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Tausenden Aufzügen droht die Stilllegung

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2028 schalten die Netzbetreiber ihre 2G-Netze ab. Klingt nach einem Problem für Uralt-Handys. Doch es trifft auch den Aufzug in deinem Haus. Dessen Notruf funkt oft noch über GSM. Und ohne funktionierenden Notruf darf die Anlage nicht fahren.
Ein Finger drückt auf den Notrufknopf im Aufzug
Stehen bald tausende Aufzüge still?Bildquelle: Schindler

Rund 400.000 Aufzüge in Deutschland hängen am 2G-Netz. Nicht zum Fahren, sondern für den Notruf. Drückst du den Knopf mit dem Glockensymbol, baut das Notrufgerät in vielen Anlagen eine schlichte Handyverbindung auf. Oft über GSM, den Mobilfunkstandard aus den Neunzigern. Genau dieses Netz verschwindet 2028. Die Schätzung der betroffenen Aufzüge stammt vom VDMA-Fachverband Aufzüge und Fahrtreppen.

2028 ist Schluss

Die Termine stehen: Die Telekom schaltet zum 30. Juni 2028 ab, Vodafone im September 2028, O2 Telefónica in der zweiten Jahreshälfte 2028. Ende 2028 ist GSM in Deutschland Geschichte. Nur: Die Termine zur Abschaltung kommen spät. Die Telekom nannte ihren im Oktober 2024. Vodafone zog erst im September 2025 nach und rückte dabei von der eigenen Planung ab, die zuvor eine Abschaltung für Ende 2030 vorsah. O2 Telefónica legte sich sogar erst am 1. Juni 2026 fest, nachdem man sich zuvor lange Zeit bedeckt gehalten hatte. Wer als Hausverwaltung vor zwei Jahren wissen wollte, wann Schluss ist, konnte es nicht wissen. Der Vorlauf zur Abschaltung ist also kürzer, als die Jahreszahl 2028 vermuten lässt. Vor allem, wenn es nicht nur um den Austausch eines Handys geht, sondern um verbaute Mobilfunkmodule.

Vier Hersteller, vier Tonlagen

Doch welche Möglichkeiten haben Aufzugsbetreiber und Wartungsfirmen? Wir haben bei verschiedenen Herstellern und Wartungsfirmen für Aufzüge nachgefragt, wie ernst die Lage wirklich ist und ob in zwei Jahren Hunderttausende zu Fuß gehen müssen, statt Aufzug zu fahren. Schindler, TK Elevator, KONE und Otis haben inside digital geantwortet. Im Grundsatz sind sie sich einig: Das Thema ist seit Jahren bekannt, die Technik steht bereit, verantwortlich für die rechtzeitige Prüfung ist der Betreiber der Anlage. Schindler informiert demnach seit Anfang 2024 (das wäre sogar vor der Telekom-Ankündigung), TK Elevator ebenfalls seit 2024, KONE seit 2025 flächendeckend. Otis nennt keinen Zeitpunkt und schreibt, man informiere Kunden im Rahmen der Wartungs- und Modernisierungsaktivitäten regelmäßig über erforderliche Anpassungen, sobald Handlungsbedarf erkennbar werde.

Konkrete Zahlen nennt nur TK Elevator: „Allein im eigenen Kundenbestand wurden bereits mehrere zehntausend Anlagen mit Gerätetypen identifiziert, die von einer Umrüstung betroffen sind.“ KONE und Otis lehnen Zahlen aus dem eigenen Bestand ab. Otis weist darauf hin, dass nicht jeder Aufzug betroffen ist. Es gehe nur um Anlagen, deren Notruf ausschließlich über Netze läuft, die 2028 abgeschaltet werden. Das war bekannt.

Engpass könnte beim Personal liegen

Beim Engpass gehen die Einschätzungen auseinander. Und hier ausgerechnet bei der Frage, woran es 2028 scheitern könnte. KONE gibt Entwarnung beim Material: „Bei den Bauteilen rechnen wir mit ausreichender Verfügbarkeit, sofern die Beschaffung den absehbaren Bedarf einplant.“ TK Elevator weist seine Kunden dagegen schon heute auf mögliche Material- und Kapazitätsengpässe hin. Schindler nennt Lieferzeiten für Komponenten ausdrücklich als Risiko. Otis äußert sich zu Bauteilen und Fachkräften gar nicht und beschränkt sich darauf, dass eine rechtzeitige Umrüstung „grundsätzlich möglich“ erscheine.

