Preisfalle an der Strombörse: Warum das teuerste Kraftwerk unseren kompletten Strompreis diktiert

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Die Stromrechnung steigt unaufhörlich, obwohl Wind und Sonne eigentlich kostenlose Energie liefern. Ein unsichtbarer Mechanismus an der Börse koppelt unsere Tarife gnadenlos an teures Erdgas. Wie dieses System funktioniert und warum es uns in aktuellen Krisen zum Verhängnis wird, erfährst du hier.
Strommast, Euroscheine und Taschenrechner in Kollage
Preisfalle an der Strombörse: Warum das teuerste Kraftwerk unseren kompletten Strompreis diktiertBildquelle: Pawel Michalowski/Shutterstock

Du öffnest die jährliche Abrechnung deines Versorgers und reibst dir verwundert die Augen. Überall sprießen Solaranlagen auf den Dächern und riesige Windparks drehen sich im Dauerbetrieb. Eigentlich müsste die Energie aus diesen erneuerbaren Quellen die Kosten massiv drücken. Doch die Realität auf deinem Kontoauszug zeichnet ein völlig anderes Bild. Die Ursache für diese gefühlte Ungerechtigkeit liegt nicht bei den lokalen Anbietern, sondern tief verborgen in den Handelsräumen der europäischen Strombörse. Ein spezieller mathematischer Mechanismus entscheidet täglich darüber, wie viel du für jede verbrauchte Kilowattstunde zahlen musst. Dieser Algorithmus sorgt dafür, dass ausgerechnet die teuerste Technologie den Takt angibt. Wie genau diese unsichtbare Preisfalle zuschlägt und warum Branchenexperten nun drastische Änderungen fordern, erfährst du in den folgenden Abschnitten.

​Wie die unsichtbare Preisbildung funktioniert

​Im europäischen Großhandel entsteht der Preis nach dem Prinzip der marginalen Preisbildung. Dieses komplexe System nennt sich Merit Order. Kraftwerke bieten ihren Strom auf dem Markt typischerweise entlang ihrer sogenannten Grenzkosten an. Das sind exakt die Ausgaben, die für die jeweils nächste produzierte Megawattstunde anfallen.

​Die unzähligen Angebote der Kraftwerksbetreiber werden an der Börse strikt von günstig nach teuer sortiert. Erneuerbare Energien wie Solaranlagen und Windkraftwerke stehen durch ihre geringen variablen Kosten ganz vorne in der Warteschlange. Die Börse nimmt von dort an aufsteigend so lange Angebote an, bis die komplette Nachfrage der Verbraucher exakt gedeckt ist.

​Der alles entscheidende Faktor ist das zuletzt noch benötigte Kraftwerk in dieser Handelskette. Dieses sogenannte Grenzkraftwerk setzt den finalen Marktpreis fest. Dieser höchste Preis gilt dann rückwirkend für alle bezuschlagten Erzeugungsmengen. Wenn an einem bewölkten Tag der Strombedarf steigt, müssen flexible Gaskraftwerke einspringen und diktieren somit den Tarif für den kompletten Markt.

​Der volkswirtschaftliche Nutzen und seine Schattenseiten

​Grundsätzlich hat diese kurzfristige Einsatzlogik einen klaren volkswirtschaftlichen Nutzen. Das System stellt im Tagesgeschäft verlässlich sicher, dass Strom immer zuerst dort erzeugt wird, wo er am günstigsten produziert werden kann. Wenn Energie knapp wird, steigt der Preis rasant an. Das schafft wichtige finanzielle Anreize für dringend benötigte Investitionen in Batteriespeicher oder in eine intelligente Lastverschiebung.

​Doch genau diese gnadenlose Effizienz im Normalbetrieb offenbart in globalen Krisenzeiten fatale Schwächen. Das System ist extrem anfällig dafür, fossile Preisschocks aus dem Ausland nahezu ungefiltert an dich durchzureichen. Eine aktuelle Beurteilung des PV-Unternehmens enerix, die der Redaktion exklusiv vorliegt, weist explizit darauf hin, dass diese tiefe Abhängigkeit vom Gas als preissetzender Technologie höchst problematisch ist.

