Rund 62 Millionen Fernseher stehen in deutschen Haushalten. Manche Wohnzimmer haben gleich zwei oder drei davon. Und obwohl Streaming, Smartphones und Tablets ständig um Aufmerksamkeit buhlen, sitzt der Durchschnitt immer noch mehr als zweieinhalb Stunden täglich vor der Glotze. Fernsehen ist also keineswegs tot. Nur der klassische Fernseher ist längst kein bloßes Empfangsgerät mehr. Er ist ein Computer mit Bildschirm. Ein Smart-TV. Und der entscheidet mit, was läuft. Oder besser gesagt: Er entscheidet, was man leicht findet und was nicht. Das stört die TV-Sender-Bosse und die beschweren sich jetzt bei der EU.
Wer hat die Macht über unsere Fernseher?
In einer Erklärung an Brüssel warnen die europäischen Rundfunkverbände vor der wachsenden Macht der Betriebssysteme in Fernsehern und vor virtuellen Assistenten. Klingt technisch, bedeutet aber: Wer den Startbildschirm kontrolliert, kontrolliert die Aufmerksamkeit. Ein paar Zahlen verdeutlichen das Problem. Betriebssysteme wie Android TV (23 Prozent), Amazons Fire OS (12 Prozent) oder Samsungs Tizen (24 Prozent) teilen den Markt zunehmend unter sich auf. Wenige große Plattformen bestimmen also, welche Apps prominent platziert werden, welche Empfehlungen auftauchen und welche Inhalte unsichtbar bleiben. Für die Sender ist das alles andere als zufriedenstellend, da sie immer seltener auftauchen.
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Für die Zuschauer fühlt sich das alles zunächst bequem an. Der Fernseher schlägt vor, was man schauen könnte. Die Sprachassistentin findet „irgendwas mit Krimi“. Ein Klick, fertig. Doch diese Bequemlichkeit hat eine Kehrseite. Wer vorsortiert, trifft auch eine Auswahl. Und die folgt nicht unbedingt kultureller Vielfalt oder journalistischer Relevanz, sondern eher Geschäftsinteressen.
EU soll eingreifen und bestimmen
Die Rundfunkverbände sprechen deshalb von sogenannten Gatekeepern, also Torwächtern. Sie fordern, dass die EU eingreift und reguliert. Bisher fallen Smart-TV-Betriebssysteme und viele KI-Assistenten nämlich durch das Raster der bestehenden Regeln. Eine Lücke, die schnell größer wird, je schlauer und allgegenwärtiger diese Systeme werden. Das Problem beschränkt sich dabei nicht auf den Fernseher im Wohnzimmer. Virtuelle Assistenten stecken inzwischen im Handy, im Auto und im Lautsprecher. Wer hier die Antworten liefert, bestimmt auch, welche Inhalte überhaupt vorkommen. Und wer nicht genannt wird, existiert im Zweifel einfach nicht.
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Die Lösung, so die Forderung aus der Branche, ist klassisch europäisch: Regulierung. Große Plattformen sollen als Gatekeeper eingestuft werden. Dann müssten sie sich an strengere Regeln halten. Zum Beispiel dürften sie eigene Inhalte nicht mehr so leicht bevorzugen oder andere Angebote benachteiligen. Für Zuschauer könnte das am Ende mehr Auswahl bedeuten. Oder zumindest eine ehrlichere Sortierung.
Die Angst geht um
Bleibt die Frage: Ist das berechtigte Sorge oder nackte Angst? Wahrscheinlich beides. Die Fernsehsender merken, dass sie die Kontrolle über ihr Publikum verlieren. Die Fernbedienung liegt zwar noch auf dem Sofa, aber die Macht sitzt längst im Betriebssystem. Und das gehört meist nicht ihnen. Die Tech-Konzerne sind näher am Nutzer, näher an den Daten, näher an der Oberfläche. Ein ziemlich langer Hebel. Und im Moment sitzen die Fernsehbosse am kürzeren Ende.
