Denn es gibt ein ganz konkretes Datum, an dem genau das passieren könnte: den 1. April 2027. An diesem Tag laufen die sogenannten Sondernutzungsgenehmigungen aus, die E-Scooter-Verleiher wie Bolt, Lime und Voi brauchen, um ihre Roller auf Straßen aufstellen zu dürfen. Und es gibt eine Gruppe, die bereits jetzt lautstark auffordert, diese Genehmigungen einfach nicht zu verlängern.
Fußgänger gegen Roller: Ein Streit, der eskaliert
Umgefallener Roller auf dem Bürgersteig, Stolperfallen für Blinde, Chaos vor dem Supermarkteingang. Jeder hat diese Bilder vor Augen. Dementsprechend unbeliebt ist das Gefährt in breiten Teilen der Gesellschaft. Der Fachverband Fußverkehr Deutschland, kurz Fuss e.V. fordert, dass die Sondernutzungsgenehmigungen, die zum 31. März 2027 auslaufen, nicht verlängert werden.
Berlin solle dem Pariser Beispiel folgen. Verbandssprecher Roland Stimpel bringt das Argument auf den Punkt: Auf Beinen werden in Berlin 342-mal mehr komplette Wege zurückgelegt als mit E-Scootern. Die Roller machen im Stadtverkehr gerade einmal 0,1 Prozent aller Wege aus. Im Schnitt steht jeder Leih-Scooter täglich 1.429 Minuten nutzlos herum und wird nur 11 Minuten tatsächlich gefahren.
Argumente gegen E-Scooter
Besonders für Menschen mit eingeschränkter Mobilität, Blinde und Sehbehinderte sind falsch abgestellte Roller eine ernste Gefahr. Hinzu kommen die nackten Unfallzahlen: Im Jahr 2025 stieg die Zahl der Unfälle mit Elektrokleinstfahrzeugen in Berlin um 27 Prozent auf 1.378 Fälle. 871 Menschen wurden dabei leicht verletzt. Somit 41 Prozent mehr als im Jahr zuvor.
Die Mindestforderung des Fußgängerverbands lautet deshalb: Miet-E-Scooter dürfen künftig nur noch an fest markierten Stationen abgestellt werden, und insgesamt darf es nicht mehr Roller geben, als diese Stationen fassen können. Das würde bedeuten: Von den rund 40.000 Miet-Scootern in Berlin bliebe nur ein Bruchteil übrig. Andere europäische Großstädte wie Paris, Madrid, Prag und Kopenhagen haben die Vermietung bereits beendet.
Auf der anderen Seite steht die Sharing-Industrie. Der Branchenverband Plattform Shared Mobility verweist auf stark gestiegene Nutzungszahlen: Seit 2021 hat sich die Zahl der Fahrten deutschlandweit mehr als verdoppelt, von 46,7 Millionen auf 117 Millionen. Und die Verfechter der Elektromobilität argumentieren, dass E-Scooter ein wichtiges Werkzeug der Verkehrswende seien. Da es sich um günstige, emissionsfreie Alternativen zum Auto für kurze Strecken handelt.
So plant der Berliner Senat
Berlins Verkehrssenatorin Ute Bonde arbeitet an einer sogenannten Sharing-Strategie, die Ordnung in das Freefloating-Chaos bringen soll. Freefloating bedeutet, dass E-Scooter überall im Stadtgebiet abgestellt und ausgeliehen werden können. Und ohne feste Station. Genau das will der Senat künftig abschaffen. Geplant ist ein sogenannter Hub-only-Ansatz: Mietvorgänge können dann nur noch an Stationen beginnen und enden.
Die Zahl baulicher Mobilitätsstationen soll dafür von heute 500 auf bis zu 3.000 wachsen. Zusätzlich entstehen sogenannte virtuelle Stationen, also per App auffindbare Abstellzonen ohne physische Markierung. In Außenbezirken Berlins wie Frohnau und Hermsdorf gibt es solche virtuelle Stationen bereits, eingerichtet für die Anbieter Bolt und Lime. Doch der Fußgängerverband sieht darin ein großes Problem: Die Zonen sind ungenau abgegrenzt und Gehwege an den Standorten oft viel zu schmal. Zudem führen die Abstellorte nach Ansicht von Fuss e.V. dazu, dass Nutzer auf Bürgersteigen fahren, weil das Pflaster zu grob ist.
Was Kritiker besonders aufhorchen lässt: Laut einer Präsentation der Senatsverwaltung soll das geplante Stationsnetz erst bis 2035 vollständig eingerichtet sein. Das klingt wenig nach entschlossenem Handeln vor dem Ablauf der Genehmigungen im März 2027. Und der Finanzmangel macht die Sache noch schwieriger: Der Berliner Mobilitätsausschuss kürzte die von Bonde beantragten jährlichen vier Millionen Euro für die Umsetzung der Strategie auf symbolische tausend Euro zusammen.