Deutlich wird KONE beim Personal: „Das größte Risiko liegt nicht in der Technik, sondern im Timing“, heißt es gegenüber inside digital. „Viele Betreiber schieben die Entscheidung auf, weil 2028 noch weit weg wirkt. Genau das ist der Fehler. Je mehr Umrüstungen sich zum Schluss ballen, desto knapper werden qualifizierte Fachkräfte in der heißen Phase.“ Schindler nennt begrenzte Montagekapazitäten und späte Beauftragungen.

Dass es planbar geht, zeigt der Blick über die Grenze. In Österreich hat KONE nach eigenen Angaben betroffene Kunden bereits 2024 informiert und die Anlagen umgebaut, in der Schweiz 2025 informiert und die beauftragten Umrüstungen bis Anfang 2026 abgeschlossen. Otis bestätigt unabhängig davon, dass der Schritt in der Schweiz bereits umgesetzt ist. Gleichzeitig steht in Frankreich eine vergleichbare Umrüstwelle an. Der europäische Markt konkurriert also parallel um dieselben Fachkräfte.

Ein 4G-Modul allein reicht nicht

Wer jetzt denkt, man tausche einfach ein Funkmodul, liegt daneben. Vorgeschrieben ist ein Zwei-Wege-Notruf mit Sprechverbindung, geregelt in der Betriebssicherheitsverordnung und konkretisiert in der Technischen Regel für Betriebssicherheit TRBS 3121. Eine eingeschlossene Person muss mit der Leitstelle sprechen können, und die Leitstelle zurück. „Ein Modul, das nur Daten überträgt, erfüllt diese Anforderung nicht“, schreibt uns KONE. TK Elevator formuliert es fast wortgleich: Ein reines IoT-Gerät, das nur Meldungen oder Alarmdaten überträgt, erfülle die Anforderungen in der Regel nicht. Schindler stellt klar, entscheidend sei nicht die Datenübertragung, sondern die zuverlässige Sprachkommunikation im Notfall.

Otis beantwortet diese Frage als einziger Hersteller nicht direkt, sondern verschiebt den Blickwinkel. „Die 2G-Abschaltung ist aus unserer Sicht in erster Linie ein Thema der Betriebssicherheit“, sagt Wolfgang Meier, Senior Manager of Regional Code Strategy & Compliance bei Otis. „Entscheidend ist nicht die verwendete Übertragungstechnologie, sondern dass die nach Betriebssicherheitsverordnung geforderte Notrufkommunikation jederzeit zuverlässig funktioniert.“ Im Klartext: Sprechen muss möglich sein – wie ist egal.

Video: Shops verkaufen Handy, die bald wertlos werden

Ein Komplettaustausch ist die Umrüstung trotzdem nicht. TK Elevator beschreibt den Eingriff so: Die Übertragungseinheit wird gegen ein modernes Mobilfunkmodul für das 4G-Netz getauscht, vorhandene Komponenten wie die Sprechstelle in der Kabine bleiben in Betrieb. Und wenn der ursprüngliche Hersteller längst vom Markt verschwunden ist? Schindler, KONEund Otis bieten die Umrüstung auch für herstellerfremde Anlagen an.

Auch bereits umgerüstete Anlagen sollte man nicht ungeprüft lassen. Dieter Roas, Leiter des Geschäftsfelds Fördertechnik bei der TÜV SÜD Industrie Service GmbH, rät, Firmware, Netzprofile, SIM-Verträge und Sprachfähigkeit zu kontrollieren.

Was passiert, wenn nichts passiert

Bis das Netz weg ist, darf der Aufzug weiterfahren. Funktioniert der Notruf bei der wiederkehrenden Prüfung durch eine zugelassene Überwachungsstelle, ist die Anlage in Ordnung, auch mit 2G. Danach nicht mehr. „Sobald das 2G-Netz abgeschaltet wird und das Notrufsystem ausfällt, darf die Anlage nicht mehr weiter betrieben werden“, sagt Roas.

TK Elevator wird noch deutlicher: „Weist eine Aufzugsanlage Mängel auf, durch die Personen gefährdet werden können, ist sie außer Betrieb zu nehmen.“ Otis formuliert hier in seiner Antwort an uns vorsichtiger. Ein Weiterbetrieb ohne funktionsfähige Notrufeinrichtung sei „aus sicherheitstechnischer Sicht grundsätzlich kritisch zu bewerten“.

