Jede Mobilfunkgeneration kam bisher mit demselben Versprechen: schneller. 2G, 3G, 4G, 5G. Bei 6G fällt das aus. Nicht, weil niemand wollte. Sondern weil es kaum noch geht. Gesagt haben das nicht Kritiker, sondern die Beteiligten selbst, auf einer Podiumsdiskussion im BASECAMP von Telefónica Deutschland in Berlin. „Es hat noch keiner über Datenraten oder neue Antennen geredet, weil das gar nicht mehr der Fokus von 6G sein kann. Rein wissenschaftlich kann es das auch gar nicht sein“, sagte dort Helge Lüders, Senior Technology Strategy Manager bei Telefónica Deutschland. Seit 4G, so Lüders, seien wir nah an dieser Grenze. Mehr Tempo geht dann nur noch über mehr Frequenzen. Und über mehr Sendemasten.
Was mit einem gegebenen Spektrum möglich sei, so Lüders, habe man längst erreicht. Der Grund dafür ist älter als das Mobiltelefon: Das Shannon-Hartley-Theorem beschreibt seit 1948, wie viele Daten sich über einen Funkkanal überhaupt übertragen lassen. Die ITU als zuständige Standardisierungsplattform sieht das aber anders. Sie nennt für 6G ausdrücklich auch höhere Datenraten und eine höhere Spektrumeffizienz: unter anderem Peak-Datenraten im Bereich von 50 bis 200 Gbit/s sowie eine 1,5- bis 3-fache Verbesserung der Spektrumeffizienz.

Wofür 6G dann gut sein soll
Die eigentliche Neuerung heißt Sensing. Das Mobilfunknetz transportiert dann nicht nur Daten, es nimmt seine Umgebung wahr. „Radarsysteme kennen wir schon ein paar Tage, aber jetzt wird halt geguckt, wie kann man dieses Prinzip mit dem Mobilfunk verheiraten“, sagte Lüders. In der Praxis heißt das zum Beispiel: Drohnen erkennen, die zu tief und zu langsam fliegen, um von klassischem Radar erfasst zu werden. Tobias Pabst vom Innovation Center Computer Assisted Surgery (ICCAS) der Universität Leipzig rechnet mit Ortung auf einen Meter genau, auch im Gebäude. „Ähnlich wie GPS draußen im Freien“, sagte er. Wer weiß, wo ein Gerät steht, kann Dienste daran knüpfen. In einer Klinik wäre das praktisch. Anderswo eher nicht.
Denn das Sensing erzeugt Daten, die es bisher nicht gab. Und genau darin sieht Sławomir Stańczak, Professor an der TU Berlin und Abteilungsleiter am Fraunhofer Heinrich-Hertz-Institut, die Chance für die Netzbetreiber. Er verwies dabei ausgerechnet auf Facebook: Firmen hätten Milliarden verdient, „nur mit Daten“. Bei 6G, so Stańczak, entstehe Potenzial für neue Anwendungen, „weil sie die Daten haben werden“. Pabst widersprach dem Wissenschaftler auf offener Bühne. Ein Monopol nach diesem Vorbild sei für die Gesellschaft womöglich nicht der richtige Weg, er wünsche sich für Europa stattdessen mehrere Kleine in einem gemeinsamen Verbund.
Wofür du zahlen sollst und was es bringt
Beim Nutzen wird es dünn. Lüders formulierte die Anforderung an die eigene Branche so: Es müssten Anwendungen sein, die dem Kunden wirklich einen Mehrwert bieten „und für die idealerweise der Kunde auch bereit ist zu bezahlen, denn davon leben wir“. Als ein Zuhörer nach ein oder zwei Ankerprojekten fragte, bei denen 6G der Gamechanger sei, kam von Pabst die Überwachung von Patienten unterwegs. Zu Hause gibt es WLAN, in der Praxis auch, in der Klinik ebenfalls. Dazwischen nicht.
Damit das funktioniert, müsste Mobilfunk für Kleinstgeräte deutlich billiger werden. Pabst denkt an Smartwatches, Herzschrittmacher, Implantate. Eine IoT-SIM-Karte koste heute 5 Euro im Monat. Sein Urteil: „Völlig überzogen.“ Angemessen wären aus seiner Sicht 5 Euro im Jahr.
Der Punkt, der dich beim nächsten Autokauf treffen kann
Alexandra-Gwyn Paetz, Abteilungsleiterin im Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt, nannte den Zeitplan für die Industrie. Man müsse heute schon dafür sorgen, dass Produkte, die jetzt entworfen werden, 6G-fähig sein werden, „weil die kommen dann eben in zwei, drei Jahren auf den Markt, und ein paar Jahre später müssen sie aber 6G-fähig sein“.
Paetz hatte dabei die produzierende Industrie im Blick, nicht dein Handy. Betroffen sind trotzdem Geräte, die du einmal kaufst und dann ein Jahrzehnt behältst. Das Auto mit fest verbauter SIM-Karte. Der Smart Meter. Die Alarmanlage, der Hausnotruf, die vernetzte Heizungssteuerung. Wie das ausgehen kann, wenn das nicht mitbedacht wird, hat 2021 die Abschaltung der 3G-Netze gezeigt, als reihenweise eBook-Reader, Notrufgeräte und Autonotrufsysteme stumm wurden. 2028 wird Gleiches mit der GSM-Abschaltung folgen.
So geht es mit 6G weiter
Einen Stichtag gibt es nicht. „6G-Einführung heißt nicht, dass wir alle Antennen von den Dächern schmeißen“, sagte Lüders. Es brauche einen Migrationspfad. Dein 5G-Handy wird 2030 also nicht zum Briefbeschwerer.
Aber: Wenn bei bestehenden Mobilfunknetzen mehr Tempo nur über mehr Standorte geht, stehen irgendwann neue Masten in Wohngebieten. Stańczak sagte dazu offen, das stoße in der Gesellschaft auf Widerstand. Die Menschen wollten nicht überall Basisstationen haben. Zweitens: Wer langlebige vernetzte Technik kauft, sollte ab jetzt fragen, welche Mobilfunkstandards sie unterstützt.
Und bezahlen? Auch dazu fiel ein klarer Satz. „Im Leben ist nichts umsonst, das ist kein Wunschkonzert“, sagte Stańczak. „Man kann ja das alles fordern, aber am Ende kostet das auch Geld. Die Frage ist jetzt, ob Menschen bereit sind, mehr Geld dafür zu zahlen.“
