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Tegut schließt alle Filialen: Was wir mit dem Supermarkt verlieren

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Tegut verschwindet aus Deutschland – und damit auch viele regionale Produkte in Bio-Qualität. Der Lebensmittelhandel büßt dadurch vor allem eins ein: Vielfalt. Sollten die Konkurrenten Edeka und Rewe die Märkte übernehmen, hätte das gleich verschiedenste negative Auswirkungen auf die Kunden.
Eine geschlossene Tegut-Filiale von außen
Tegut verschwindet aus Deutschland und damit auch die Vielfalt in der Lebensmittelbranche.Bildquelle: NShaked/Shutterstock.com

Tegut ist vor allem bekannt für seine breite Auswahl an Bio-Artikeln und regionalen Produkten. In diesen Sparten war der Supermarkt stets Vorreiter. Doch hat ihn in den vergangenen Jahren die Konkurrenz abgelöst. Vor allem Aldi und Lidl haben bei Bio nachgelegt und bieten ihre Produkte vergleichsweise billig an. Da kann Tegut nicht mithalten. Und da der Preis zuletzt aufgrund der vielen Konflikte und der Inflation ausschlaggebender war als die Qualität, hat der Supermarkt in Deutschland nur noch Miese gemacht. Darum hat sich die Schweizer Handelsgenossenschaft Migros Zürich dazu entschieden, sich komplett aus dem hiesigen Geschäft herauszuziehen und alle Tegut-Filialen zu schließen. Zwar sind die Verträge bereits unterschrieben und die Überprüfung des Bundeskartellamts für Deals mit Edeka und Rewe läuft. Doch ungeachtet des Ergebnisses wird die deutsche Lebensmittelbranche spürbar an Vielfalt einbüßen. Denn die Auswirkungen des Tegut-Aus sind weitreichender als gedacht: für die regionalen Zulieferer, die Kunden, für die gesamte Branche. Was wir mit dem Verschwinden von Tegut verlieren – ein Kommentar.

Nach Tegut-Aus droht Monopolisierung

Tegut verschwindet aus Deutschland und Migros will alle Filialen verkaufen. Edeka, Rewe und Aldi Nord haben bereits Interesse bekundet und beide Supermärkte auch schon Verträge unterzeichnet. Edeka will 200 der insgesamt knapp 350 Filialen übernehmen, Rewe weitere 40 (teils auch für Penny). Laut Medienberichten verhandelt Migros auch mit einer regionalen Kette, Tante Enso, die 36 Standorte kaufen will. Welche Filialen genau übernommen werden sollen, ist noch nicht bekannt. Doch wenn nun über 240 Filialen an zwei der großen Vier – Edeka, Rewe, Schwarz (Lidl, Kaufland) und Aldi – gehen, dann droht uns in Deutschland eine noch größere Monopolisierung, als wir sie ohnehin schon erleben. Denn die großen Vier halten bereits 85 Prozent des gesamten Marktes. Wo bleibt da der Wettbewerb, auf dem unsere Wirtschaft fußt? Kunden müssten dann weitere Wege auf sich nehmen, um alternative Angebote einzuholen und sich nicht in eine Abhängigkeit der großen Vier zu begeben. Vor allem für Menschen auf dem Land dürfte das schwierig werden.

Noch prüft das Kartellamt die Übernahme durch Rewe und Edeka. Experten gehen davon aus, dass sie nur unter strengen Auflagen gebilligt wird. Es könnte allerdings auch eine Absage erteilt werden. Dann drohen vermutlich Versorgungsengpässe auf dem Land und der Verlust von Arbeitsplätzen. Doch nicht weniger wichtig: Auch bei einer Übernahme verlieren wir. Wir verlieren die Vielfalt des Angebots im Supermarkt und wir verlieren Bio-Qualität und Regionalität im Regal. Hier hatte Aldi zuletzt schon ausgedünnt (mehr dazu >>hier).

