KOMMENTAR
/News/Bahn & ÖPNV/Die Bahn hat Verspätung – und wir sind selbst daran schuld!

Die Bahn hat Verspätung – und wir sind selbst daran schuld!

6 Min. Lesezeit Teilen/Speichern
Über die Bahn zu schimpfen, ist Volkssport. Anlass dazu gibt es reichlich. Doch ein Teil der Verspätungen steigt jeden Tag selbst in die Bahn ein. Egal, ob ICE, Regio oder U-Bahn. Wir sind selbst an Verspätungen schuld.
Ein Regionalexpress in den sich noch eine Person reinquetscht (Ki-generiert)
Verspätete Züge? Wir sind oft selbst SchuldBildquelle: ChatGPT

Ein Fahrgast kommt zu spät ans Gleis. Die S-Bahn steht noch da. Also rennt er? Nein. Er schlendert. Die Bahn wird schon warten. Der Lokführer, ohnehin schon hinter dem Fahrplan, bittet ihn, sich doch etwas zu beeilen. Die Antwort: eine Beschimpfung. Der Lokführer reagiert auf seine Art. Mit einer Art Spontanstreik. Die Szene hat jemand auf LinkedIn geschildert. Darunter steht ein Kommentar, der seitdem in meinem Kopf hängt: „Einer lässt sich Zeit, viele kommen zu spät und alle gemeinsam schimpfen dann auf die Bahn.“ Besser kann man es nicht sagen.

Zuerst das Offensichtliche

Professionell war die Reaktion des Lokführers nicht, das gehört zur Wahrheit dazu. Die übrigen Fahrgäste hatten mit dem Streit nichts zu tun. Gezahlt haben sie trotzdem: mit ihrer Zeit. Aber genau das ist der Punkt: Angefangen hat es nicht im Führerstand. Angefangen hat es mit einem, der meinte, der Fahrplan gelte für alle außer ihn. Nur ein Beispiel. Ein anderes: Raucher im ICE, die am Bahnhof die Tür blockieren, um schnell aufrauchen zu können. Ein Fall aus der Praxis, der nach zwei Bahnhöfen mit unfreiwillig langen Stopps zum Einsatz der Bundespolizei führte.

Damit keine Missverständnisse entstehen: Das größte Problem der Bahn ist die Bahn. Genauer die DB InfraGO. Sie betreibt das Schienennetz. Und das ist alt und wurde jahrzehntelang auf Verschleiß gefahren. Es ist überlastet. Es ist voller Langsamfahrstellen. DB Fernverkehr kam 2025 auf eine Pünktlichkeit von 60,1 Prozent. Wer auf die Bahn schimpft und das Netz meint, schimpft zu Recht – auch wenn der Verschleiß politisch gewollt oder zumindest gebilligt war.

Das sind die Gründe

Doch es lohnt sich, genauer hinzusehen. Die Bayerische Eisenbahngesellschaft (BEG), die im Freistaat den Regional- und S-Bahn-Verkehr bestellt und kontrolliert, schlüsselt die Ursachen von Verspätungen erstaunlich detailliert auf. Das größte Problem bleibt eindeutig die Infrastruktur: 2025 gingen bayernweit 46,1 Prozent der Verspätungsfälle auf Störungen im Netz und Bauarbeiten zurück. Interessant ist aber, was direkt am Bahnsteig passiert. Bei der S-Bahn Nürnberg waren 2025 immerhin 12,1 Prozent der Verspätungsfälle sogenannte Haltezeitüberschreitungen, bei der S-Bahn München 8,8 Prozent. Zum Vergleich: Fahrzeugstörungen kamen in beiden Netzen nur auf 5,7 Prozent. Zu lange Stopps am Bahnsteig verursachen dort also deutlich häufiger Verspätungen als technische Probleme an den Zügen selbst.

Nicht alles davon ist Rücksichtslosigkeit. Oft sind die Züge schlicht zu voll, und das ist wieder ein Problem der Bahn. Aber wer zur Rushhour an einem Berliner S-Bahnhof steht, weiß: Ein guter Teil der Fahrgäste hat einen Rucksack, ein Handy in der Hand und keine Eile. Oft findet sich der Rucksack dann beim Einsteigen auch noch zwischen der Tür wieder, weil man schnell noch in den Zug springen musste, obwohl sich die Tür bereits schließt.

