Am Anfang ist alles Begrüßung. Es gibt einen Bonus, manchmal hundert Euro, manchmal mehr, dazu eine Preisgarantie über zwölf Monate und das angenehme Gefühl, endlich einmal etwas richtig gemacht zu haben. Der Stromanbieter benimmt sich in dieser Phase wie ein Gastgeber, der an der Tür Sekt reicht. Nach einem Jahr kommt ein Brief, höflich formuliert, mit einer neuen Zahl im dritten Absatz. Der Sekt war im Eintritt enthalten, und der Eintritt wird jetzt nachberechnet.
So funktioniert die Treuestrafe beim Strom
Die Branche nennt das Bestandskundenpreis, Kritiker nennen es Treuestrafe. Das Prinzip ist schlicht: Vergleichsportale zeigen vor allem den Einstiegspreis, also kämpfen die Anbieter um genau diesen Moment. Wie kurz der sein kann, zeigt Check24 Mitte Oktober für Stuttgart bei 2.500 Kilowattstunden. Ganz oben stehen drei flexible Tarife, die im ersten Monat gut 70 Euro kosten und ab dem zweiten nach Schätzung des Portals 98 bis 106 Euro, mehr als die Grundversorgung mit knapp 91 Euro. Was nach dem Einstieg kommt, erscheint in keinem Ranking. Es erscheint nur auf der Rechnung, und auch dort nur für den, der sie liest.
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Wie viel das kostet, hat ausgerechnet ein Stromanbieter ausrechnen lassen. Octopus Energy hat die RWTH Aachen 2.342 Preisanpassungsschreiben aus den Jahren 2022 bis 2025 auswerten lassen, ein Zeitraum, der die Energiekrise einschließt. Das Ergebnis laut Octopus: In drei von vier Fällen stieg der Preis nach dem ersten Jahr, der Arbeitspreis im Schnitt um 13 Cent pro Kilowattstunde, und Bestandskunden zahlten durchschnittlich 47 Prozent mehr als Neukunden. Die Zahlen haben einen Haken, den die Methodik offenlegt. Die Briefe stammen überwiegend von Wechselportalen und Schnäppchenforen, wo Verbraucher sie freiwillig hochgeladen haben, und wer eine Preiserhöhung bekommt, teilt sie eher als jemand, dessen Preis gleich bleibt. Die RWTH hält die Daten nach einem Abgleich mit der Bundesnetzagentur trotzdem für repräsentativ.
Grundversorgung: Wer am häufigsten drinsteckt
Die Grundversorgung ist dabei ein Sonderfall, denn dort zahlen seit November 2022 alle denselben Preis. Sie bestraft nicht die Treue, sondern die Trägheit, und die ist ungleich verteilt. Laut Wechselmonitor 2026, einer YouGov-Umfrage, die ebenfalls Octopus bezahlt hat, stecken 18 Prozent der Haushalte in der Grundversorgung. Bei Arbeitslosen und Mietern von Sozialwohnungen sind es 28 Prozent, bei Menschen mit geringer digitaler Kompetenz 25 Prozent. Diese Gruppen sind in der Umfrage klein, die Richtung ist trotzdem eindeutig.
Rentner mit kleinem und mittlerem Einkommen landen sogar etwas seltener in der Grundversorgung als der Schnitt, dafür zählen 55 Prozent von ihnen zu den passiven Kunden, die selten oder lange nicht gewechselt haben. Von den Rentnern, die nicht wechseln, halten 81 Prozent einen Wechsel für sinnlos. Und von den Haushalten mit weniger als 1.500 Euro netto haben nur 27 Prozent in den vergangenen drei Jahren mehrfach gewechselt, ab 3.000 Euro sind es 43 Prozent. Der Markt belohnt also diejenigen, die Zeit, Nerven und eine stabile Internetverbindung haben, was eine eigenwillige Definition von Wettbewerb ist.
