Günstiger Strom aus der Nachbarschaft: Das steckt hinter Energy Sharing

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Solarstrom gibt es immer häufiger im Überfluss – doch bisher verpufft er oft ungenutzt. Ein neues Gesetz soll das ändern und Strom aus der Nachbarschaft möglich machen. Was Energy Sharing wirklich bedeutet, zeigt sich jetzt.
Günstiger Strom aus der Nachbarschaft - Das steckt hinter Energy Sharing

Günstiger Strom aus der Nachbarschaft - Das steckt hinter Energy Sharing

Vielleicht hast du es selbst schon erlebt: Mittags scheint die Sonne, deine Solaranlage läuft auf Hochtouren und trotzdem bekommst du für den überschüssigen Strom kaum etwas. Genau hier soll das Konzept Energy Sharing ansetzen. Die Idee klingt simpel, birgt jedoch ungenutztes Potenzial: Strom soll künftig dort genutzt werden, wo er entsteht – direkt in der Nachbarschaft. Das könnte nicht nur deine Stromrechnung verändern, sondern auch das gesamte Energiesystem ein gutes Stück flexibler machen.

Warum Energy Sharing überhaupt nötig ist

Deutschland produziert so viel Solarstrom wie kaum ein anderes Land in Europa. Allein im Jahr 2025 stammten rund 31 Prozent des gesamten EU-Solarstroms aus Deutschland. Gleichzeitig landet ein großer Teil des Stroms aus privaten Anlagen entweder zu Niedrigpreisen an der Börse oder wird gar abgeregelt. Für dich als Betreiber fühlt sich das an, als würdest du Äpfel ernten und sie dann wegwerfen. Das ist weder sinnvoll noch nachhaltig.

Energy Sharing soll genau dieses Problem lösen. Statt überschüssigen Strom ins große Netz zu drücken oder gar abzuregeln, soll er lokal genutzt werden. Laut einer Studie der Deutschen Energie-Agentur könnte dieses Prinzip – je nach Ausgestaltung – bis zu 73 Prozent des deutschen Strombedarfs abdecken. Damit ist das kein Nischenkonzept, sondern ein potenzieller Gamechanger für die Energiewende. Doch bisher ist das in Deutschland realistisch kaum umsetzbar. Denn wer mit Energie beliefert, gilt als Energieversorger – inklusive aller damit verbundenen Pflichten. Dazu gehören auch eine Versorgungsgarantie sowie eine Bilanzierungspflicht, die das Konzept für Privatpersonen kaum unattraktiver machen könnte.

Was sich ab 2026 konkret ändern soll

Der Hintergrund ist eine EU-Richtlinie, die alle Mitgliedstaaten verpflichtet, Energy Sharing zu ermöglichen. Spätestens ab Juli 2026 soll das Prinzip auch in Deutschland gelten. Dafür arbeitet der Bundestag aktuell an einer Reform des Energiewirtschaftsgesetzes. Künftig dürfen Privatpersonen, kleine Unternehmen und Kommunen sogenannte Energiegemeinschaften gründen. Dort kannst du überschüssigen Solarstrom direkt an Nachbarn oder Mitglieder der Gemeinschaft weitergeben. Der Preis wird gemeinsam festgelegt – unabhängig von großen Energieversorgern. Wichtig: Wer teilnimmt, darf selbst kein Unternehmen aus dem Energiesektor betreiben.

Was das für dich als Verbraucher bedeutet

Für dich als Stromkunde kann Energy Sharing gleich mehrere Vorteile bringen. Strom aus der Nachbarschaft ist meist günstiger, weil Netzentgelte und Zwischenhändler wegfallen. Gleichzeitig bleibt die Versorgung sicher: Reicht der lokale Solarstrom nicht aus, springt weiterhin der klassische Stromversorger ein.

Besonders spannend ist das Modell für Haushalte ohne eigene Solaranlage. Du kannst von günstigem Solarstrom profitieren, ohne selbst investieren zu müssen. Für Betreiber wiederum wird die eigene Anlage attraktiver, weil sich Überschüsse besser vermarkten lassen. In Pilotprojekten wie in der Kommune Bakum sparen einzelne Haushalte bereits heute mehrere hundert Euro im Monat.

Energy Sharing – so soll Strom günstig aus der Nachbarschaft möglich werden

Blick ins Ausland: Warum andere Länder weiter sind

Ein Blick nach Italien und Österreich zeigt längst, dass Energy Sharing funktionieren kann. Dort sind Energiegemeinschaften längst Realität und werden teilweise sogar staatlich gefördert. Deutschland plant zunächst ohne solche Zuschüsse – genau das sorgt für Kritik. Der Bundesrat und Energieexperten warnen, dass Energy Sharing ohne finanzielle Anreize ein Projekt für Idealisten bleiben könnte. Auch Forschende fordern klarere Regeln und langfristige Planungssicherheit, damit sich Investitionen lohnen.

Warum Energy Sharing mehr ist als nur billiger Strom

Energy Sharing geht über den Preis hinaus. Es macht dich unabhängiger von internationalen Energiekrisen und großen Konzernen. Gleichzeitig entlastet es die Stromnetze, weil Energie dort verbraucht wird, wo sie entsteht. Die Energieökonomin Claudia Kemfert vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung sieht darin einen notwendigen Schritt für eine digitale und effiziente Stromversorgung. Noch ist nicht alles geklärt. Doch klar ist: Wenn Energy Sharing richtig umgesetzt wird, könnte günstiger Strom aus der Nachbarschaft bald so normal werden wie der Paketbote von nebenan.

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