Drei Sekunden. Mehr nicht.

Die Tür ist der Klassiker. Das Signal ertönt. Der Leuchtstreifen wird rot. Und trotzdem schiebt sich noch ein Arm dazwischen. Oder einer stellt sich in die Lichtschranke, weil der Kumpel noch die Treppe hochkommt. Nett gemeint. Für alle anderen eine Zumutung. Bei den neuen Zügen der Berliner S-Bahn reichen drei Sekunden ohne Bewegung im Türbereich, dann schließt sie. Drei Sekunden. Mehr verlangt niemand.

Die BVG in Berlin zählt allein bei der U-Bahn rund 200 Türstörungen im Monat, viele durch mutwilliges Offenhalten. Seit Mai 2025 kostet das dort 50 Euro. Überfällig. Ob das tatsächlich geahndet wird, darf wie bei vielen Delikten in der Hauptstadt bezweifelt werden.

Und das Warten auf den einen? Ist doch nur eine Minute, sagt er. Rechne mal nach. Sitzen 500 Menschen im Zug, hat der Nachzügler gerade 500 Minuten „verbraucht“. Über acht Stunden. Ein kompletter Arbeitstag, damit einer nicht ein paar Minuten auf die nächste Bahn warten muss. Und dabei bleibt es selten. Rund 60 Prozent aller Verspätungen sind laut BEG Folgeverspätungen: Rückstau, verspätete Wenden, verpasste Zugkreuzungen. Die Minute am Bahnsteig kann der erste Dominostein sein. Denn hat ein Regionalzug Verspätung und dadurch seine freigehaltene Trasse im Netz verloren, können auf einmal andere, pünktliche Züge Vorfahrt haben. Und die Verspätung nimmt zu. Ich selbst habe das schon oft im Fernverkehr im Ruhrgebiet erlebt. Einmal verspätet, und du kannst zusehen, wie es minütlich mehr wird.

Warte auf mich, aber nur auf mich

Hier wird es wirklich absurd. Unter demselben Posting erzählt jemand von einem Bus mit 18 Minuten Verspätung. Der nächste sollte laut Plan zwei Minuten später kommen. Trotzdem verlangten Fahrgäste, dass der Fahrer noch auf jemanden wartet, der von Weitem angelaufen kam. Man muss das zweimal lesen. Oder man schaut sich in der Berliner U- und S-Bahn um, wo sich jeden Tag zig Menschen in verspätete, übervolle Züge quetschen, obwohl der nächste aufgrund der Verspätung nur ein bis zwei Minuten später folgt und herrlich leer ist.

Jeder will eine pünktliche Bahn. Außer, er ist selbst spät dran.

Dabei ist Warten nicht per se falsch. Wartet ein Zug auf einen verspäteten Zubringer mit Dutzenden Umsteigern, ist das Service. Wartet er auf einen Einzelnen, der fünf Minuten zu spät aus dem Haus ist, ist das keiner. Zumal es nie leichter war, pünktlich zu sein. Die Abfahrt steht live auf dem Handy, samt Gleis und Verspätung. Wer trotzdem zu spät kommt, hat kein Informationsproblem.

Und den Lokführer zu beschimpfen, weil er dich zur Eile bittet, während er selbst schon dem Fahrplan hinterherfährt und dir trotzdem die Chance gibt, mitzufahren? Dafür gibt es kein Argument. Nur ein Wort: unverschämt. Ohnehin ist Gewalt verbaler und körperlicher Art gegen Bahnpersonal ein zunehmendes Problem, für das es keinerlei Rechtfertigung gibt.

Der Bund steckt in diesem Jahr 23 Milliarden Euro in die Schiene. Fünf Minuten früher loszugehen, kostet dich nichts. Macht das die Bahn pünktlich? Nein. Aber ein bisschen weniger unpünktlich. Und das ist mehr, als die Infrastruktur in diesem Jahr schaffen wird.

So arbeiten wir
Unsere Redaktion recherchiert und bewertet unabhängig — nach festen journalistischen und fachlichen Kriterien. Über Affiliate-Links im Beitrag bekommen wir beim Kauf eine Provision. Für dich ändert sich der Preis nicht.

Keine Kommentare

[-AMP Version-]