Die Nacht in der Stadt kennt keine Pause. Straßenlaternen leuchten, als bräuchten wir in jeder Sekunde der Dunkelheit Licht. Helligkeit gilt als Vorsorge, als Schutz und als urbane Selbstverständlichkeit. Je heller das Licht, desto sicherer das Gefühl. So zumindest die Erzählung. Sie ist alt und bequem. Aber die Straßenbeleuchtung, wie wir sie kennen und nutzen, blendet aus, was Licht anrichtet. Denn Licht verschwindet nicht. Es überstrahlt. Es verdrängt Dunkelheit, Orientierung, Rhythmen. Vögel verlieren den Takt, Insekten die Richtung, Tiere und Menschen die Nacht. Trotzdem leuchten Städte weiter, pauschal, flächendeckend, die ganze Zeit. Sicherheit durch Dauerbetrieb. Doch nun ändert sich etwas.
Blaupause für alle Städte?
Nicht durch Proteste, nicht durch Verbote, sondern durch Technik. Und durch eine einfache Frage: Muss Licht wirklich immer gleich aussehen? Einige Städte beginnen umzudenken. Sie dimmen, steuern, passen an. Straßenbeleuchtung, die heller wird, sobald ein Fußgänger kommt, gibt es schon. Doch nun kommt ein radikaler Farbwechsel. Straßenlaternen leuchten nicht mehr weiß, sondern rot. Kein Warnsignal, wie an der Ampel. Sondern eine bewusste Verschiebung im Spektrum. Dort, wo nachts mehr lebt als tagsüber gesehen wird. Wo Tiere jagen, navigieren und überleben müssen. Weißes Licht stört sie massiv, rotes deutlich weniger. Das ist keine Meinung, sondern Forschung.
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Dieses Experiment läuft gerade am Rand einer europäischen Stadt in Dänemark. Genauer: in Gladsaxe bei Kopenhagen. Dort leuchten nachts einige Straßen rot. Der Grund: Fledermäuse. Sieben Arten leben entlang einer Verkehrsachse, zwei reagieren besonders empfindlich auf künstliches Licht. Also wurde nicht abgeschaltet, sondern angepasst. Rot statt Weiß. Was wie eine lokale Kuriosität wirkt, ist in Wahrheit eine Blaupause. Jede Stadt, die auf LED umrüstet, kann Licht und die gesamte Straßenbeleuchtung lenken: dimmen, färben, zeitlich steuern. Es kostet wenig, spart Energie, senkt Emissionen. Nicht nur, wegen der Fledermäuse. Das rote Licht erfüllt noch mehr.
Die Vor- und Nachteile der neuen Straßenbeleuchtung
Rotes Licht wirkt auf das menschliche Auge deutlich weniger aktivierend als weißes oder blauhaltiges LED-Licht. Die Folgen: geringere Blendung, weniger visuelle Überstimulation, ruhigere nächtliche Atmosphäre. Zudem ist es besser für den Schlaf. Denn rotes Licht unterdrückt die Melatoninproduktion kaum. Weißes, besonders blauhaltiges Licht tut das massiv. Die Konsequenz: weniger Schlafstörungen bei Anwohnern, geringere Belastung für Schichtarbeiter und stabilere Tag-Nacht-Rhythmen.
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Auch Problembezirke mit nächtlicher Unruhe könnten von roter Straßenbeleuchtung profitieren. Denn: Rotes Licht lädt nicht zum Verweilen ein. Der Effekt: weniger nächtliche Aufenthaltsdauer. Für Wohnviertel wäre das ein Gewinn. Für Ausgehmeilen ein Problem. Und rotes Licht überall würde noch weitere Probleme mit sich bringen. Zwar zeigen Studien, dass mehr Licht nicht automatisch die Kriminalität senkt. Aber rote Straßenbeleuchtung würde Kontraste verringern, Details verschleiern und die Identifikation erschweren. Für Polizei und Rettung wäre das problematisch. Eine pauschale Umstellung auf rote Straßenbeleuchtung wäre deshalb fachlich schwer zu rechtfertigen.
Nicht überall, aber gezielt
Gladsaxe zeigt, was viele Städte brauchen. Weg von der Gleichung: helle Straßenbeleuchtung gleich sicher. Hin zu Licht als Werkzeug, nicht als Dauerzustand. Fledermäuse sind der Anlass. Klimaschutz, Biodiversität und Energieeffizienz der Effekt. Rote Beleuchtung überall wäre eine schlechte Idee. Gezielt eingesetzt, aber wohl eine ziemlich gute. Vielleicht liegt die Zukunft der Stadt nicht im grelleren Licht, sondern im besseren.
