Der Börsencrash steht vor der Tür, verkündet ein Experte bei n-tv. Neu ist das nicht. Der Crash steht dort seit Jahren, mal lehnt er am Rahmen, mal tritt er von einem Bein aufs andere, und allmählich fragt man sich, warum er eigentlich nie klingelt. Hereingebeten wird er trotzdem ständig, in Talkshows und auf Bestsellerlisten, wo er sich längst häuslich eingerichtet hat, mit Pantoffeln und eigenem Kühlschrankfach.
Ein Treffer fürs ganze Leben
Es gibt sie ja, die Propheten, die richtig lagen. Max Otte veröffentlichte 2006 ein Buch mit dem Titel „Der Crash kommt“, zwei Jahre später ging Lehman Brothers pleite, und Otte besaß fortan etwas, das in seiner Branche seltener ist als Bescheidenheit: einen Treffer.
Was man mit einem solchen Treffer anfängt, verrät der Klappentext der Taschenbuchausgabe von 2009. Dort wird zunächst daran erinnert, dass Otte den Crash prognostiziert habe und dieser nun wirklich da sei, und noch im selben Absatz folgt die nächste Weissagung: Vieles deute darauf hin, dass spätestens 2010 die Globalisierungsblase platze, der Welthandel breche gleich mit zusammen. Der Welthandel hat davon offenbar nichts mitbekommen.
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Darin steckt das ganze Geschäftsmodell. Der eine Treffer wird zum Kapital, die Fehlschüsse kosten nichts, weil niemand Buch führt über Weltuntergänge, die ausgefallen sind. Wer einmal richtig lag, trägt den Ruf des Mannes, der die Finanzkrise kommen sah, bis zur Rente am Revers, ganz gleich, wie viele Ansagen danach ins Leere liefen.
Crash? Schlechter als ein Zwei-Euro-Stück
Jemand hat allerdings doch Buch geführt. Die US-Firma CXO Advisory sammelte 6.582 öffentliche Börsenprognosen von 68 Marktexperten aus den Jahren 2005 bis 2012, ein Zeitraum, der die Finanzkrise einschließt, also die große Stunde aller Untergangspropheten. Im Schnitt lagen die Experten in 47 Prozent der Fälle richtig.
Eine Münze hätte 50 geschafft, ohne Vortragshonorar und ohne Krawatte. Marc Faber, dessen Börsenbrief den bemerkenswert ehrlichen Namen „Gloom, Boom & Doom Report“ trägt, kam ebenfalls auf 47 Prozent.
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Der Ökonom Paul Samuelson spottete schon 1966, der Aktienmarkt habe neun der letzten fünf Rezessionen vorhergesagt. Den Crash-Propheten wäre so eine Quote zu zaghaft.
Angst ist das bessere Produkt
Dass sich ein Berufsstand hält, der schlechter rät als ein Zwei-Euro-Stück, liegt daran, dass er gar nicht vom Raten lebt. Er lebt von der Angst, und Angst ist ein vorzügliches Produkt, billig in der Herstellung und praktisch unbegrenzt haltbar. Am besten verkauft sie sich, wenn die Börse boomt, denn je höher die Kurse stehen, desto tiefer sieht der Abgrund aus.
Die Buchtitel der vergangenen Jahre lesen sich wie ein Fortsetzungsroman, dessen letztes Kapitel nie erscheint: „Der Crash kommt„, „Der Draghi-Crash„, „Der Crash ist da„, „Vorbereitung auf den finalen Crash„. Der letzte Band warb sogar mit einer genauen Prognose, wann der finale Crash eintreten werde. Final war bislang nur der Kassenbon.
Besonders lehrreich ist „Der Crash ist da“ aus dem Jahr 2019, geschrieben unter anderem vom einstigen Hedgefondsmanager Florian Homm und dem Ökonomen Markus Krall. Diesmal, hieß es im Werbetext, werde es keine schnelle, nachhaltige Erholung geben. Ein gutes halbes Jahr nach Erscheinen übernahm Krall die Geschäftsführung der Degussa Goldhandel, eines Hauses, dessen Geschäft eher nicht leidet, wenn Sparer um ihr Geld zittern.
Eine Verschwörung muss man darin nicht sehen, ein Blick auf den Ladentisch genügt. Wer den Untergang ankündigt und nebenbei die Rettungsringe verkauft, betreibt weniger Prophetie als Vertrieb.
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Ein Jahr nach dem Buch kam der Crash dann tatsächlich, Corona riss die Kurse im Frühjahr 2020 in die Tiefe. Recht gehabt, könnte man meinen. Nur erholte sich der DAX danach in Rekordtempo. Ende August 2026 stand er bei gut 26.500 Punkten und damit ungefähr doppelt so hoch wie im Erscheinungsjahr des Buches. Wer auf die lange Durststrecke gewartet hat, wartet vermutlich noch.
Das Pappschild hat jetzt eine ISBN
Natürlich wird irgendwann wieder einer recht behalten. Bei genügend Propheten und genügend Jahren ist das keine Kunst, sondern Arithmetik. Wer jeden Morgen Regen ansagt, hat in Hamburg eine glänzende Bilanz.
Früher stand dieser Typus mit einem Pappschild in der Fußgängerzone, „Das Ende ist nah“, und richtete wenig Schaden an, weil ihm niemand sein Depot anvertraute. Heute hat er einen Verlag und einen Stammplatz im Nachrichtenfernsehen.
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Den Schaden trägt das Publikum. Wer aus Angst verkauft, muss zweimal richtig liegen, beim Ausstieg und beim Wiedereinstieg. Für den ersten Teil liefern die Crash-Gurus zuverlässig das Signal, für den zweiten gibt es selten ein Buch. Entwarnung verkauft sich schlecht.
Der Crash wird also weiter vor der Tür stehen, und eines Tages wird er klingeln. Wenn es so weit ist, steht draußen garantiert schon jemand, der es immer gewusst hat. Signierte Exemplare gibt es am Ausgang.
