KOMMENTAR

Schufa: Sie bewertet dein Leben und verkauft dir das Urteil

4 Minuten
68 Millionen Deutsche in der Kartei, knapp 90 Millionen Euro aus den Taschen der Bürger gepresst. Die Schufa verkauft dein Finanzleben an Banken. Und verlangt danach Geld von dir, wenn du deine eigene Akte sehen willst. Warum wir für unser eigenes Urteil bezahlen und wer wirklich damit verdient.
Schufa: Sie bewertet dein Leben und verkauft dir das Urteil
Schufa: Sie bewertet dein Leben und verkauft dir das UrteilBildquelle: Blasius Kawalkowski / inside digital

Vor manchen Geschäftsmodellen möchte man ehrfürchtig den Hut ziehen – nur um ihn der Führungsetage direkt um die Ohren zu schlagen. Die Schufa betreibt genau so eine Gelddruckmaschine: 68 Millionen Menschen in Deutschland sind in ihrer Kartei gefangen, ob sie wollen oder nicht. Und das Zynische daran: Kassiert wird auf beiden Seiten des Tresens. Die Schufa verkauft die Bewertung deines Lebens an Banken und Händler. Und dann verkauft sie dir den Blick darauf, wie diese Bewertung heute aussieht.

Schufa-Auskunft: Gratis gibt es nur den Stand von vor drei Monaten

Die Zahlen für 2025 sind ein einziges Mahnmal dieser Dreistigkeit: 304 Millionen Euro Konzernumsatz. Fast 90 Millionen davon stammen aus den Taschen derer, über die gerichtet wird. Knapp drei von zehn Euro zahlen die Beschuldigten selbst. 700.000 Menschen überweisen jeden Monat zwischen 4,95 und 9,95 Euro, Knebelabo mit zwölf Monaten Mindestlaufzeit, nur um zu erfahren, was der Finanzrichter längst über sie entschieden hat.

→ Opfer Sparkassen-Kunde: Jahrzehntelang freundlich abgezockt

Und dann inszenierte der Laden seine große „Transparenzoffensive“. Seit Dezember gibt es ein Gratis-Konto, „Freemium-Modell“ nennt die Schufa das selbst. Ein Begriff, der direkt aus der Abzock-Hölle von Handy-Spielen importiert wurde, bei denen der Spaß ab Level drei Geld kostet. Wer nichts zahlt, bekommt vierteljährlich abgestandene Daten von gestern aufgetischt. Wer den Stand von heute will, muss den Geldbeutel zücken und beantragt die Datenkopie, die mit der Post kommt. Man muss sich diese Absurdität auf der Zunge zergehen lassen: Der Platzhirsch unter den Auskunfteien verkauft dir die Aktualität deines eigenen Lebens. Das ist, als würde dir ein Wetterdienst den Regen vom letzten Frühjahr schenken und fürs Wetter von heute fünf Euro im Monat kassieren.

Die Banken liefern die Daten und kassieren die Dividende

Wem gehört dieser undurchsichtige Laden eigentlich? Offiziell Nebelkerzen. In Wahrheit hocken Sparkassen, Volksbanken und Großbanken am Schalthebel. Den Aufsichtsrat führt der Chef der genossenschaftlichen Teambank, sein Stellvertreter ist Präsident eines Sparkassenverbands. Der Zirkel ist geschlossen: Die Banken füttern die Schufa mit deinen Finanzdaten, kaufen die Scores zurück und kassieren als Eigentümer die Dividende. Als Kirsche auf der Torte dürfen Großkunden jetzt Zusatzdaten aus einem Pool von 40 Kriterien beziehen und in ihren eigenen Rechenzentren weiterverarbeiten, wo keine Schufa-App mehr hinschaut. Für 2025 schlagen Vorstand und Aufsichtsrat 56,8 Millionen Euro Ausschüttung vor. Das ist mehr, als die Schufa im ganzen Jahr verdient hat.

→ Diesel-Heuchler: Wie uns der eigene Staat mit den hohen Spritpreisen abzockt

Gut 72 Millionen Euro operativen Gewinn hat die Maschine 2025 ausgespuckt, gut elf davon aus dem Verkauf einer Tochterfirma. Und wofür wird die Kohle verbrannt? Unter anderem für Anwälte, die bis vor den Bundesgerichtshof verbissen dafür kämpfen, dass bezahlte Schulden drei Jahre lang wie ein Brandmal in deiner Akte kleben. Die Rechtskosten für genau diese Klagen waren laut Lagebericht der Hauptgrund, warum die Schufa Holding ihren geplanten Jahresüberschuss 2025 um 1,2 Millionen Euro verfehlte. Man investiert in das Recht, nachtragend zu sein. Für Lobbyarbeit in Berlin gingen 2024 knapp 580.000 Euro drauf. Damit die Politik ja nicht auf die Idee kommt, diesem Spuk ein Ende zu setzen.

Das muss sich ändern, Schufa

Niemand fordert die romantische Anarchie ohne Bonitätsprüfung. Aber wer das finanzielle Schicksal von 68 Millionen Menschen verwaltet, darf Transparenz nicht wie eine Edel-Boutique betreiben. Jeder einzelne Score, der über einen Menschen verkauft wird, gehört kostenlos, tagesaktuell und ohne Mucken in dessen App. Was die Schufa uns verkauft, ist keine Transparenz. Es ist das bloße Gefühl davon. Im Monatsabo, zwölf Monate Mindestlaufzeit.


Einen Score bekommst du von uns nicht. Wir bewerten dich nicht, und im WhatsApp-Kanal sehen wir nicht einmal deine Telefonnummer. Dafür landen dort tagesaktuell und kostenlos die Geldthemen, bei denen Banken und Auskunfteien lieber hätten, dass du sie nicht liest. Abbestellen geht mit einem Fingertipp, ohne Mindestlaufzeit. Die Schufa nennt so etwas Freemium. Wir nennen es normal. Hier bist du dabei.

Und was sagst du?

Bitte gib Dein Kommentar ein!
Bitte gibt deinen Namen hier ein