​Sobald geopolitische Ereignisse den weltweiten Erdgaspreis in die Höhe treiben, schlägt das sofort auf unsere Rechnungen durch. Die aktuelle Eskalation im Nahen Osten rund um die wichtige Straße von Hormus verdeutlicht diese Verwundbarkeit drastisch. Wenn Gasimporte teurer werden, zieht das unweigerlich den gesamten Großhandelspreis für Strom mit nach oben.

​Harte Kritik aus der Praxis: ein Konstruktionsfehler?

​Die automatische Weitergabe dieser Preisschocks sorgt branchenübergreifend für enormen Unmut. Bei dir als Verbraucher entsteht völlig zu Recht der Eindruck, dass der eigentlich sehr günstige Ökostrom massiv überteuert verkauft wird. Viele Akteure aus der Wirtschaft sehen in dem Mechanismus daher längst nicht mehr nur ein notwendiges Übel, sondern fordern eine Abkehr von den bisherigen Handelsregeln. Tobias Hirt äußert sich als Gründer des Unternehmens Fairster dazu mit sehr klaren und unmissverständlichen Worten:

​„Ich persönlich halte das Merit-Order-Prinzip für einen Konstruktionsfehler des europäischen Energiemarktes, der eine natürliche Preisbildung manipuliert. Es schafft eine intransparente Blackbox, die einzelne Marktteilnehmer massiv bevorteilt – auf Kosten der Allgemeinheit. Als Gründer von Fairster erlebe ich das täglich – künstlich hochgehaltene Preise, strukturell verhinderte Transparenz und ein Markt, der Fairness bewusst ausspart. Das ist kein Versagen des Marktes – das ist Methode. Es ist längst Zeit, dieses veraltete System durch transparente, zeitgemäße Mechanismen zu ersetzen.“

Tobias Hirt, Gründer von Fairster

Sein Unternehmen ist eine gGmbH, die Strom ohne Gewinnabsicht an Menschen verkauft. Was ihn zu diesem Schritt bewogen hat und wie Fairster Kunden teilweise sogar Geld erstatten, hat er uns in einem exklusiven Interview zu Fairster bereits verraten.

Fairster-Gründer Tobias Hirt - „Mit uns wechselst du deinen Stromanbieter zum letzten Mal“
Fairster-Gründer Tobias Hirt – „Mit uns wechselst du deinen Stromanbieter zum letzten Mal“ Image source: Fairster

​Ein zeitliches Kartell? Juristische Bedenken

​Neben der deutlichen Kritik an den direkten wirtschaftlichen Folgen rücken zunehmend auch rechtliche Aspekte in den Fokus der Fachwelt. Die starre Koppelung der gesamten Vergütung an das teuerste Kraftwerk für eine volle Stunde bildet die physikalische Realität in unseren Leitungen kaum ab. Strom fließt bekanntlich kontinuierlich und wird im Netz zeitgleich eingespeist sowie entnommen.

​In einem viel beachteten Fachaufsatz beleuchten Prof. Dr. Hans-Peter Schwintowski Humboldt-Universität zu Berlin und Prof. Dr. Christoph Broemmelmeyer von der Viadrina-Universität genau dieses brisante Spannungsfeld. Prof. Dr. Schwintowski fasst die juristische Problematik dieses Systems wie folgt zusammen:

