Wenn du an Solar denkst, hast du vermutlich günstigen Eigenstrom im Kopf. Einmal investieren, jahrzehntelang ernten und nebenbei von der Einspeisevergütung profitieren, so die Rechnung. Genau dieses Bild bekommt jetzt Risse. Mehrere Entwicklungen greifen ineinander und lassen die Kostenkurve nach oben zeigen. Noch ist nichts explodiert. Aber vieles deutet darauf hin, dass Photovoltaik vor einem Preisschock steht, den man nicht einfach wegdiskutieren kann. Das Zeitfenster, in dem man die Anlagen zu günstigen Konditionen mit ordentlicher Rendite kaufen kann, schließt sich zunehmend weiter.
Eigenverbrauch bleibt – aber die Rechnung wird enger
Die gute Nachricht zuerst: Photovoltaik lohnt sich weiterhin, vor allem über den Eigenverbrauch. Genau das betont auch die Verbraucherzentrale. Wer seinen Solarstrom selbst nutzt, spart Netzstrom und macht sich unabhängiger. Einspeisevergütung allein ist dagegen längst kein Kaufargument mehr. Das Problem: Damit sich eine Anlage rechnet, müssen Anschaffungskosten und Ersparnis zusammenpassen. Und genau an dieser Stelle gerät das Gleichgewicht ins Wanken. Denn während der Nutzen stabil bleibt, ziehen die Kosten an mehreren Fronten gleichzeitig an. Und je mehr du in eine PV-Anlage zum Kauf investieren musst, desto länger dauert es, bis sich deine Anschaffung für dich amortisiert hat.
China dreht an der Preisschraube für PV-Anlagen
Ein zentraler Faktor sitzt tausende Kilometer entfernt. China, wichtigster Lieferant für Solarmodule, plant ab dem 1. April 2026, Mehrwertsteuervergünstigungen für Photovoltaik-Produkte zu streichen. Klingt technisch, hat aber handfeste Folgen. Laut Einschätzung aus der Branche allein dadurch: rund zehn Prozent höhere Modulpreise.
Das PV-Magazine erwartet sogar, dass Importeure im ersten Quartal noch einmal kräftig einkaufen, um der Frist zuvorzukommen. Kurzfristig kann das Preise stabil halten, langfristig dürfte es sie eher nach oben drücken. Der günstige Solar-Express aus Fernost fährt also langsamer. Wer noch mit einem Ticket mitfahren und von den Niedrigpreisen profitieren möchte, sollte sich zeitnah um die Realisierung seines Projektes kümmern. Spätestens wenn die Lager mit den günstig eingekauften Solarmodulen sich leeren, dürften die Preise einen entsprechenden Anstieg erleben. Allein dieser Faktor konnte die Kosten für eine PV-Anlage um rund 10 Prozent steigern.
Rohstoffe: Die unsichtbaren Kostentreiber
Noch leiser, aber mindestens genauso wirksam sind steigende Rohstoffpreise. Besonders im Fokus: Polysilizium, das Herz jeder Solarzelle. Seit Sommer 2025 ist der Preis pro Kilogramm von etwa vier Euro auf aktuell rund 6,39 Euro gestiegen. Und das ist kein Ausreißer, sondern ein Trend. Dazu kommen höhere Kosten für Glas und Silber. Laut 1Komma5° können einzelne Komponenten dadurch um 15 bis 20 Prozent teurer werden. Das sickert nicht sofort durch, aber Lieferketten vergessen nichts. Was heute teurer eingekauft wird, landet morgen unweigerlich auf deiner Rechnung. Schließlich möchten auch die Hersteller der Solarmodule ihre Gewinne mindestens konstant halten, idealerweise erhöhen. Die wenigsten werden also auf die Weitergabe von höheren Produktionskosten und gestiegenen Abgaben an die Kunden verzichten.
Politik als zusätzlicher Unsicherheitsfaktor für PV-Anlagen
Als wäre der Markt nicht schon kompliziert genug, kommt politische Unsicherheit obendrauf. Die Bundesregierung unter Friedrich Merz stellt die bisherige Logik der Solarförderung infrage. Wirtschaftsministerin Katherina Reiche plant ein neues Modell, doch viele Details bleiben bisher vage. Fest steht nur: Die feste staatliche Einspeisevergütung für private Anlagen soll wegfallen und durch diesen neuen Mechanismus ersetzt werden. Dieser soll aus sogenannten Differenzverträgen bestehen. Sind die Preise für den Solarstrom im Verkauf niedriger, soll der Staat die Differenz zahlen bis zu einem gewissen Betrag. Umgekehrt muss jedoch jeder Gewinn, der über diese Summe hinaus erzielt wird, an den Staat zurückfließen. Je nach genauer Höhe und der detaillierten Ausgestaltung, könnte sich damit einiges ändern.
Für neue PV-Projekte bedeutet das weniger Planungssicherheit. Und Unsicherheit ist Gift für Investitionen. Wer heute kalkuliert, weiß nicht, welche Regeln morgen gelten. Nicht, weil es zukünftig keine Möglichkeiten mehr gibt, um mit PV-Anlagen Geld zu verdienen. Doch solange nicht alle Rahmenbedingungen geklärt sind, kann nur schwer abgeschätzt werden, wie lukrativ PV-Anlagen bleiben werden. Allein vor diesem Hintergrund und dem drohenden Preisanstieg lohnt es sich daher, geplante PV-Anlagen nicht zu weit in die Zukunft zu verschieben.

Spürst du das sofort? Wahrscheinlich nicht, doch die Uhr tickt
Ein wichtiger Punkt zur Beruhigung: Du wirst morgen nicht plötzlich deutlich mehr für deine PV-Anlage zahlen. Preissteigerungen wirken verzögert. Lagerbestände, laufende Verträge und Wettbewerb puffern den Effekt ab. Doch mittelfristig ist der Trend klar. Sobald höhere Rohstoffpreise und neue Importkosten vollständig in den Markt durchgereicht sind, steigen auch die Endpreise. Der Preisschock kommt nicht als Knall, sondern als langsames Anziehen der Schraube.
Photovoltaik bleibt ein starkes Werkzeug für günstigen Strom und Klimaschutz. Aber sie verliert ihren Status als Selbstläufer. Künftig entscheidet noch stärker, wie gut du Eigenverbrauch, Speicher und Energiemanagement kombinierst und wann du investierst. Der Markt sortiert sich neu. Wer die Signale jetzt liest, kann besser entscheiden: abwarten, zuschlagen oder gezielt optimieren. Sicher ist nur eins: Die Zeit der immer weiter fallenden PV-Preise ist vorerst vorbei.
