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Frühstartrente: Wer diese Frist verpasst, verliert das gesamte Geld an den Staat

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Zehn Euro im Monat für jedes Kind: Die neue Frühstartrente klingt nach einem großzügigen Geschenk. Doch wer die Regeln nicht kennt, kann Geld verlieren. Und auch bei den versprochenen 53.000 Euro lohnt sich ein genauer Blick.
Frühstartrente: Wer diese Frist verpasst, verliert das gesamte Geld an den Staat
Frühstartrente: Wer diese Frist verpasst, verliert das gesamte Geld an den StaatBildquelle: wal_ 172619 / Pexels

Zehn Euro. Das ist ungefähr ein Frühstück beim Bäcker. Ab 2027 ist es auch die staatliche Altersvorsorge für jedes Kind ab Jahrgang 2020. Der Bundestag hat die Frühstartrente am Freitag beschlossen, und die Koalition war von sich selbst so gerührt, dass ihre Redner von einer historischen Entscheidung sprachen. Die Koalition liefert, sagt die Koalition. Ob das Geschenk hält, was es verspricht, steht allerdings auf einem anderen Blatt.

Frühstartrente: Früh starten, bis zur Rente warten

Finanzminister Lars Klingbeil nennt das Projekt ein „digitales Familiensparbuch“. Ein hübsches Wort für etwas, das sich erst mit 65 öffnen lässt. Ein Sparbuch ist das nicht. Eher ein Sparschwein mit Zeitschloss: Das Kind darf zusehen, wie es schwerer wird, den Hammer bekommt es zur Rente. Für den Jahrgang 2020 ist das frühestens 2085.

Bis dahin soll das Schwein ordentlich zulegen. 53.000 Euro könnten allein aus der staatlichen Förderung werden, hat Klingbeil vorgerechnet. Eine stolze Summe für 1.440 Euro, die der Staat über zwölf Jahre verteilt einzahlt. inside digital hat nachgerechnet. Damit daraus bis zum 65. Geburtstag tatsächlich 53.000 Euro werden, muss das Depot im Schnitt rund sieben Prozent Rendite im Jahr erwirtschaften, nach Kosten. Und zwar über Jahrzehnte. Bei zwei Prozent Inflation bleiben von den 53.000 Euro in heutiger Kaufkraft rund 16.600 Euro. Wer mit fünf Prozent Rendite rechnet, landet nominal bei ungefähr 19.000 Euro. In heutiger Kaufkraft sind das nur noch rund 6.000 Euro.

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Historisch ist an dieser Rechnung also vor allem die Zuversicht. Eine Rendite von sieben Prozent ist an den Aktienmärkten nicht aus der Luft gegriffen. Garantiert ist sie trotzdem nicht. Und zwischen einer langfristigen Durchschnittsrendite und einem staatlichen Versprechen liegt ein Unterschied, der sich nicht mit einem Sparschwein überbrücken lässt.

Zehn Euro gibt es nicht für jedes Kind

Die Frühstartrente soll zum 1. Januar 2027 in Kraft treten, sofern der Bundesrat zustimmt. Die staatliche Förderung beginnt allerdings rückwirkend für Kinder des Jahrgangs 2020: Vom Monat des sechsten Geburtstags an fließen zehn Euro monatlich in ein Altersvorsorgedepot. Ein Kind, das erst im Dezember 2020 geboren wurde, bekommt für das Jahr 2026 also genau zehn Euro. Ab 2027 kommt jedes Jahr der nächste Jahrgang hinzu.

→ Altersvorsorgedepot startet am 1. Januar: Wer diesen Fehler macht, verliert die gesamte Förderung

Wer 2019 oder früher geboren ist, geht leer aus. Nicht einen Euro gibt es für Kinder, die bis zur Volljährigkeit noch Jahre vor sich haben. In einer Familie mit zwei Kindern kann das bedeuten, dass das jüngere Geschwisterkind staatlich gefördert wird, das ältere dagegen nicht. Die Grünen hatten den Ausschluss kritisiert. Der Bundestag hat ihn trotzdem beschlossen.

