Bisher ist Fernsehen oft eine Frage des Anschlusses. Kabel in der Wand. Schüssel auf dem Dach. Antenne am Gerät. Oder eine App für Internet-TV. Wer Live-TV über das Netz schaut, landet heute meist bei Diensten wie Waipu.tv, Zattoo oder MagentaTV. Das funktioniert. Es fühlt sich aber nicht immer wie klassisches Fernsehen an, weil du zuerst die App oder Benutzeroberfläche des Anbieters öffnen musst. Ein neuer TV-Standard bringt Internet-Streams in die gewohnte Senderliste deines Fernsehers.
Neuer DVB-I-Standard kommt
Genau hier setzt DVB-I an. Der Standard ist kein neuer Sender. Kein neues Abo. Kein Streamingdienst wie Netflix. Er soll dafür sorgen, dass Fernsehsender direkt in der normalen Senderliste auftauchen. Auch dann, wenn das Signal über das Internet kommt. DVB-I ist ein offener Standard, der Programme aus unterschiedlichen Übertragungsnetzen in einer gemeinsamen Benutzeroberfläche zusammenführen kann.
Die Bayerische Landeszentrale für neue Medien, kurz BLM, beschreibt den Nutzen so: „Für den Zuschauer fühlt sich das weitgehend wie gewohntes Fernsehen an: Fernseher einschalten, Sender auswählen, Programm ansehen.“ Genau das ist der Kern. Die Technik soll im Hintergrund verschwinden.
Du schaltest also den Fernseher ein, gehst auf TV und wählst ein Programm aus. Ob der Sender über Internet, Kabel, Satellit oder Antenne kommt, soll dich im Alltag weniger beschäftigen. DVB-I macht Kabel, Satellit und DVB-T2 nicht automatisch überflüssig. Der Standard kann sie sogar einbinden.
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Internet ergänzt Satellit, Kabel und Antenne
Die BLM schreibt auf Anfrage von inside digital dazu: „DVB-I kann vollständig über das Internet genutzt werden.“ Das heißt: Ein klassischer TV-Anschluss ist nicht zwingend nötig. Voraussetzung sind ein passendes Gerät und ein Internetanschluss. Ist zusätzlich Satellit, Kabel oder DVB-T2 angeschlossen, kann das Gerät auch diese Wege nutzen. Welche Empfangswege für ein bestimmtes Programm zur Verfügung stehen, hängt vom jeweiligen Anbieter ab.
Der Programmanbieter kann in der DVB-I-Senderliste festlegen, welcher verfügbare Empfangsweg bevorzugt werden soll. Der Fernseher wertet diese Vorgabe aus und entscheidet automatisch.
Fällt ein Empfangsweg aus, kann das Gerät auf eine andere verfügbare Variante wechseln. Zumindest dann, wenn der Sender diese Variante anbietet. Selbst auswählen kannst du den Weg nur indirekt, indem du die nicht gewünschte Quelle deaktivierst.
So kommt die Senderliste auf den Fernseher
Bei der Einrichtung verbindest du den Fernseher mit dem Internet und aktivierst DVB-I. Anschließend zeigt das Gerät die verfügbaren Senderlisten an. Auch dazu wird die BLM konkret: „In Deutschland wird es zu Beginn eine Liste geben, die einfach auswählbar ist.“ Das ist wichtig, weil DVB-I sonst schnell nach Technik für Spezialisten klingen würde. Entscheidend ist aber, ob normale Nutzer die richtige Liste ohne Umwege finden.
Diese Liste soll regionale Inhalte berücksichtigen. Dafür wählst du eine Region aus oder gibst deine Postleitzahl ein. Dann können passende lokale Programme und Regionalfenster an der richtigen Stelle erscheinen. Die Regionalisierung über die Postleitzahl gehört zu den ausdrücklich vorgesehenen Funktionen des deutschen DVB-I-Angebots.
Die Livestreams kommen nach Angaben der BLM nicht vom Betreiber der Senderliste. Die BLM erklärt, dass die Livestreams von den Servern der Inhalteanbieter selbst kommen und lediglich die Liste zentral gehostet wird. Bedeutet für dich: Die zentrale Liste sortiert und verweist. Der eigentliche Stream bleibt Sache des jeweiligen Senders.
