Deine Retoure – und was wirklich damit passiert

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Retouren sind im Onlinehandel Alltag. Gerade bei Mode bestellen viele Kunden mehrere Größen, probieren zu Hause an und schicken einen Teil wieder zurück. Für Käufer ist das bequem und rechtlich abgesichert. Was danach mit den Produkten passiert, bleibt aber oft unsichtbar.
Pakete in einer DHL Zustellbasis
Deine Retoure – und was wirklich damit passiertBildquelle: Andreas Oertzen / DHL Group

Ernst Lameyer ist Gründer der S.O.R. Save Our Returns GmbH. Mit seinem Unternehmen treibt er ein Zertifizierungssystem für nachhaltiges Retourenmanagement im Onlinehandel voran. Ziel ist es, Händler zu transparenteren Prozessen zu bewegen, Retouren möglichst zu vermeiden und zurückgesandte Ware nicht vorschnell zu entsorgen. Stattdessen soll Ware geprüft, wiederverwertet und wenn möglich erneut verkauft werden. Ein zentrales Element ist dabei das Save Our Returns Siegel, das laut Unternehmen durch unabhängige Auditoren der DEKRA geprüft wird und für nachvollziehbare Standards im Umgang mit Retouren stehen soll. Das Ganze hat einen gesetzlichen Hintergrund: Ab Sommer dürfen Retouren nicht mehr vernichtet werden. Doch was ändert sich dadurch? Wir haben Lameyer dazu befragt.

Was ändert sich dieses Jahr bei den Retouren?

inside digital: Retouren gehören für viele beim Onlinekauf längst ganz selbstverständlich dazu. Mehrere Größen bestellen, zu Hause auswählen, den Rest zurückschicken – gerade bei Mode ist das fast schon normal. Sie sagen aber: Genau dieses System hat ein Problem. Was läuft aus Ihrer Sicht beim Umgang mit Retouren im Onlinehandel heute falsch, und was wollen Sie mit Save Our Returns konkret besser machen?

Ernst Lameyer: Mehrere Größen und Farben zu bestellen ist ganz normal. Dafür wurde die Widerrufsbelehrung vor vielen Jahren in Deutschland und seit einigen Jahren in der EU eingeführt und ist geltendes Verbraucherrecht. Das Problem ist, dass von den zurückgesandten Artikeln jedes Jahr allein in Deutschland, hochgerechnet durch die Universität Bamberg, ca. 25 Millionen Artikel einfach entsorgt werden. Diese Entsorgung wird durch die EU mit der Ökodesign-Verordnung ab Juli 2026 eingeschränkt: Entweder wird sie verboten oder Unternehmen müssen die Gründe sowie das Gewicht der Artikel auf der Website oder im CSR-Bericht nennen.

inside digital: Die meisten Kunden denken vermutlich: Paket zurückgeschickt, Ware geprüft, wieder ins Regal. So einfach ist es in der Praxis aber oft nicht. Was passiert mit einer Retoure tatsächlich, nachdem sie beim Händler angekommen ist – und wie häufig gelingt wirklich der Weg zurück in den Verkauf, statt dass Ware am Ende doch aussortiert, abgeschrieben oder vernichtet wird? Und: Was ändert sich durch das neue Retourengesetz im Sommer wirklich?

Ernst Lameyer: Der größte Teil der Retouren geht tatsächlich wieder als A-Ware ins Regal zurück. Doch wenn eine Öffnung der Verpackung vorliegt, muss der Artikel geprüft werden. Das ist ein komplett anderer und aufwendiger Prozess. Doch Entsorgen ist ja keine Alternative mehr. Außerdem werden bei entsorgten Artikeln auch mögliche Umsätze mit günstigeren Artikeln bisher vernichtet.

Der Retouren-Boom und seine versteckten Folgen

inside digital: Welche Rollen spielen die ominösen Secret Packs in diesem Zusammenhang und handelt es sich hier überhaupt um eine relevante Retourenmenge, die Händler auf diesem Weg günstig entsorgen?

