Dieser strategische Fehler machte Deutschlands Energiewende zur teuersten der Welt

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Irgendwann zwischen politischen Diskursen, technischen Realitäten und einem Stromsystem im Dauerstress lief etwas aus dem Ruder. Heute zahlen wir alle den Preis für ein Versäumnis, das lange unsichtbar blieb. Diese Entscheidungen machten Deutschlands Energiewende zur weltweit teuersten.
Diese strategischen Fehler haben uns die hohen Kosten freihaus beschert
Diese strategischen Fehler haben uns die hohen Kosten freihaus beschertBildquelle: KI-generiert

Du sitzt am Küchentisch, der Kaffee steht vor dir und draußen drehen sich Windräder im Morgenlicht. Alles wirkt ruhig, fast idyllisch. Doch im Hintergrund rackert ein Stromsystem, das ständig am Limit läuft. Und jemand bezahlt dafür, dass es nicht auseinanderfliegt. Kleiner Spoiler: Dieser jemand bist du. Dummerweise trägst du dabei die Rechnung für Entscheidungen, die andere für dich getroffen haben. Trotz mahnender Worte, die früh vorhersahen, wohin sich Deutschlands Energiewende bewegte.

Der große Schnitt: April 2023 und das Ende der Atomkraft

Im April 2023 gingen die letzten drei Kernkraftwerke in Deutschland vom Netz. Endgültig. Kein Sicherheitsgurt mehr, kein Backup auf Knopfdruck. Friedrich Merz nannte diesen Schritt später einen „schweren strategischen Fehler“. Seine Begründung war weniger nostalgisch als nüchtern: Es ging ihm um gesicherte Leistung. Denn so günstig erneuerbare Energien auch generiert werden können, es braucht eine Absicherung gegen Dunkelflauten. Ohne diese zusätzlichen Erzeugungskapazitäten können Engpasse in der Versorgung mit den erneuerbaren Energien nicht ausgeglichen werden.

Merz Kritik: Die Reaktoren hätten zumindest übergangsweise weiterbetrieben werden sollen. Nicht für Jahrzehnte, sondern als Brücke. Als Versicherungspolice, bis Netze, Speicher und erneuerbare Erzeugung wirklich tragfähig zusammenspielen. Der Bundeskanzler legte nach mit einem Satz, der hängen blieb: Deutschland habe „die teuerste Energiewende der Welt“. Seine Begründung: zu wenig gesicherte Erzeugungskapazitäten, hohe Kosten für Industrie und Verbraucher. Übersetzt: Wir haben den Motor abgestellt, bevor die Ersatzbatterie richtig geladen war. Doch diese Diagnose erzählt nur die halbe Geschichte.

Der eigentliche „strategische Fehler“ liegt an mehreren Stellen begraben

Der Atomausstieg war ein sichtbarer Schnitt. Doch ein weiterer, wirklich teurer Teil lief lange leise im Hintergrund: jahrelange Verzögerungen beim Netzausbau. Seit 2014 ist dokumentiert, was passiert, wenn man Leitungskilometer auf morgen verschiebt: Redispatch explodiert, Netzentgelte steigen, Reservekraftwerke werden nötig, Subventionen häufen sich. Merz hat recht, wenn er sagt, dass fehlende gesicherte Leistung teuer ist. Aber das volle Bild zeigt: fehlende Leitungen sind genauso kostspielig.

Die Stimmen und Maßnahmen, die den Netzausbau verzögerten

Während öffentlich über Windräder und Kohleausstieg gestritten wurde, lief im Hintergrund ein zweiter, leiser Konflikt: der um die Stromleitungen. Schon 2014 brachte die bayerische Staatsregierung unter Horst Seehofer (CSU) ein faktisches „Netzausbau-Moratorium“ ins Spiel. Große Nord-Süd-Trassen wie SuedLink sollten möglichst verhindert oder umgeplant werden – mit dem Argument des Landschaftsschutzes und der Bürgerakzeptanz. Das Ergebnis: politische Blockaden, neue Prüfaufträge, jahrelange Verzögerungen. 2015 folgte auf Bundesebene ein Kurswechsel hin zu mehr Erdverkabelung, getragen von CDU/CSU und SPD. Was als Befriedung lokaler Proteste gedacht war, machte Projekte teurer und technisch komplexer.

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Parallel positionierten sich Parteien wie die AfD wiederholt gegen zentrale Großtrassen und bezeichneten sie als „unnötigen Netzausbau“. Hinzu kamen Bürgerinitiativen und Dachverbände wie der Bundesverband Bürgerinitiativen gegen SuedLink, die systematisch gegen Trassenführung und Projektlogik mobilisierten. Umweltverbände wie BUND und NABU stellten sich nicht grundsätzlich gegen Netze, forderten aber immer wieder Alternativrouten, Erdverkabelung und zusätzliche Umweltauflagen. Landwirtschaftliche Verbände kritisierten Bodenschäden und verlangten höhere Entschädigungen. Jede dieser Positionen war für sich genommen rational. In der Summe aber wirkten sie wie Sand im Getriebe eines Systems, das eigentlich dringend beschleunigt werden musste.

Die Gegenstimmen, die früh vor den Kosten des Stillstands warnten

Auf der anderen Seite standen Akteure, die das wachsende Kostenrisiko früh und ziemlich unmissverständlich benannten. 2014 warnte der damalige Präsident der Bundesnetzagentur, Jochen Homann, öffentlich, Verzögerungen beim Netzausbau würden „richtig teuer“. Was er meinte, war kein theoretisches Szenario. Wenn Strom nicht dorthin kommt, wo er gebraucht wird, muss das System improvisieren. Kraftwerke werden hoch- und runtergefahren, Windräder abgeregelt, fossile Anlagen teuer dazugeschaltet. Der Fachbegriff dafür: Redispatch. Damals war das noch eine Warnung. Heute ist es eine wiederkehrende Rechnung.

