Strompreis bei minus 500 Euro: Welche Haushalte fürs Stromverbrauchen jetzt Geld bekommen

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Die Diskrepanz zwischen rasantem Solarausbau und schleppender Netzmodernisierung führt zu paradoxen Marktsituationen. Erfahre, wie intelligente Tarife funktionieren und warum fehlende Zähler das wahre Problem darstellen.
Euroscheine und Münzen unter einem Stromkabel mit EU-Stecker
Strompreis bei minus 480 Euro: Welche Haushalte fürs Stromverbrauchen jetzt Geld bekommenBildquelle: Mehaniq/Shutterstock

Am vergangenen Sonntag traf eine Rekordeinspeisung aus heimischen Photovoltaikanlagen auf eine feiertagsbedingt minimale Stromnachfrage. Für Besitzer von Elektroautos mit einem dynamischen Stromtarif bedeutete dieses Ungleichgewicht bares Geld, da sie für das Laden ihrer Batterien am Mittag finanziell entlohnt wurden. Dieses Marktverhalten offenbart schonungslos die Defizite der aktuellen Infrastruktur. Ein Großteil der Energie verpufft ungenutzt, weil der zwingend notwendige Netzausbau und die Digitalisierung der Hausanschlüsse seit Jahren hinter den Erfordernissen zurückbleiben.

Wenn der Strom plötzlich einen negativen Wert hat

Die deutsche Netzinfrastruktur war ursprünglich für eine Spitzenlast von rund 80 Gigawatt konzipiert. Inzwischen ist die installierte Leistung aller Solaranlagen auf gut 120 Gigawatt angewachsen. Produzieren diese Anlagen an einem sonnigen Wochenende unter Volllast, entsteht ein massiver Überfluss. Das Gesetz von Angebot und Nachfrage greift hier unerbittlich. Der Großhandelspreis an der Strombörse fiel dadurch auf minus 480 Euro pro Megawattstunde. Energieversorger mussten Abnehmern faktisch eine Entsorgungsgebühr zahlen. Gleiches gilt übrigens am heutigen 1. Mai: In den Mittagsstunden fällt der Großhandelspreis auf 500 Euro, wie ein Blick auf die Preise der Strombörse Epex zeigt.

Wer einen Vertrag bei Anbietern wie Tibber oder Octopus Energy besitzt, gibt diese Großhandelspreise direkt an den eigenen Zähler weiter. Das System belohnt flexibles Verbrauchsverhalten. Lädt das Familienauto genau in diesem Zeitfenster, füllt sich der Akku nicht nur kostenlos, sondern generiert einen echten finanziellen Gewinn. Die Kehrseite dieser Medaille trägt der Steuerzahler. Fest zugesicherte Einspeisevergütungen für ältere Solaranlagen müssen bei negativen Börsenpreisen aus dem Bundeshaushalt ausgeglichen werden. Das ist einer der Gründe, warum Wirtschaftsministerin Katharina Reiche die Einspeisevergütung abschaffen will.

Wer jedoch glaubt, der Solarstrom wäre damit Schuld daran, dass der Strompreis in die Höhe schnellt, irrt sich. Denn auch wenn die viel gefürchteten Dunkelflauten, also Phasen ohne viel Strom aus Erneuerbaren in Problem sind, senken die Hellbrisen den Strompreis im Durchschnitt stark. Wir haben mit Merlin Lauenburg, dem Chef von Tibber darüber gesprochen, warum die ständige Angst vor dem Strommangel unbegründet ist, wie Haushalte von „Hellbrisen“ profitieren und warum der schleppende Smart-Meter-Rollout uns Milliarden kostet.

Netze am Limit und der Mythos der Eigenregulierung

Die Strombörse deckelt den negativen Preis bei maximal minus 500 Euro. Wird diese harte Grenze erreicht, funktioniert der automatische Marktausgleich nicht mehr. Um einen regionalen Zusammenbruch der Stromversorgung abzuwenden, müssen die Übertragungsnetzbetreiber wie Tennet oder Amprion massiv eingreifen. Kürzlich waren Eingriffe mit einer Regelenergie von 2,5 Gigawatt nötig, um die empfindliche Netzfrequenz von 50 Hertz stabil zu halten.

Zusätzlich fuhren Betreiber im sogenannten Redispatch konventionelle Kraftwerke kostenpflichtig herunter. Oft kursiert die Annahme, Photovoltaikanlagen würden sich bei einer Überfrequenz im Netz ohnehin automatisch selbst drosseln. Das ist technisch jedoch lediglich eine Notmaßnahme, um einen weiteren Frequenzanstieg abzufedern. Eine saubere und reguläre Netzsteuerung lässt sich mit dieser reinen Proportionalregelung nicht umsetzen. Das System benötigt aktive Flexibilität anstatt passiver Notbremsen.

Fehlende Smart Meter blockieren die Lösung

Die Schuld für diese paradoxe Situation allein bei der Solarenergie zu suchen, greift grundlegend zu kurz. Der produzierte Ökostrom ist keinesfalls wertlos, er ist lediglich zur falschen Zeit am falschen Ort. Ein massiver Ausbau von Batteriespeichern könnte diese Spitzen am Mittag aufsaugen und in die Abendstunden verschieben. Für eine flächendeckende und smarte Verteilung fehlt jedoch eine fundamentale Komponente an der Basis.

Das offizielle Messstellenbetriebsgesetz (MsbG) verpflichtet die lokalen Messstellenbetreiber zu einem zügigen Rollout intelligenter Messsysteme. In der Praxis wird dieser gesetzliche Auftrag von vielen Netzbetreibern bis heute eklatant verschleppt. Für dich hat das weitreichende Folgen. Ohne ein Smart-Meter-Gateway in deinem Keller kannst du keinen dynamischen Tarif abschließen und deinen Speicher nicht netzdienlich laden. Die Technik zur Rettung des Sonnenstroms existiert längst, sie wird nur durch bürokratische Verzögerungen beim Zähleraustausch blockiert. Und zwar so gravierend, dass die Bundesnetzagentur sogar Verfahren gegen 77 Netzbetreiber eingeleitet hat.

Kalifornien als Blick in die Zukunft

Ein Blick über den Atlantik zeigt, wie eine Infrastruktur mit enormen Speicherkapazitäten funktioniert. Im US-Bundesstaat Kalifornien decken Batteriespeicher laut Daten des Netzbetreibers CAISO in den Abendstunden bereits fast 15 Prozent der gesamten Stromnachfrage ab. Diese riesigen Akkus fangen das steile Gefälle der Strompreise am Mittag auf und glätten die abendlichen Lastspitzen.

Dennoch bleibt das System komplex. Betreiber von Großspeichern müssen ihre Investitionen aus der Preisdifferenz zwischen den Ladephasen und den Entladephasen finanzieren. Wenn unzählige Batterien den Markt ausgleichen, schwindet genau diese Preisdifferenz. Ab einem gewissen Sättigungsgrad rechnet sich der weitere Zubau an bestimmten Knotenpunkten schlicht nicht mehr. Deutschland steht vor der monumentalen Aufgabe, das perfekte Gleichgewicht aus dezentraler Erzeugung, Netzausbau und flexiblem Verbrauch zu finden.

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