Der Grünen-Abgeordnete Stefan Schmidt sprach von einer „Elternlotterie“. Das ist geschmeichelt. In einer Lotterie hat jedes Los dieselbe Chance. Hier steht vorher fest, wer überhaupt teilnehmen darf. Der Diesel hat in dieser Koalition offenbar die bessere Lobby als der Grundschüler. Die Grünen verwiesen darauf, dass für den Tankrabatt 2,5 Milliarden Euro bereitstanden. Für die älteren Kinder fand sich keine entsprechende Förderung.

Wer viel hat, bekommt viel

Eltern, Großeltern und andere Angehörige können zusätzlich einzahlen, insgesamt bis zu 6.840 Euro im Jahr. Das ist fast das 57-Fache der jährlichen Staatsprämie. Das Geld bleibt bis zur Rente gebunden, die Erträge sind während der Ansparphase steuerfrei.

Auf dem Papier klingt das nach einer Chance für alle. In der Praxis dürfte es einen erheblichen Unterschied machen, ob die Großeltern ein paar Hundert Euro im Jahr übrig haben oder ob am Monatsende schon die nächste Stromrechnung zur Herausforderung wird.

Das Kind aus der Zahnarztfamilie bekommt ein Depot mit Turbolader. Das Kind der Kassiererin bekommt zehn Euro und gute Wünsche. Beide dürfen sich auf die gleiche staatliche Förderung freuen, aber nur eines hat eine realistische Chance, aus ihr ein stattliches Vermögen zu machen.

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Die Frühstartrente soll früh mit dem Sparen vertraut machen. Sie zeigt allerdings auch früh, wie stark Vermögen davon abhängt, ob eine Familie zusätzlich Geld übrig hat. Der Staat legt zehn Euro dazu. Den entscheidenden Unterschied müssen andere finanzieren.

Die Finanzbranche hat ihre eigenen Pläne

Wer an der Frühstartrente mitverdienen kann, hat der Finanzausschuss kurz vor der Abstimmung geklärt. Auf die staatlichen zehn Euro und deren Erträge dürfen Anbieter keine Abschluss- und Vertriebskosten erheben. Bei den privaten Zuzahlungen sind solche Kosten dagegen erlaubt. Genau das hatten die Vermittlerverbände gefordert.

Der AfW, der Bundesverband Finanzdienstleistung, begrüßte die Entscheidung. Beratung sei schließlich nicht „zum Nulltarif“ zu haben. Man muss sich diesen Satz auf der Zunge zergehen lassen: Die soziale Marktwirtschaft gerät ins Wanken, wenn ein Sechsjähriger keine Abschlussprovision zahlt.

→ Die Spar-Lüge: Warum fast 6,5 Millionen Deutsche am Monatsende nichts übrig haben

Die laufenden Kosten der zertifizierten Verträge sind auf ein Prozent des angesparten Vermögens pro Jahr gedeckelt. Das klingt überschaubar, summiert sich über Jahrzehnte aber ebenfalls. Und wer zusätzlich Geld einzahlt, sollte genau hinschauen, welche Gebühren dafür anfallen.

Das Geschäftsmodell liegt damit offen auf dem Tisch. Der Staat füttert an, die Branche wirft die Angel aus. Die zehn Euro sind der Köder, gefangen werden soll das Geld der Großeltern.

Sparkasse rechnet mit fast 1 Million Euro

Wie das Werben aussehen kann, zeigt eine Ratgeberseite der Sparkassen. Dort werden aus zehn Euro staatlicher Förderung und 25 Euro monatlicher Einzahlung der Eltern bis zum 67. Geburtstag rund 957.000 Euro. Gerechnet wird mit 8,7 Prozent Rendite pro Jahr, dem Durchschnitt des Dax über die vergangenen zehn Jahre. Die Inflation bleibt ausdrücklich außen vor.

Ein paar Absätze weiter folgt eine Schritt-für-Schritt-Anleitung zum Junior-Depot. Das ist ein gewöhnliches Kinderdepot, das die staatliche Frühstartrente gar nicht bekommt. Wer den Unterschied überliest, könnte am Ende einen Vertrag abschließen, der für die versprochene Förderung nicht infrage kommt.

Das ist kein besonders hilfreicher Ratgeber. Es ist vor allem Werbung für die Idee, möglichst früh möglichst viel Geld anzulegen. Die Rechnung mit fast einer Million Euro macht sich dabei deutlich besser als der Hinweis, dass die tatsächliche Rendite offen ist und Gebühren einen Teil der Erträge auffressen können.