In ihren Monitoringberichten 2019 und 2022 dokumentierte die Bundesnetzagentur, dass immer mehr Eingriffe ins Stromsystem nötig wurden, weil Leitungen fehlten: Redispatch, Countertrading, Einspeisemanagement. Die Kosten dafür stiegen bis in den Milliardenbereich und landeten über Netzentgelte direkt auf den Stromrechnungen. Übertragungsnetzbetreiber wie Amprion sprachen offen davon, dass Redispatch „viel Geld“ koste und ein Symptom struktureller Netzengpässe sei.

Diese strategischen Fehler haben uns die hohen Kosten beschert.
Diese strategischen Fehler haben uns die hohen Kosten beschert.

Man kann sich das vorstellen wie einen Dauerstau auf der Autobahn: Statt die Fahrbahn zu verbreitern, stellst du jedes Jahr neue Verkehrslotsen auf, die den Verkehr umleiten. Funktioniert. Kostet. Und wird jedes Jahr teurer. Etwas, das in der Realität niemand von uns bewusst so durchwinken würde. Doch genau das ist faktisch über die letzten Jahre geschehen.

Der Bundesrechnungshof zog 2024 die Notbremse: Der Netzausbau sei eine der zentralen Kostensäulen der Energiewende, Verzögerungen gefährdeten Bezahlbarkeit und Akzeptanz. Auch der BDEW argumentierte wiederholt, dass schnellerer Netzausbau kein Luxus, sondern ein Kostendämpfungsinstrument sei. Weniger Engpässe bedeuteten weniger Notmaßnahmen, weniger Reservekraftwerke und niedrigere Systemkosten. Die Botschaft all dieser Stimmen war über Jahre erstaunlich konsistent: Jeder nicht gebaute Leitungskilometer wird irgendwann als teure Improvisation zurückkommen mit Zinsen.

Merz, Gas und 12 Gigawatt Backup für Deutschland

Zurück zu Friedrich Merz und den heutigen Missständen, die nun einmal längst eingetreten sind. Seine politische Antwort auf fehlende gesicherte Leistung heißt: Kraftwerksstrategie. Die Eckpunkte: Ausschreibungen über 12 Gigawatt neue steuerbare Leistung. Gaskraftwerke als Backup für Dunkelflauten. Einspringen, wenn Wind und Sonne Pause machen. Die Anlagen müssen zunächst nicht wasserstofffähig sein. Erdgas ist erlaubt. Nachrüstung später. Begründung: Aktuell gibt es schlicht nicht genug Wasserstoff. Das ist kein romantischer Klimatraum. Das ist ein Notstromgenerator fürs ganze Land.

Die Bundesregierung flankiert diese Strategie politisch. Wirtschaftsministerin Katherina Reiche nennt die Kraftwerksstrategie einen „entscheidenden Schritt“ für die Versorgungssicherheit. Eine Grundlage für stabile Stromversorgung und Industrieproduktion. Gleichzeitig kündigt sie an, die Kosten der Energiewende senken zu wollen. Nicht durch Rückabwicklung, sondern durch Systemstabilisierung.

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Parallel dazu soll es einen Industriestrompreis von 2026 bis 2028 geben. Eine Strompreiskompensation, Entlastung von CO₂-Kosten, alles kombinierbar, alles von der EU genehmigt. Das ist kein großzügiges Geschenk. Es ist eher Ibuprofen nach einem Bandscheibenvorfall: lindert Symptome, heilt aber nicht die Ursache. Um die effektiv abzufangen, kommen Maßnahmen nun einige Jahre zu spät. Die Ursache bleibt: ein System, das mit Notlösungen stabil gehalten wird, weil Leitungen fehlen und gesicherte Leistung abnimmt. Dabei ist es keineswegs so, dass Deutschland auf Blackouts hinsteuert, weil die Stromerzeugung fehlt. Doch das Gesamtsystem ist nicht mehr länger auf den Bedarf vorbereitet, den es heute decken müsste.

Was du daraus mitnehmen kannst

Die Energiewende ist nicht deshalb teuer, weil Wind und Sonne unzuverlässig wären. Sie ist teuer, weil wir das System jahrelang halb umgebaut haben. Wir haben Kraftwerke abgeschaltet, bevor Netze fertig waren. Wir haben erneuerbare Erzeugung ausgebaut, ohne die Transportwege mitzuziehen. Wir haben improvisiert und Improvisation ist im Großmaßstab nie billig. Der wahre strategische Fehler war nicht nur der Atomausstieg. Es war das gleichzeitige Bremsen beim Netzausbau. Und jetzt zahlst du dafür. Jeden Monat. Still. Zuverlässig. Wie ein Abo, das niemand gekündigt hat und auch heute keiner mehr abbestellen kann.

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1 KOMMENTAR

  1. Nutzerbild Karsten Frei

    Ist doch alles super gelaufen.
    Wenn man Kinderbuchautoren zu Wirtschaftsministern macht, muss man sich nicht wundern, wenn die Wirtschaft den Bach runtergeht.
    Die Kompetenzen spielen bei der Sache anscheint keine Rolle, nur noch „Freundschaften“ und richtige “ Berater“.
    Das schlimmste ist dabei, keiner von den Politikern haftet persönlich für angerichteten Schaden.
    Die lachen sich kaputt, bereisen die Welt auf Kosten von Steuerzahlern und erzählen ihre Märchen weiter.
    Es wird nicht umsonst gesagt: „Wer sich seiner Vergangenheit nicht erinnert, ist dazu verdammt, sie zu wiederholen.“

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