Was heute nach Alltagsfolklore klingt, war einmal ein ernst gemeintes politisches Projekt. Ende 2016 beschloss der Gesetzgeber, dass ab 2020 bei jedem Einkauf mit elektronischer Kasse ein Beleg ausgehändigt werden muss, ungefragt. Vertrauen war gestern, Kontrolle das neue Leitmotiv. Der Staat wollte sicherstellen, dass Umsätze nicht mehr so leicht am Fiskus vorbeirauschen. Egal ob für einen Wocheneinkauf, ein Brötchen oder einen Kaugummi: Wer jeden Verkauf dokumentiert, macht Schwarzgeld unattraktiver. So jedenfalls die Hoffnung.
Der Papierbon geht, die Pflicht bleibt
Das Ergebnis liegt seitdem millionenfach zerknüllt in Jackentaschen, Mülleimern und auf Supermarktparkplätzen. Kleine Betriebe klagen über Aufwand und Kosten, Umweltschützer über Papierberge, Kunden über Zettel, die sie nie gebraucht haben. Der große steuerpolitische Durchbruch? Eher schwer nachzuweisen.
Und nun die Wendung. „Wir schaffen die Bonpflicht ab“, hatten Union und SPD in ihren Koalitionsvertrag geschrieben. Am 23. September 2026 hat das Bundeskabinett einen Gesetzentwurf von Finanzminister Lars Klingbeil (SPD) beschlossen, der etwas anderes tut. Ab dem 1. Januar 2028 fällt nur die Pflicht weg, den Bon auszudrucken. An ihre Stelle tritt die Pflicht, einen digitalen Beleg bereitzustellen, etwa per QR-Code auf dem Kassendisplay, per E-Mail, Download-Link, NFC oder über ein Kundenkonto. „Wir schaffen die Pflicht für Papierbons ab. Digitale Belege werden Standard“, sagt Klingbeil. Die Bonpflicht wechselt also nur das Medium.
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Für Kunden ändert sich wenig. Niemand muss den digitalen Bon annehmen, und wer ausdrücklich einen Papierbeleg verlangt, bekommt ihn weiterhin. Endgültig ist ohnehin noch nichts, denn Bundestag und Bundesrat müssen dem Entwurf erst zustimmen. Bis mindestens Ende 2027 klebt der Verkäufer in der Bäckerei den Kassenbon also weiter mit Tesafilm an die Brötchentüte.
Was trotzdem bleiben soll
Ganz nebenbei hatte die Bonpflicht noch einen technischen Bruder im Geiste: die sogenannte technische Sicherheitseinrichtung, kurz TSE. Sie steckt seit 2020 in vielen Kassen und speichert jeden Vorgang manipulationssicher. Steuerfahnder mochten das, Gewerkschaften auch. Kritiker hielten dagegen, dass Kontrolle längst digital möglich sei, auch ganz ohne Papierauswurf. Genau darauf läuft es jetzt hinaus, nur andersherum als lange diskutiert: Digital ist der Standard, Papier gibt es auf Wunsch. Der Bon verschwindet nicht, er wird erwachsen.
Die eigentliche Neuerung zeigt in die entgegengesetzte Richtung: mehr Kasse, nicht weniger. Laut Finanzministerium sind in Deutschland noch rund 115.000 offene Ladenkassen im Einsatz, also Geldkassetten mit Strichliste oder gleich gar keine Aufzeichnung. Betriebe mit mehr als 100.000 Euro Jahresumsatz sollen ab 2028 ein elektronisches Kassensystem nutzen müssen. Wer im Jahr weniger als 12.000 Euro bar einnimmt, ist ausgenommen. Weitere Ausnahmen, etwa für Vertrauenskassen auf Selbsternte-Feldern oder die Direktvermarktung in der Landwirtschaft, sollen später per Verordnung kommen. „Ich will, dass die Ehrlichen nicht die Dummen sind“, sagt Klingbeil. Wer Software verkauft oder nutzt, mit der sich Kassendaten nachträglich schönen lassen, soll sich künftig strafbar machen.
Es war von Abschaffung die Rede …
Handel und Handwerk sind entsprechend wenig begeistert. Der Handelsverband HDE erinnert daran, dass im Koalitionsvertrag von Abschaffung die Rede war, nicht von Digitalisierung. Das Handwerk hält die Kostenschätzungen der Regierung für unrealistisch und will den Start auf 2029 verschieben. Wer keinen Bondrucker mehr braucht, braucht künftig eine Kasse, die Belege in einem standardisierten Datenformat erzeugt und ausspielt. Auch die gibt es nicht umsonst.
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Ganz ohne Kontrolle geht es am Ende also doch nicht. Kassen müssen weiterhin manipulationssicher sein, und für größere Betriebe werden sie sogar Pflicht. Aber nicht jede Pflicht, die Ordnung schaffen soll, schafft auch Ordnung. Manchmal produziert sie nur Müll. Und manchmal braucht es acht Jahre, um das zu merken. Dann schafft man sie ab, indem man eine neue einführt.
