking Google Pay usw.
    Aber anonym wie lineage oa ist es dann natürlich nicht.

    Antwort
    • Timo Brauer inside digital Team

      Auf jeden Fall eine gute ROM. Nur dass bei größeren Updates (nicht nur bei neuen Android-Versionen) häufig das komplette Smartphone zurückgesetzt werden muss, hält mich von der Nutzung im Alltag ab.

      Antwort
  3. Stefan

    Beim Poco X3 pro habe ich um das Update auf Android 12 anzutriggern schlicht unter Einstellungen die Region auf Indien umgestellt und schon stand das Systemupdate zur Verfügung. Nach abgeschlossenen Update und Reboot habe ich die Region wieder auf Deutschland umgestellt. Für einen Normalanwender stellt das wirklich keine großen Hürden dar.
    Meine Frage an Euch: Ist das Entsperren des Bootliaders bei Xiaomi noch mit einer Wartefrist verbunden? Ich habe vor knapp 2 Jahren ein Poco F1 mit Lineage OS versehen (und nutze selbiges immer noch total zufrieden als Backuptelefon), war allerdings vom frickeligen Entsperrprozedere ziemlich genervt.

    Aus eurem Artikel könnte man fast herauslesen, das Xiaomi die Hand über die Nutzung von Lineage OS halt. Das kann ich mir ehrlicherweise kaum vorstellen.

    Antwort
    • Timo Brauer inside digital Team

      Ja, das Entsperren ist bei Xiaomi zwar sehr simpel im Vergleich zu anderen Herstellern, jedoch mit einer nervigen Wartezeit verbunden. Diese variiert wohl von Fall zu Fall. Bei mir waren es bisher immer 14 Tage.

      Antwort
  4. Green

    Die Freischaltung des Boot Loader ist tatsächlich eine unwürdige Schickane. Ich habe LineageOS (Früher CyanogenMod) sicher schon auf 20 Geräten installiert. Aber so einen Dummfick wie die ‚Mi Unlock app‘ mit Zwangsregisterung und der ihrer Wartezeit habe ich noch nicht erlebt. Das entsperren des Bootloader hat auf meinem Poco X3 Pro sicher 3 mal so lange gedauert wie die eigentliche Installation und Einrichtung von Lineage. Wenn es erstmal läuft, laufen sowohl 18 (Android 11) als auch 19 (Android 12) ziemlich gut.

    Antwort
  5. Matthias Wellendorf inside digital Team

    In früheren Zeiten war das bei Huawei ähnlich, nur das der Account ausschließlich über eine Seite in chinesischer Sprache angelegt werden konnte. Das war selbst mit Google Translate alles andere als einfach…

    Antwort
  6. Mark

    xiaomi poco x3 pro : hätte gerne Android 11 retour, MiUI13 ist instabil- Internet fällt des öfteren während TelGespräch aus, automatische Drehung des Bildschirms lässt nur auf eine Seite zu nach einer bestimmten Zeit, automatische Verdunkelung ohne Funktion stellt sich ab, usw.. es braucht einen Neustart, dann geht’s wieder eine Zeit lang .. nervig

    Antwort
  7. Mark

    MiUI13 gibt es in Österreich. war sofort verfügbar.
    kann nur warnen davor .. es ist nicht so stabil wie MiUI12 (And11).

    Antwort

Und was sagst du?

Bitte gib Dein Kommentar ein!
Bitte gibt deinen Namen hier ein