Jede Person in Deutschland kauft im Schnitt rund 60 Kleidungsstücke und etwa drei bis vier Paar Schuhe pro Jahr. Hosen, T-Shirts, Sneaker. Ein bisschen Frühling, ein bisschen Herbst, dazwischen ein Winterschlussverkauf, unmittelbar gefolgt von einem Sale. Kleidung ist heute erschwinglicher denn je. Neben H&M, Zara oder C&A bestellen viele inzwischen auch bei Shein und Temu. Da kostet ein T-Shirt noch weniger als in einer der bekannten Modeketten. Man klickt, wartet ein paar Tage und bekommt ein Paket aus China. Drin: Stoff, der aussieht wie Kleidung und sich anfühlt wie eine schlechte Idee.
Ein tonnenschweres Problem, das die EU abschaffen will
Das Problem: Oft zeigt sich erst nach dem Auspacken, wie billig billig wirklich ist. Nähte schief, Stoff dünn, Geruch chemisch. Einmal waschen, zweimal tragen, dann Müll. Fast Fashion ist nicht nur schnell, sie ist auch kurzlebig. Manche Teile halten weniger lang als ein Kaugummi unter dem Schuh. Das ist bereits ein Problem. Das größere Problem aber: Viele Kleidungsstücke schaffen es gar nicht erst an einen menschlichen Körper. Sie werden vorher zerstört. Neu, ungetragen, originalverpackt. Jedes Jahr werden in Europa schätzungsweise vier bis neun Prozent aller unverkauften Textilien vernichtet. Einfach so. Das entspricht Millionen Tonnen Ware – und rund 5,6 Millionen Tonnen CO₂. Fast so viel, wie Schweden in einem Jahr ausstößt.
→ Es kann jeden treffen: Illegale Waffen in Temu-Paketen
Warum macht man das? Weil Lagern Geld kostet. Weil Rabatte das Markenimage beschädigen könnten. Weil es einfacher ist, Kleidung zu schreddern, als sie zu sortieren, zu spenden oder weiterzuverkaufen. Und weil das System darauf ausgelegt ist, immer neue Ware zu produzieren – nicht, alte sinnvoll zu nutzen. Onlinehandel verschärft das Problem. In Deutschland werden jedes Jahr rund 20 Millionen zurückgeschickte Artikel entsorgt. Rücksendung? Ja. Wiederverkauf? Zu aufwendig. Also ab in die Tonne.
Was jetzt vorgeschrieben ist
Für die Umwelt ist das eine Katastrophe. Baumwolle braucht Wasser. Polyester braucht Öl. Transport braucht Energie. Und am Ende steht der Schredder. Kreislaufwirtschaft ist anders. Jetzt aber hat die EU beschlossen, dieses Wegwerfen nicht länger zu dulden. Unternehmen müssen künftig offenlegen, wie viele neue Produkte sie entsorgen. Und mehr noch: Große Händler dürfen unverkaufte Kleidung und Schuhe ab 2026 grundsätzlich nicht mehr zerstören. Kleinere Shops folgen später.
Stattdessen sollen sie anders mit ihren Bergen aus Stoff umgehen: verkaufen, spenden, reparieren, wiederverwenden. Klingt banal. Ist es aber nicht, wenn man jahrelang gelernt hat, dass Zerstörung billiger ist als Verantwortung. Das Verbot kommt spät, aber es kommt. Und es trifft eine Branche, die sich gern „nachhaltig“ nennt, während sie tonnenweise Neuware vernichtet. Vielleicht gibt es bald also Klamotten und Schuhe von Zara, H&M und Co. geschenkt. Vielleicht umgehen diese und andere Ketten die neue EU-Regel aber auf eine geschickte Weise und überlassen unverkaufte Ware Drittanbietern, die sie dann wiederum entsorgen.