Was du jetzt tun kannst

Bist du Mieter, ist der Weg kurz: Hausverwaltung oder Eigentümer fragen. Die halten den Kontakt zum Serviceunternehmen. Bist du Eigentümer oder Verwalter, steht der Ansprechpartner im Wartungsvertrag. KONE nennt den Notrufanbieter als zuverlässigsten Ansprechpartner; das sei häufig, aber nicht zwingend zugleich der Servicedienstleister. Schindler verweist zusätzlich auf Wartungsunterlagen und Anlagendokumentation. Otis warnt allerdings, dass die verwendete Übertragungstechnik für Nutzer oft nicht erkennbar ist und sich häufig nur über die technische Dokumentation oder eine Prüfung vor Ort klären lässt. Am Aufzug selbst sieht man es nicht.

1 Kommentar

  1. Odo Hake
    Ein wichtiger Beitrag zu einem unterschätzten Thema Vielen Dank an inside digital, dass ihr dieses Thema aufgegriffen habt. Die 2G-Abschaltung wird meist als Problem für alte Handys wahrgenommen, dass daran auch die Notrufsysteme von rund 400.000 Aufzügen hängen, ist kaum jemandem bewusst. Dass ihr Schindler, TK Elevator, KONE, Otis und den TÜV SÜD zu Wort kommen lasst, macht den Artikel besonders wertvoll. Alle zitierten Stimmen haben aus ihrer Sicht recht. Die Hersteller sagen zu Recht, dass die Technik bereitsteht und die Betreiber in der Verantwortung sind. KONE hat recht, dass das größte Risiko im Timing liegt. Otis hat recht, dass es auf eine zuverlässige Notrufkommunikation ankommt, nicht auf die Übertragungstechnik. Und der TÜV SÜD hat recht, wenn er nach der Umrüstung auch Firmware, Netzprofile, SIM-Verträge und Sprachfähigkeit prüfen lässt. Man sollte dabei nicht vergessen, worum es geht. Für viele Menschen ist der Aufzug kein Komfort, sondern die Voraussetzung dafür, überhaupt die eigene Wohnung zu verlassen: für Menschen mit Behinderung, für Ältere, für chronisch Kranke, für Eltern mit Kinderwagen. Der Notruf ist das Sicherheitsnetz, das ihnen das Vertrauen gibt, den Aufzug überhaupt zu nutzen. Fällt er aus, steht die Anlage still, und ein Stillstand trifft genau die Menschen am härtesten, die am wenigsten Alternativen haben. Deshalb ist die Dringlichkeit real, und sie wird durch die Hinweise auf mögliche Material-, Montage- und Fachkräfteengpässe bestätigt. Zwei Jahre sind keine lange Zeit. Bestandsaufnahme, Ausschreibung, Angebote, Beschlussfassung in der Eigentümerversammlung, Beauftragung und Montage brauchen zusammen erfahrungsgemäß viele Monate, und Beschlüsse lassen sich nicht beliebig beschleunigen. Wer erst 2027 beginnt, steht mit allen anderen gleichzeitig vor der Tür der Wartungsfirma. Es ist eine gemeinsame Aufgabe von Immobilienwirtschaft und Aufzugsbranche, und die Zusammenarbeit sollte jetzt beginnen. Zwei Punkte würde ich Betreibern dabei mitgeben: Die Umrüstung ist eine Chance, die man nicht nur als Pflichtübung verstehen sollte. Monitoring: Wer ohnehin die Notruftechnik tauscht, sollte darauf achten, dass sie auch Daten übertragen kann, zum Beispiel über eine Ethernet-Schnittstelle. So lässt sich die Aufzugssteuerung anbinden oder zumindest ein späteres Monitoring vorbereiten. Das ist je nach Anbieter nicht mal teurer als eine reine Sprachlösung, erspart aber später einen zweiten Eingriff. Barrierefreiheit: Aktuell stehen mehrere Normen für Aufzüge und für öffentliche Bauten kurz vor der Veröffentlichung, die einen visuellen Notruf fordern. Gehörlose und schwerhörige Menschen erfahren dann, dass ihr Notruf angekommen ist. Wer jetzt umrüstet, kann das gleich mitdenken. Und auch das ist je nach Anbieter sogar im Standard-Notrufgerät enthalten. Bei der Auswahl lohnt sich deshalb der Blick auf Anbieter, die Notrufgateways und Notruftelefone mit Blick auf solche Erweiterungen anbieten, etwa Telegärtner Elektronik. Wer heute nur den Funkweg tauscht, ohne die Datenanbindung und die Barrierefreiheit zu bedenken, muss in wenigen Jahren womöglich erneut ran. Mein Fazit: Fragt jetzt bei der Hausverwaltung, beim Wartungsunternehmen oder beim Notrufanbieter nach. Jeder Monat, den man abwartet, verkürzt den ohnehin knappen Zeitrahmen.
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