Ernst Lameyer: Das wirkt leider ein wenig wie Zirkus. Diese Artikel stammen meistens aus Retouren großer Plattformen. Für ein Markenartikelunternehmen wäre dieser Weg ein Albtraum. Der beste Weg wäre, die Waren direkt im eigenen Shop zu vermarkten. Apple macht das seit „immer“: geprüfte und bestätigte Artikel mit voller Gewährleistung und Garantie. Der E-Commerce-Markt in Deutschland hat 2025 ca. 3 Prozent Wachstum generiert. Allein der Marktführer Amazon wuchs zweistellig. Welche Chancen bleiben da für die Hersteller und Händler? Re-Commerce wuchs 2025 bereits um 21 Prozent, so der bevh.

Ernst Lameyer steht im Büro
Ernst Lameyer Image source: Save Our Returns

inside digital: Viele Shops werben mit Nachhaltigkeit, Transparenz und Verantwortung. Für Verbraucher ist aber oft schwer zu erkennen, was davon echte Veränderung ist und was nur gut klingt. Was sagt Ihr Siegel einem Kunden ganz konkret – und woran kann er bei einem zertifizierten Händler tatsächlich erkennen, dass Retouren dort anders und besser behandelt werden?

Ernst Lameyer: Im Herbst 2026 greift auch die EmpCo der EU. Hier werden das Werben mit umweltbezogenen Vorteilen oder deren Darstellung nur erlaubt, wenn diese Argumente durch einen externen Dritten – bei Save Our Returns die DEKRA – unabhängig bestätigt werden. Das Siegel Save Our Returns wird dem Endverbraucher deutlich vermitteln, dass mit Retouren verantwortlich umgegangen wird und keine Waren ohne gravierenden Grund (Beschädigung und/oder Markenpiraterie) vernichtet werden. Die EU-Verordnung wird viele dazu aufrufen, diese Gesetze in der Umsetzung zu überprüfen. Mit Save Our Returns geht das vorbeugend und positiv.

inside digital: Amazon ist für viele in Deutschland der erste Anlaufpunkt beim Onlinekauf und prägt damit auch, was Kunden als normal ansehen. Wenn ein großer Händler oder Marktplatz beim Thema Retouren wirklich transparenter und nachhaltiger werden wollte: Welche drei Dinge müssten sich aus Ihrer Sicht sofort ändern, damit Kunden besser verstehen, was mit ihrer Rücksendung passiert?

Ernst Lameyer: Prozesse! Wenn der ernsthafte Wille dieser Marktteilnehmer da ist, wäre es für die ganze Branche ein großer Vorteil, wenn alle mit Transparenz arbeiten können. Es wäre ein wichtiger Schritt dieser Marktführer.

Appell an Online-Kunden

inside digital: Am Ende tragen auch Verbraucher ihren Teil dazu bei, wie viele Retouren überhaupt entstehen. Gleichzeitig will niemand auf falscher Ware sitzen bleiben oder beim Onlinekauf ein Risiko eingehen. Was raten Sie Kunden ganz konkret, damit sie Rücksendungen vermeiden können – bei Mode ebenso wie bei Technik – ohne auf faire Bedingungen und ihr Rückgaberecht zu verzichten?

Ernst Lameyer: Grundsätzlich: Liebe Kunden, bitte behandeln Sie die Ihnen zugesandte Ware, als wären Sie in einer Umkleidekabine im Einzelhandel. Verpacken Sie die Artikel für die Rücksendung wieder komplett und möglichst in der Originalverpackung. Geben Sie den Herstellern oder Händlern ein detailliertes Feedback, damit hier gelernt werden kann. Kaufen Sie bei Händlern und Herstellern, die Ihnen glaubhaft versprechen, keine neuwertige Ware aus Retouren zu entsorgen. Der Berg von jährlich 25 Millionen Artikeln, die entsorgt werden, muss sich deutlich verkleinern.

Transparenzhinweis: Das Interview wurde in Schriftform geführt.

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