Bio, regional, transparent: Das ist Tegut

Tegut ist vor allem in Hessen vertreten, aber auch in Bayern, Baden-Württemberg, Thüringen, Rheinland-Pfalz und Niedersachsen. Vor Ort bezieht der Supermarkt Produkte regionaler Erzeuger. Das sind teils alteingesessene Familienbetriebe, teils Start-up-eske Kleinbauern. Viele davon stellt Tegut auf seiner Webseite vor. Werden Edeka, Rewe oder Penny die Verträge mit ihnen auch nach der Übernahme weiterführen? Wenn nicht, wäre das wirklich ein großer Verlust für die Kundschaft. Nehmen wir mal als Beispiel die tegut… Bio-Eier aus Hessen. Die sind nicht nur aus ökologischer Erzeugung mit Güteklasse A, sondern kommen ausschließlich aus hessischen Betrieben mit Junghahn-Aufzucht. Laut Eigenaussage gehen die Erzeugerrichtlinien weit über die EU-Bio-Standards hinaus. Zudem sind hier die Siegel von Naturland und KAT drauf sowie ein Code für den Herkunftscheck. Im Vergleich checken die frischen Edeka Bio-Eier auch alle diese Kästchen, bis auf eines. Aus Deutschland kommen die Eier, ja, aber nicht so regional begrenzt wie bei Tegut.

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Ob Apfelsaft ohne Gentechnik aus Thüringen, oder Milch aus Hessen, für die Tegut 40 Cent pro Liter zahlt, solange die Betriebe wenigstens ein Umweltprojekt unterstützen – die Liste der regionalen Produkte und Hersteller ist lang. Ich habe sie mir mal im Detail angeschaut und nur zwei Betriebe entdeckt, die auch regionale Edeka-Märkte beliefern. Da wären einmal Fruchtsäfte Hofmann aus Nüdlingen (Unterfranken), die Bioland-zertifizierte Säfte von regionalen Streuobstwiesen produzieren und Bauer Funken in Kempen, der Edeka Kempken mit frischen Bowls beliefert.

Doch gibt es noch so viele Perlen im Tegut-Sortiment zu entdecken. Zum Beispiel Schokolade, die von der Bohne bis zum fertigen Produkt komplett in Deutschland hergestellt wird. Das ist eher selten, passiert aber in Löhne beim Familienbetrieb Meybona. Oder auch Mario Lehr, der in einem Backsteingewölbe eines ehemaligen Eisenbahntunnels in Hessen Bio-Edelpilze züchtet.

Fazit: Das Ende einer Ära

23.000 Produkte, 4.600 Bio, 1.000 mit tegut… Reinheitsversprechen (ohne Farbstoffe etc.) – das alles geht mit dem Ende von Tegut flöten. Nur wenige Produkte werden auch bei der Konkurrenz geführt, sonst muss man alternativ auf die wenigen Bio-Supermärkte im Land ausweichen. Allein 1.400 Produkte werden unter den acht Tegut-Eigenmarken geführt. Der Supermarkt setzt sich viel für Nachhaltigkeit, Fairness und Transparenz ein. Hohe Haltungsstandards, ein breites veganes Angebot, Bio auch zum kleinen Preis und trotzdem noch Premium-Spezialitäten. Doch hat das alles nicht gereicht.

Änderung bei Kaufland: Kunden bemerken es gleich hinterm Eingang

Beinahe 80 Jahre nach der Gründung in Fulda wird Tegut vermutlich schon Ende des Jahres Geschichte sein. Mit dem Verkauf der Tegut-Filialen verliert der deutsche Markt einen eigenständigen Akteur, während die Giganten Edeka und Rewe ihre Dominanz weiter ausbauen. Was für Verbraucher zunächst nach Preiskampf und Ersparnis aussieht, könnte sich langfristig zum Nachteil für Qualität und regionale Produzenten entwickeln. Der Blick richtet sich nun auf das Bundeskartellamt: Die Wettbewerbshüter müssen entscheiden, ob und unter welchen Bedingungen die Übernahme genehmigt wird. Es ist ein Wendepunkt, der die deutsche Handelslandschaft nachhaltig prägen wird.

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Bildquellen

  • taschen-in-supermaerkten: Hryshchyshen Serhii / Shutterstock.com
  • Tegut verschwindet aus Deutschland und damit auch die Vielfalt in der Lebensmittelbranche.: NShaked/Shutterstock.com

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