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Wir schaffen das Bargeld ab. Na und?!

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Nur Bares ist Wahres. Oder? An der Supermarktkasse sieht die Realität längst anders aus. Karten, Smartphones und Smartwatches übernehmen immer mehr. Schaffen wir das Bargeld gerade selbst ab? Und wäre das wirklich so schlimm?
Wir schaffen das Bargeld ab. Na und?!
Wir schaffen das Bargeld ab. Na und?!Bildquelle: Sara Kurfeß / Unsplash

Die Deutschen lieben Bargeld. Das zumindest sagen sie immer wieder. Vor allem in Umfragen. Hält man ihnen ein Mikro unter die Nase, verteidigen sie Münzen und Scheine regelmäßig wie andere Menschen ihr überteuertes Handy, das genau so viel kann wie ein billiges. Dann bedeutet Bargeld plötzlich Freiheit und Anonymität. Und überhaupt: „Nur Bares ist Wahres.“ An der Supermarktkasse sieht diese große Liebe allerdings gänzlich anders aus. Da wird das Handy gezückt, die Smartwatch ans Gerät gehalten oder die Karte einmal gelangweilt ans Bezahlterminal gedrückt. Pieps. Bezahlt. Nächster bitte.

Bargeld verliert an Bedeutung

Die Zahlen dazu sind ziemlich eindeutig. Aktuelle Studien des Kölner Handelsforschungsinstituts EHI zeigen: Ja, Bargeld ist bei der Anzahl der Einkäufe noch knapp vorne. Rund 50 Prozent der Zahlungen an Ladenkassen laufen noch mit Scheinen und Münzen. Aber eben nur noch knapp. Vor einem Jahr waren es noch deutlich mehr. Der Abstand zur Kartenzahlung schrumpft schneller als das Geld auf dem Konto nach dem Gehaltseingang.

Und beim Umsatz ist die Sache ohnehin längst entschieden. Fast zwei Drittel des Geldes im Einzelhandel werden inzwischen per Karte ausgegeben. Bargeld kommt nur noch auf gut 32 Prozent. Besonders beliebt: Girocard, Visa, Mastercard – und natürlich das Handy. Mittlerweile wird schon jede fünfte unbare Zahlung mit Smartphone oder Smartwatch erledigt. Das Portemonnaie entwickelt sich langsam zu einem nostalgischen Accessoire.

Und jetzt? Ist das schlimm?

Wahrscheinlich nicht so sehr, wie manche tun. Denn das Bargeld wird ja nicht von einer finsteren Elite heimlich nachts abgeschafft. Wir schaffen es selbst ab. Aus purer Bequemlichkeit. Wer hat heute noch Lust, im Regen zum Geldautomaten zu rennen, nur um dann festzustellen, dass das Gerät mal wieder „vorübergehend außer Betrieb“ ist oder es abmontiert wurde, weil es nur von Automatensprengern genutzt wurde? Und weil kontaktlos zahlen schneller ist. Weil niemand Lust hat, mit 37 Cent Kupfergeld an der Kasse zu hantieren, während hinter einem schon jemand hörbar ausatmet.

Bargeld im Supermarkt: EU ändert einfach die Regeln

Kartenzahlung hat offensichtliche Vorteile: schnell, praktisch, hygienisch, oft sogar sicherer. Wer seine Karte verliert, sperrt sie binnen Sekunden im Online-Banking auf dem Handy. Verliert man sein Bargeld, ist es in der Regel zwar nicht weg, aber eben woanders. Dazu kommt: Digitale Zahlungen machen den Alltag einfacher. Kein Kleingeld, kein Abheben, kein „Haben Sie es vielleicht passend?“. Und auf Letzteres bestehen sogar oft Läden, die keine Kartenzahlung akzeptieren.

Natürlich gibt es auch Nachteile. Jede Kartenzahlung hinterlässt Daten. Banken und Zahlungsdienstleister wissen ziemlich genau, wann wir wo wie viel Geld ausgeben. Ja, vielleicht weiß die Bank, PayPal oder Lidl Pay, dass wir uns an einem Dienstagabend ein Sixpack Bier und eine billige Tiefkühlpizza gönnen. Und ja, man macht sich abhängig von Technik. Fällt das System aus, stehen plötzlich Menschen ratlos vor dem Bäcker, obwohl sie theoretisch reich genug für drei Brötchen wären. Aber ehrlicherweise muss man sagen, dass eine Registrierkasse heutzutage auch nicht mehr aufgeht, sobald der Strom ausfällt.

Die Zukunft ist bargeldlos

Und dann wären da noch die deutschen Banken. Manche Sparkassen verlangen tatsächlich Gebühren dafür, wenn man im Supermarkt mit dem Handy bezahlt. Nicht selten sind es 60 Cent. So wird aus der Billig-Pizza schnell überteuertes Fastfood. Trotzdem wird die Entwicklung weitergehen. In fünf oder zehn Jahren dürfte Bargeld im Alltag eher Ausnahme als Regel sein. Vielleicht zahlt man dann noch auf Flohmärkten bar oder steckt dem Pizzaboten einen zerknitterten Zwanziger zu. Der Rest läuft digital.

Bargeld anonym? Wie wir überwacht und verfolgt werden

Was verlieren wir also wirklich, wenn das Bargeld irgendwann ganz weg ist? Vielleicht das Gefühl für den Wert der Dinge, wenn aus dem haptischen Erlebnis des Bezahlens nur noch ein virtuelles Wischen wird. Vielleicht auch die Anonymität. Aber sind wir ehrlich: Es ist uns egal. Wir schreien zwar laut auf, wenn die „Abschaffung des Bargelds“ droht, aber im nächsten Moment zücken wir ganz selbstverständlich die Girocard oder das Smartphone, weil es eben so schön einfach ist. Die Zukunft ist bargeldlos und wir alle wollen es so.

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