Kosten, Konten und neue Geräte
Für frei zugängliche Programme soll grundsätzlich keine zusätzliche App nötig sein. Auch ein Benutzerkonto soll in der Regel nicht erforderlich sein. Anders sieht es bei geschützten, personalisierten oder kostenpflichtigen Inhalten aus. Dann kann der Anbieter eine Anmeldung verlangen.
Die BLM formuliert es so: „Auf einem DVB-I-fähigen Fernseher ist für den grundlegenden Empfang keine zusätzliche DVB-I-App erforderlich.“ Das grenzt den Standard klar von vielen heutigen TV-Apps ab.
Auch ein Vertrag entsteht nicht automatisch. Laut BLM gilt: „Allein durch die Aktivierung von DVB-I oder das Laden der Senderliste entsteht grundsätzlich kein gesonderter Vertrag mit DVB-I oder dem Betreiber der Liste.“ Frei zugängliche Programme können wie bisher genutzt werden.
Bei kostenpflichtigen oder zugangsgeschützten Angeboten brauchst du dagegen einen Vertrag mit dem jeweiligen Programm-, Plattform- oder Paketanbieter. Das gilt beispielsweise für kostenpflichtige Sender, HD- oder UHD-Pakete. So ist es heute auch bei Pay-TV- oder Streamingangeboten. DVB-I ermöglicht lediglich, solche Angebote technisch in die gemeinsame Senderliste einzubinden.
Für frei empfangbare Inhalte entstehen neben den Kosten des Internetanschlusses keine weiteren Nutzungskosten. Kosten kann es aber durch kostenpflichtige Inhalte oder neue Hardware geben. Denn du brauchst einen Fernseher oder ein Zusatzgerät, das den Standard unterstützt.
Nach Angaben der BLM sollen viele neue TV-Geräte DVB-I beherrschen. Erste bereits verkaufte Geräte sollen per Software-Update nachgerüstet werden können. Welche Marken und Modelle dazugehören, ist aber noch nicht veröffentlicht.
Wer beim Start dabei sein soll
ARD, ZDF, RTL Deutschland, ProSiebenSat.1 und der Branchenverband VAUNET, bei dem auch viele kleinere Sender Mitglied sind, waren nach Angaben der BLM am Runden Tisch DVB-I beteiligt. Gemeinsam mit weiteren Akteuren arbeiten sie an der deutschen Markteinführung. Damit ist davon auszugehen, dass zumindest die vier großen Sendergruppen beim Start von DVB-I in Deutschland dabei sein werden. Die Beteiligung dieser Akteure am deutschen DVB-I-Projekt wird auch in den öffentlich zugänglichen Projektinformationen genannt.
Ganz belastbar ist die konkrete Senderliste damit aber noch nicht. Denn beteiligt zu sein, heißt nicht automatisch, dass jedes Programm sofort mit jeder Funktion verfügbar ist. Die Teilnahme bleibt freiwillig. Wenn ein Sender nicht in der offiziellen deutschen DVB-I-Liste steht, erscheint er dort auch nicht über DVB-I. Er kann aber weiterhin über Kabel, Satellit, DVB-T2, eine eigene App, eine Plattform oder gegebenenfalls eine andere DVB-I-Liste verfügbar sein.
Was du jetzt wissen musst
Nach Auskunft der BLM arbeiten die Beteiligten an einem Softlaunch im Spätsommer oder Herbst 2026. Bei diesem Softlaunch sollen viele, aber noch nicht alle Inhalte und Funktionen öffentlich zur Verfügung stehen. Inzwischen nennen die offiziellen Projektinformationen September 2026 als Ziel für den deutschen Marktstart. Das wäre rechtzeitig zur IFA in Berlin, wo die ersten Fernseher vorgestellt werden könnten.
Für die meisten Zuschauer ändert sich erst einmal wenig. Wer heute über Kabel oder Satellit zufrieden ist, muss nicht sofort handeln. Interessant wird DVB-I vor allem dann, wenn du ohnehin einen neuen Fernseher kaufst oder Live-TV künftig stärker über das Internet nutzen willst.
Der große Vorteil wäre dann nicht mehr Programm, sondern weniger Umwege. Für frei zugängliche Programme keine zusätzliche DVB-I-App. Keine getrennten Welten mehr für Kabel, Satellit und Internet.
