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Die Deutschen wollen die Bahn lieben, aber die Bahn lässt sie nicht

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Jeder Dritte meidet die Bahn, die Jugend flüchtet ins Auto: Eine aktuelle Mobilitätsstudie der HUK-Coburg zeigt, was sich viele Bahnfahrer bereits dachten. Vor allem in NRW. Doch während das Land verzweifelt, meldet die Bahn Rekorde. Und nun?
Die Deutschen wollen die Bahn lieben, aber die Bahn lässt sie nicht
Die Deutschen wollen die Bahn lieben, aber die Bahn lässt sie nichtBildquelle: Sascha Weber / Pexels

Wer möchte nicht zur Haltestelle gehen, in die pünktliche Bahn einsteigen und dabei nebenbei auch noch die Umwelt retten, das Klima schützen und entspannt aus dem Fenster schauen, während die Landschaft an einem vorbeizieht? Aber die Realität sieht oft anders aus. Statt lauwarmem Filterkaffee im Speisewagen zu trinken, stehen viele am zugigen Bahnsteig und warten. Auf eine Bahn, die gerade noch pünktlich war und dann plötzlich 10 Minuten Verspätung hatte, bevor sie ganz ausfällt. Die Deutsche Bahn macht es Reisenden nicht gerade einfach, sie zu mögen. Vor allem in NRW ballt sich der Hass. Die Alternative? Das Auto.

Bahn? Wenn es irgendwie geht, lieber nicht

Die aktuelle Mobilitätsstudie der HUK-Coburg liest sich wie ein Scheidungsurteil. Jeder dritte Deutsche versucht inzwischen, Bahnfahrten „wenn irgend möglich zu vermeiden“. Klingt eher nach Phobie als einfach nur Frust. Besonders bitter: Wer wirklich wichtige Termine hat, zieht eine Anreise mit der Bahn gar nicht erst in Betracht. Über ein Viertel der Befragten fährt zum Vorstellungsgespräch oder zur Hochzeit lieber nicht mit dem Zug. Und wer es doch wagt, plant Zeitpuffer ein, die früher für eine Weltreise gereicht hätten.

Während die Politik noch von der Verkehrswende träumt, feiert das Auto eine Renaissance, die man fast schon als reaktionär bezeichnen könnte. Stolze 76 Prozent halten den Pkw für das Verkehrsmittel der Zukunft. Besonders absurd ist die Entwicklung bei den 16- bis 24-Jährigen. Das ist die Generation, die nach außen hin eigentlich mit dem Lastenrad zur Demo fährt. Doch insgeheim findet man die jungen Leute dann doch eher in Fahrschulen. Die Bahn verliert ihre Zukunftskunden, noch bevor diese ihr erstes Abo abschließen können.

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Besonders schlimm trifft es Nordrhein-Westfalen. Im Land der ewigen Verspätung sind 57 Prozent der Menschen wegen der unkalkulierbaren Zustände völlig am Ende mit den Nerven. Wer dort pendelt, braucht kein Ticket, sondern ein starkes Beruhigungsmittel.

Hohe Spritpreise spielen der Bahn in die Karten

Fragt man bei der Deutschen Bahn nach, wie sie dieses Desaster eigentlich rechtfertigen will, erntet man das übliche Management-Sprech. Ein Sprecher erklärt inside digital auf Anfrage stolz, dass man doch Fahrgastrekorde feiere. Fast zwei Milliarden Passagiere im Jahr 2025, die Züge seien voll, besonders jetzt, wo der Krieg im Iran die Spritpreise in die Höhe treibt. Das ist die Logik der Monopolisten: Wenn das Benzin unbezahlbar wird, rennen die Leute eben wieder zu uns – egal, wie sehr sie uns hassen.

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Der Sprecher hat natürlich einen Punkt, wenn er darauf verweist, dass die HUK-Studie vor dem Preisschock an den Zapfsäulen erhoben wurde. Aber er beantwortet keine einzige der entscheidenden Fragen. Warum die Jugend flieht? Keine Antwort. Warum NRW im Chaos versinkt? Schweigen. Und dann zeigt die HUK-Mobilitätsstudie, dass zwei Drittel der Deutschen eine deutlich erhöhte Taktung fordern. Doch auf die Frage, ob die geforderte Taktverdichtung technisch überhaupt machbar ist, verweist man lieber auf die Buchungszahlen zu Ostern.

Eine einseitige Liebe?

Die Bahn verwechselt hier Erfolg mit Notwehr. Dass die Menschen in die Züge drängen, liegt nicht an der Qualität des Services, sondern am leeren Portemonnaie an der Tankstelle. Die Deutschen wollen die Bahn vielleicht immer noch lieben, oder zumindest nutzen. Aber die DB macht es einem wirklich verdammt schwer. Am Ende bleibt nur die bittere Erkenntnis: Wir fahren nicht Bahn, weil sie so toll ist, sondern weil wir uns das Auto gerade nicht mehr leisten können. Das ist kein Rekord, auf den man stolz sein sollte, sondern ein Armutszeugnis für die gesamte Infrastrukturpolitik.

Bildquellen

  • Wohnen zweiter Klasse: Wie die Nebenkosten zur Armutsfalle werden: Damian Barczak / Pexels
  • Die Deutschen wollen die Bahn lieben, aber die Bahn lässt sie nicht: Sascha Weber / Pexels

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