​„Das Merit Order Prinzip führt dazu, dass der Preis für Strom in einer vollen Stunde durch den Preis des teuersten Kraftwerkes bestimmt wird . Das entspricht aber nicht den physikalischen Realitäten, denn Strom kann nur zeitgleich ein- und ausgespeist werden. Der Preis müsste also sekundengenau ermittelt werden. Das wäre mithilfe einer Börse und einer entsprechenden KI auch ohne weiteres möglich. Derzeit wirkt das Merit Order Prinzip wie ein zeitliches Kartell, das durch dieses Prinzip entsteht. Dieses Prinzip beruht aber nicht auf einem Gesetz, sondern auf einer Vereinbarung zwischen den beteiligten Unternehmen und der Strombörse. Deshalb ist dieses Prinzip, nach meiner Auffassung und nach Auffassung von Prof. Dr. Christoph Broemmelmeyer, Viadrina -Universität, mit dem geltenden Kartellrecht nicht zu vereinbaren. Es verstößt sowohl gegen §1GWB als auch gegen Art. 101 AEUV und ist folglich rechtswidrig.“

Prof. Dr. Hans-Peter Schwintowski von Humboldt-Universität zu Berlin

Prof. Dr. Hans-Peter Schwintowski von der Viadrina-Universität
Prof. Dr. Hans-Peter Schwintowski von der Viadrina-Universität Image source: Prof. Dr. Hans-Peter Schwintowski

​Welche echten Alternativen haben wir?

​Trotz der harschen juristischen und wirtschaftlichen Kritik ist eine simple Abschaffung der Handelslogik in der Praxis sehr kompliziert. Ein oft diskutiertes Modell namens Pay-as-bid, bei dem jeder Anbieter exakt den Preis erhält, den er geboten hat, birgt eigene massive Risiken. Marktexperten warnen hier vor einer Zunahme strategischer Gebote. Kraftwerksbetreiber könnten ihre Preise künstlich hoch ansetzen, was die Transparenz am Ende noch weiter verschlechtert.

​Eine zukunftssichere Reform muss den kurzfristigen Markt als effizienten Steuerungsmechanismus beibehalten, aber extreme Preisschocks besser abfedern. Die Europäische Union fokussiert sich in ihren Reformbemühungen daher auf langfristige Vertragsmodelle wie sogenannte Power Purchase Agreements (PPA) und zweiseitige Differenzverträge (Contracts for Difference).

​Um diese Instrumente effektiv zu nutzen, muss unsere Infrastruktur allerdings zwingend vorbereitet sein. Ein flächendeckender Rollout von Smart Metern und eine lückenlose Digitalisierung der lokalen Stromnetze sind die absoluten Grundvoraussetzungen. Nur mit intelligenten Daten können wir die strukturelle Abhängigkeit vom globalen Gaspreis durch mehr Flexibilität dauerhaft reduzieren. Doch genau dort zeigt sich der größte Stolperstein. Denn nicht umsonst musste die Bundesnetzagentur gerade Verfahren gegen 77 Netzbetreiber einleiten, die den Rollout von Smart Metern trotz Pflicht nicht vorangetrieben haben. Von der Menge an installierten Smart Metern, die wir für ein solches Unterfangen bräuchten, sind wir somit noch weit entfernt. Eine Sache ist jedoch eindeutig: Wenn wir die Strompreise in Deutschland langfristig senken müssen, darf dieser Marktmechanismus nicht unverändert weiterlaufen. Erst recht nicht, nachdem die Bundeswirtschaftsministerin zurzeit so intensiv versucht, zahlreiche neue Gaskraftwerke entstehen zu lassen und andere Technologien von vornherein durch Bedingungen auszuschließen. Ändert sich nichts, ist das Ergebnis, das uns bevorsteht, ein Strompreis, der die heutigen noch günstig aussehen lässt.

Bildquellen

  • fairster-gruender-tobias-hirt-„mit-uns-wechselst-du-deinen-stromanbieter-zum-letzten-mal“: Fairster
  • prof.-dr.-hans-peter-schwintowski-von-der-viadrina-universitaet: Prof. Dr. Hans-Peter Schwintowski
  • umstrittene-neue-strom-umlage-wie-uns-die-regierung-fuer-neue-gas-kraftwerke-zur-kasse-bittet: gopixa/Shutterstock
  • preisfalle-an-der-stromboerse-warum-das-teuerste-kraftwerk-unseren-kompletten-strompreis-diktiert: Pawel Michalowski/Shutterstock

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