Post vom Ankläger
Octopus hat aus diesen Zahlen eine Kampagne gemacht: „Anlocken & Abzocken„. Samt politischer Forderungen: ein Preisdeckel für Bestandskunden, der aktuelle Neukundenpreis auf jeder Rechnung, eine regelmäßige Kontrolle der Treuestrafe durch die Bundesnetzagentur. Über die eigene Preispolitik steht dort ein Satz von bemerkenswerter Schlichtheit: „Wir machen hier nicht mit.“
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Im Herbst 2026 berichtet der Wechseldienst Wechselfabrik über Preisschreiben von Octopus an eigene Kunden. Bei einem Kunden in Ingolstadt endet am 10. November die Preisgarantie, der Arbeitspreis steigt von 29,55 auf 36,22 Cent, ein Plus von 23 Prozent. Bei einem Kunden in Stuttgart geht es von 34,41 auf 38,50 Cent. Ob das im Einzelfall stimmt, kann Octopus auf Anfrage von inside digital ohne weitere Vertragsdetails nach eigenen Angaben nicht beurteilen. Die Erklärung liefert das Unternehmen trotzdem: Wegen des Iran-Kriegs lägen die Strombeschaffungskosten 80 Prozent über dem Vorjahr. Neukunden mit Ein-Jahres-Vertrag bekämen denselben Arbeitspreis wie Bestandskunden, die am selben Tag verlängern. Dann folgt der Satz, auf den es ankommt: „Wer sich dagegen entscheidet, fällt in einen monatlich kündbaren, aber minimal teureren Tarif.“
Fairerweise: Der Ingolstädter Vertrag wurde vor dem Krieg abgeschlossen, als Strom an der Börse billig war. Nach Kriegsbeginn Ende Februar lag der Großhandelspreis für Strom laut Strom-Report zeitweise rund 45 Prozent über dem Niveau vom Jahresanfang. Die 80 Prozent von Octopus lassen sich von außen nicht prüfen, der Tarifrechner stützt aber die Richtung. Wer Mitte Oktober in Ingolstadt als Neukunde einen Zwölf-Monats-Vertrag abschließt, zahlt 36,31 Cent pro Kilowattstunde, einen Zehntelcent mehr als der Bestandskunde im Folgetarif. In Stuttgart zahlt der Neukunde 41,77 Cent, gut drei Cent mehr. In der RWTH-Auswertung taucht Octopus ohnehin nur mit drei Briefen auf. Ein Kläger, der beim Arbeitspreis selbst zulangt, ist Octopus damit nicht.
Bonus oder Treuestrafe?
Ganz ohne Treuestrafe kommt aber auch Octopus nicht aus. Sie steckt im Grundpreis. Neukunden zahlen in Ingolstadt 14,01 Euro im Monat, der Bestandskunde im Folgetarif 16,01 Euro, in Stuttgart sind es 11,04 und 13,04 Euro. Minimal teurer heißt nach telefonischer Auskunft von Octopus ein bis zwei Cent pro Kilowattstunde und etwa ein Euro Grundpreis. In den beiden Briefen sind es zwei Euro. Für ein Paar mit 2.500 Kilowattstunden macht das in Ingolstadt rund 22 Euro im Jahr gegenüber einem Neukunden, dessen Bonus nicht mitgerechnet. In Stuttgart fährt der Bestandskunde, der nichts tut, im Moment sogar 58 Euro im Jahr günstiger als ein Neukunde, weil die Neukundenpreise seit dem Brief weiter gestiegen sind. Eine Preisgarantie hat er dafür nicht.
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Bleibt der Bonus. Octopus kritisiert die Praxis, Kunden mit hohen Neukundenboni zu gewinnen, und würde eine gesetzliche Regelung, die solche Boni abschafft, nach eigenen Worten „ausdrücklich begrüßen“. Bis dahin lockt das Unternehmen selbst. Mit dem Code Octobonus, den Octopus auf der eigenen Website bewirbt, gibt es 15 Prozent Rabatt auf die erste Rechnung. Für ein Stuttgarter Paar mit 2.500 Kilowattstunden zeigt der Tarifrechner 180 Euro an. In seinem Blogbeitrag zur Kampagne räumt Octopus ein, dass solche einmaligen Neukundenboni für Unterschiede zu Bestandskunden sorgen können.
Was das heißt, lässt sich ausrechnen. Wer heute mit Code wechselt, zahlt im zweiten Jahr mindestens 180 Euro mehr, auch wenn Octopus keinen Cent an den Preisen ändert, schlicht weil der Bonus wegfällt. Umgerechnet sind das 7,2 Cent pro Kilowattstunde. Der Kunde merkt davon nur, dass die zweite Jahresrechnung höher ist als die erste. Kritiker haben dafür ein Wort. Octopus hat sogar eine Kampagne dazu.
Teurer als die Grundversorgung
Das ist weniger Heuchelei als ein Hilferuf. Ein Anbieter, der als einziger auf Boni verzichtet, taucht in keinem Ranking mehr oben auf. Also bittet er den Gesetzgeber, ihn und alle anderen davon abzuhalten.
