Strom ist selten wirklich kostenlos. Umso überraschender ist der Blick auf ein neues Modell, das genau das verspricht: mehrere Stunden Gratisstrom pro Tag, unabhängig davon, ob du selbst eine Solaranlage besitzt. Möglich macht das ein massives Überangebot an Solarenergie zur Mittagszeit. Statt diese Energie ungenutzt verpuffen zu lassen, wird sie gezielt an Haushalte verteilt. Das Ergebnis: niedrigere Kosten, stabilere Netze und ein cleverer Umgang mit erneuerbarer Energie. Ein Modell, das dem Wort „Energiewende“ endlich gerecht werden könnte.
Warum Solarstrom plötzlich verschenkt wird
Der Hintergrund ist simpel und technisch längst Realität. In sonnenreichen Regionen wird zur Mittagszeit oft mehr Solarstrom erzeugt, als gerade gebraucht wird. Die Folge sind Abregelungen, negative Strompreise oder teure Netzeingriffe. Genau hier setzt das neue „Solar-Sharer“-Programm in Australien an: Überschüsse werden nicht mehr als Problem betrachtet, sondern als Chance definiert.
Haushalte sollen ihren Verbrauch gezielt in diese Phase verlagern. Waschmaschine, Geschirrspüler, Klimaanlage oder das Laden von E-Autos und Stromspeichern wandern in die Sonnenstunden. Der Strom kostet dann nichts. So wird Angebot mit Nachfrage synchronisiert – ohne zusätzliche Kraftwerke, ohne neue Speicher, allein durch kluge Anreize.
So funktioniert das Modell im Alltag
Ab Juli 2026 erhalten Haushalte in New South Wales, Südost-Queensland und South Australia täglich mindestens drei Stunden kostenlosen Solarstrom. Voraussetzung ist ein intelligenter Stromzähler, der den Verbrauch zeitlich erfassen kann. Etwas, das in den meisten Haushalten dieser Region bereits Standard ist. Ganz anders als in Deutschland, wo der Ausbau mit Smart Metern sich als das größte Nadelöhr für solche Maßnahmen erweist. Laut Bundesnetzagentur (BNetzA) waren im Sommer 2025 rund 16 % der Pflichteinbaufälle umgesetzt. Bis zum Jahresende sollten 20 Prozent der Haushalte mit einem Smart Meter versorgt sein. Leider konnte diese Quote jedoch nicht eingehalten werden.
Das Angebot gilt ausdrücklich auch für Mieter und für Menschen ohne eigene Solarpaneele. Wichtig ist: Sparen kannst du nur, wenn du dein Verhalten anpasst. Wer mittags weiterarbeitet und abends alles einschaltet, profitiert kaum. Wer jedoch flexibel ist, senkt seine Stromrechnung deutlich. Analysten rechnen mit Einsparungen von bis zu 15 Prozent pro Haushalt.
Mehr als ein Geschenk: Vorteile fürs Stromnetz
Der Gratisstrom ist kein reines Wahlgeschenk, sondern Teil einer größeren Strategie. Wenn viele Haushalte ihren Verbrauch aus den Abendstunden verlagern, sinken die Lastspitzen. Das stabilisiert das Netz, senkt Großhandelspreise und reduziert den Bedarf an teuren Netzausbauten. Hinzu kommt der Klimavorteil: Durch die bessere Nutzung von Solarstrom könnten jährlich mehr als 20 Millionen Tonnen CO₂ eingespart werden. Zugleich rechnet man mit eben jenem Rückgang der gesamten Stromkosten um 15 Prozent. Der Effekt verstärkt sich, je mehr Menschen mitmachen, ein klassischer Fall von individueller Entscheidung mit kollektivem Nutzen.
Kritik und Einordnung, Widerstand gibt es dennoch
Nicht alle sind begeistert vom Vorstoß der australischen Regierung. Teile der Energiewirtschaft, vorrangig das Australian Energy Council, kritisieren die fehlende Abstimmung und warnen vor Nebenwirkungen für den Markt. Das Australian Energy Council setzt sich aus Energieproduzenten und Lieferanten zusammen, also eben jenen Energieversorgern, die Haushalte in ganz Australien beliefern. Es verwundert somit nicht, dass sich die Branche eine Beteiligung oder Vorabinformation über eine Maßnahme wünscht, die einen so direkten Einfluss auf den gesamten Markt aufweist.
Gleichzeitig zeigen bestehende Tarife einzelner Anbieter, dass zeitweise Gratisenergie technisch längst machbar ist. Der Unterschied: Das neue Modell ist reguliert, flächendeckend und kein reines Marketing-Werkzeug. Die Aufsicht stellt sicher, dass außerhalb der Gratis-Zeit faire Preise gelten. Kostenlos heißt hier nicht chaotisch, sondern gezielt gesteuert.
Und was bedeutet das für Deutschland?
Hierzulande gibt es keinen Gratisstrom – zumindest bisher nicht. Stattdessen setzt Deutschland ab 2026 auf „Energy Sharing“. Ein neuer Gesetzentwurf, der ab Juli 2026 in Kraft treten soll, will Haushalten das Teilen der eigenen Solarenergie erleichtern. Überschüssiger Solarstrom darf dann direkt mit Nachbarn oder Energiegemeinschaften geteilt oder verkauft werden. Das Ziel ist ähnlich: mehr Flexibilität, weniger Verschwendung, niedrigere Kosten.
Ob daraus irgendwann ein zeitlich begrenztes Gratisstrom-Modell wird, ist offen. Klar ist aber: Mit wachsendem Solaranteil wird die Frage immer drängender, wie wir Überschüsse nutzen. Das australische Beispiel zeigt, dass mutige Lösungen möglich sind und sich Sonnenstrom nicht nur sauber, sondern auch spürbar günstiger verteilen lässt. Man darf somit hoffen, dass der geplante Gesetzesentwurf hier endlich eine dringend benötigte Grundlage in Deutschland schafft, um die Überschüsse sinnvoll zu verwenden.