Das Kinderdepot von der Hausbank reicht nicht

Wer die zehn Euro vom Staat bekommen will, braucht einen zertifizierten Altersvorsorgevertrag. Ein Junior-Depot, wie es viele Familien längst besitzen, genügt nicht. Auch ein Vertrag, den Eltern jetzt vorsorglich eröffnen, erhält nicht automatisch die Förderung.

Eine Beratung ist für den Abschluss nicht vorgeschrieben. Die Verträge sollen online abgeschlossen werden können. Wann die ersten zertifizierten Angebote tatsächlich verfügbar sind, ist allerdings noch offen. Solange die gesetzlichen Voraussetzungen nicht erfüllt sind und die Anbieter ihre Produkte nicht bereitstellen, lässt sich die Förderung nicht einfach beantragen.

→ Sie tun alles, was man ihnen geraten hat. Es reicht trotzdem nicht

Wer für Führerschein, Studium oder die erste Wohnung spart, braucht ohnehin eine andere Lösung. Das Geld in der Frühstartrente ist grundsätzlich bis zum vollendeten 65. Lebensjahr gesperrt. Mit 18 endet lediglich die staatliche Einzahlung. Das Kind kann dann selbst weiter sparen, kommt aber nicht an das angesparte Kapital, nur weil es gerade eine Ausbildung beginnen oder ausziehen möchte.

Die Frühstartrente ist damit kein Startkapital für junge Erwachsene. Sie ist Altersvorsorge. Das sollte man wissen, bevor man sich von den zehn Euro im Monat zu großen Erwartungen verleiten lässt.

Wer sich nicht kümmert, kann das Geld verlieren

Für Familien, die keinen eigenen Vertrag eröffnen, hat der Staat eine Auffanglösung vorgesehen. Das Geld wandert in eine kollektive Anlage, die von der Bundesbank verwaltet wird. Das dafür nötige Sondervermögen entsteht allerdings erst zum 1. Januar 2028. Bis dahin aufgelaufene Beträge werden später eingebracht, liegen zunächst aber nicht am Aktienmarkt. Anschließend soll das Geld ausschließlich in breit gestreute weltweite Aktien oder Aktienfonds fließen. Eine Garantie gegen Kursverluste gibt es nicht.

Das ist grundsätzlich sinnvoll. Auch Kinder, deren Eltern sich nicht mit Fonds und Vertragsbedingungen beschäftigen können oder wollen, sollen nicht sofort leer ausgehen. Nur hat die Auffanglösung einen Haken, der sich erst Jahre später zeigt.

→ Kindergeld: Das ändert sich ab 2027

Mit 18 wird das Geld nicht automatisch in einen eigenen Altersvorsorgevertrag übertragen. Das Kind muss selbst aktiv werden. Spätestens bis zum Ende des Jahres, in dem sein Jahrgang 35 wird, muss es das Guthaben in einen eigenen Vertrag überführen. Andernfalls fließt das Geld zurück in den Bundeshaushalt. Die Betroffenen sollen vorher informiert werden, sofern sie ausfindig gemacht werden können.

Ausgerechnet Kinder, deren Eltern sich nicht um einen Vertrag kümmern konnten, sollen sich also später selbst um ihre Altersvorsorge kümmern. Wer die Frist verpasst, verliert den Anspruch auf das angesparte Guthaben. Chancengleichheit mit Verfallsdatum.

Abgerechnet wird 2085

Die Frühstartrente hat durchaus einen vernünftigen Kern: Wer früh investiert, kann über Jahrzehnte vom Zinseszinseffekt profitieren. Und zehn Euro vom Staat sind besser als null Euro. Doch die politische Erfolgserzählung verdeckt, wie begrenzt die Grundförderung ist, wie stark zusätzliche Einzahlungen die Ergebnisse beeinflussen und wie viele Bedingungen an das vermeintliche Geschenk geknüpft sind.

Die 53.000 Euro sind eine Modellrechnung, keine Zusage. Die fast eine Million Euro aus der Werbung sind ebenfalls kein Versprechen, das der Staat einlösen müsste. Und für Kinder, die vor 2020 geboren wurden, bleibt die staatliche Förderung ganz aus.

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