Stell dir vor, du erledigst deinen Wocheneinkauf und möchtest zum Abschluss noch einen Geschenkgutschein für Amazon oder Netflix mitnehmen. Doch statt des vertrauten Piepens des Scanners erwartet dich ein misstrauischer Blick und die Frage nach deinem Zahlungsmittel. Genau das erleben derzeit viele Menschen in Filialen von Edeka, Lidl oder NP. Der Grund ist die Einführung der Bezahlkarte für Asylbewerber:innen. Oder präziser: Der Grund ist nicht die Einführung dieser Karte, sondern die Art, wie sie genutzt wird.
Gutschein als Ersatzwährung
Die politische Strategie klingt erst einmal durchaus nach Effizienz: Weniger Verwaltungsaufwand und die Prävention von Geldflüssen an Schlepper. Technisch betrachtet ist die Bezahlkarte eine Debitkarte ohne Kontobindung. In der Lebensrealität ist sie jedoch eine digitale Fessel. Man kann nicht online einkaufen, keine Überweisungen tätigen und meist nur mickrige 50 Euro Bargeld im Monat abheben.
Diese Isolation verschärft sich durch technologische Barrieren: Ohne echtes Bankkonto oder Online-Zahlfunktion darfst du keine Smartphone- oder Internetverträge abschließen. Ohne Bargeld bricht zudem die soziale Teilhabe weg: Kein Eis auf dem Straßenfest, kein Flohmarktkauf, kein Kopiergeld für die Schule. Not macht aber bekanntlich erfinderisch, und so hat man sich diesbezüglich eine Strategie zurechtgelegt: Solidaritätsbündnisse in Städten wie Weimar oder Greiz haben einen Gutschein-Tausch gestartet. Das läuft wie folgt: Geflüchtete kaufen im Supermarkt mit ihrer Karte Warengutscheine und tauschen diese bei Initiativen eins zu eins gegen Bargeld ein. Es ist gemeint als ein Akt der Menschlichkeit, der den Betroffenen ihre Autonomie zurückgibt.
Dieser Tausch ist rechtlich völlig sauber. Selbst Thüringens Ministerin für Justiz, Migration und Verbraucherschutz, Beate Meißner, bestätigt, dass das Vorgehen legal ist. Dennoch wird das Thema moralisch instrumentalisiert. Während die Ministerin den Tausch absegnet, stellen sich immer mehr Filialen quer und erfinden ihre eigenen Gesetze – eine Eskalation, die dich direkt am Kassenband trifft.
Racial Profiling im Supermarkt: Wenn Aussehen entscheidet, wer was kaufen darf
Das Problem ist Folgendes: Die Bezahlkarten sind optisch kaum von gewöhnlichen Visa- oder Mastercards zu unterscheiden. Wie die taz berichtet, führt das in der Praxis zu einem höchst problematischen Vorgehen. Da das Kassenpersonal nicht auf den ersten Blick sieht, welche Karte vorliegt, entscheidet es oft nach dem äußeren Erscheinungsbild. In Hannover hingen beispielsweise handgeschriebene Zettel in Filialen, die den Gutscheinverkauf pauschal untersagten, wenn der Verdacht auf eine Bezahlkarte bestand. Die Mitarbeitenden werden so ungewollt zu Kontrolleuren, die entscheiden müssen: Sieht diese Person “fremd” genug aus, um eine Bezahlkarte zu besitzen?
Diese Praxis, auch Racial Profiling genannt, trifft dabei längst nicht nur die Zielgruppe. Die taz schildert den Fall einer Frau in einem NP-Markt, der der Kauf verweigert wurde, obwohl sie gar keine Geflüchtete war. Sie passte lediglich in das optische Raster der Angestellten. In einem anderen Fall wurde pauschal unterstellt, dass die Person “eh nur Alkohol” kaufen wolle. Einige Rewe-Märkte nahmen zwischenzeitlich die Gutscheinkarten komplett aus dem Sortiment. Solche Vorfälle zeigen deutlich, wie gefährlich es ist, wenn Supermärkte eigenmächtig Kontrollinstanzen aufbauen. Was als Maßnahme gegen Missbrauch deklariert wird, entwickelt sich schnell zu einer Form der Diskriminierung.
Die Juristin Lena Frerichs warnt, dass Verkaufsverbote für bestimmte Gruppen in Deutschland eine “krasse Geschichte” haben und historisch schwer belastet sind. Die Lücke im Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz (AGG), in dem der Aufenthaltsstatus bisher nicht als Diskriminierungsmerkmal geschützt ist, lässt die Betroffenen schutzlos zurück. Das vergiftet das gesellschaftliche Klima nachhaltig.
Fazit: Den Preis zahlt die Gesellschaft
Die Kombination aus Bezahlkarte und willkürlicher Supermarkt-Kontrolle ist ein absoluter Integrationskiller. Wenn Menschen aufgrund ihres Aussehens herabgewürdigt werden, zerstören wir das Fundament unseres Zusammenlebens.
Integration gelingt nicht durch Schikane und digitale Ausgrenzung. Wir müssen uns fragen, was uns die Menschenwürde an der Supermarktkasse wert ist. Ein System, das Diskriminierung zur Dienstanweisung macht, kostet uns am Ende viel mehr als Bargeld: Es kostet uns unseren gesellschaftlichen Zusammenhalt.