Und dann ist da noch eine Zahl, die Octopus selbst in die Welt gesetzt hat. Im selben Beitrag nennt das Unternehmen eine Faustregel: Wer effektiv mehr als 45 Cent pro Kilowattstunde zahlt, zahlt zu viel. Bei Octopus seien es für die meisten Kunden höchstens 40 Cent. Der Beitrag stammt vom 12. März, knapp zwei Wochen nach Kriegsbeginn, und steht weiterhin online. Ein Paar mit 2.500 Kilowattstunden zahlt als Octopus-Neukunde in Stuttgart Mitte Oktober effektiv rund 47 Cent, Grundpreis eingerechnet, Bonus nicht. Dass die Regel trotzdem noch trägt, zeigt der Markt: Der günstigste über Verivox abschließbare Festpreistarif mit zwölf Monaten Preisgarantie kommt auf knapp 41 Cent, die Grundversorgung der EnBW auf 43,5 Cent. Octopus ist damit teurer als genau der Tarif, den das Unternehmen in seiner Kampagne zu den teuersten am Markt zählt. In Ingolstadt dasselbe Bild: Octopus 43 Cent, Grundversorgung der Stadtwerke 41 Cent, günstigster Festpreistarif knapp 37 Cent.
Unfair ist das nicht, nur unbequem. Grundversorger kaufen ihren Strom meist über Jahre gestreckt ein, Preissprünge an der Börse kommen bei ihnen spät an. Octopus gibt den Iran-Schock dagegen sofort weiter, an neue wie an alte Kunden. Eine Treuestrafe gibt es bei Octopus deshalb kaum, einen Lockpreis im Tarif auch nicht. Gelockt wird mit dem Bonus: Mit den 180 Euro liegt Octopus in Stuttgart im ersten Jahr 90 Euro unter der Grundversorgung, ohne ihn 90 Euro darüber. Wer heute kommt, zahlt den Preis von heute, und der liegt in Stuttgart und Ingolstadt über dem der Grundversorgung. Für die Bestandskunden aus den Briefen heißt das: Im Folgetarif zahlen sie in beiden Städten mehr, als sie in der Grundversorgung zahlen würden. Das ist konsequent. Es ist nur nicht das, was man sich unter einem Anbieterwechsel vorstellt.
Wer den Sekt bezahlt
Dass sich ausgerechnet der Kritiker dem Mechanismus nicht ganz entziehen kann, sagt mehr über den Markt als über den Anbieter. Solange das erste Jahr über die Kundschaft entscheidet und nach dem ersten Jahr kaum jemand hinsieht, ist der Bonus eine Investition und der Folgetarif die Rendite. Octopus führt Neukundenboni in der eigenen Erklärung zur Marge als Kostenposten auf. Irgendwer bezahlt diesen Posten, und die Neukunden sind es nicht.
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Eine Pflicht, Bestandskunden über günstigere Tarife zu informieren, befürworten laut Wechselmonitor 85 Prozent der Befragten. Der Verbraucherzentrale Bundesverband arbeitet sich seit Januar mit einem Gutachten an der Grundversorgung ab. Beschlossen ist bislang nichts.
Bis sich daran etwas ändert, bleibt der Strommarkt ein Ort, an dem man Treue am besten behandelt wie ein Abo, das man nie bestellt hat: einmal im Jahr hervorholen, nachrechnen und notfalls kündigen. Der Sekt an der Tür ist nicht umsonst. Die Rechnung dafür kommt nur später, im dritten Absatz eines höflichen Briefs.
Was Stromkunden tun können
- Das Ende der Preisgarantie notieren und vorher vergleichen, und zwar mit dem Preis ohne Bonus. Bei Flextarifen zählt der Preis ab dem zweiten Monat.
- Bei einer Preiserhöhung gilt ein Sonderkündigungsrecht. Die Erhöhung muss mindestens einen Monat vorher angekündigt werden, beim Grundversorger sechs Wochen.
- Nach der Erstlaufzeit sind Verträge in der Regel mit einem Monat Frist kündbar.
- Die Grundversorgung lässt sich mit zwei Wochen Frist kündigen, ohne Gebühr. Sie ist aber nicht automatisch der teuerste Tarif: In Stuttgart und Ingolstadt lag sie Mitte Oktober unter manchem Neukundentarif. Erst rechnen, dann wechseln.

