Der Sportunterricht ist für viele ein Ort traumatischer Erinnerungen. Und das nicht wegen der körperlichen Ertüchtigung an sich, sondern aufgrund eines Bewertungssystems, das sich seit Jahrzehnten kaum verändert hat. Während in der Wirtschaft und Industrie die Digitalisierung Prozesse optimiert, herrscht in der Turnhalle oft noch das Gesetz der starren Tabelle. Doch genau hier setzt eine Gruppe junger Innovatoren an, die beweist, dass Technologie weit mehr ist als nur ein Spielzeug für Tech-Enthusiasten.
Blind Sonar: Wenn Technik zum sechsten Sinn wird
Während Skillfit die Fairness im Bildungssystem angreift, widmet sich das Projekt „blind Sonar“ der habric GmbH einer fundamentalen Barriere. Es geht um die Inklusion von blinden und sehbehinderten Menschen im aktiven Sport. In einer Welt, die primär visuell gestaltet ist, stellt bereits eine einfache Laufrunde im Park eine enorme Gefahr dar. Das Team hat deshalb ein smartes, textiles Stirnband entwickelt, das modernste Ultraschall-Technologie nutzt, um die Umgebung für den Träger „fühlbar“ zu machen.
Die Funktionsweise ist ebenso genial wie intuitiv. Integrierte Sensoren erfassen Hindernisse im Weg des Sportlers und wandeln diese Informationen in Echtzeit in haptisches Feedback um. Über gezielte Vibrationen am Kopf erfährt der Nutzer, wo sich ein Hindernis befindet und wie nah es ist. Dieser technologische Ansatz ermöglicht eine Autonomie, die bisher oft nur mit Begleitläufern möglich war. Es ist ein Paradebeispiel dafür, wie assistive Wearables die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben fördern können, indem sie Sicherheit vermitteln und Selbstbewusstsein stärken. Sport wird so von einer Herausforderung zu einer Möglichkeit der sozialen Integration.
CYCLE YOU: Die biologische Realität im Fokus
Das dritte Projekt, „CYCLE YOU“, widmet sich einer biologischen Komponente, die im Fitnessbereich über Jahrzehnte hinweg schlichtweg ignoriert wurde. Dabei handelt es sich um den weiblichen Zyklus. Da der Großteil aller sportwissenschaftlichen Studien und daraus resultierenden Trainingspläne historisch an männlichen Probanden durchgeführt wurde, trainieren viele Frauen heute gegen ihre eigene Biologie. CYCLE YOU bricht dieses Muster mit einer digitalen Plattform, die Training und Gesundheit endlich zyklusgerecht denkt.
Der Kern dieser Innovation liegt in der Personalisierung. Da Energielevel, Regenerationsfähigkeit und sogar das Verletzungsrisiko (beispielsweise für Kreuzbandrisse) im Verlauf des hormonellen Zyklus massiv schwanken, bietet die Plattform maßgeschneiderte Trainings- und Ernährungspläne an. Nutzerinnen lernen, in welchen Phasen sie Höchstleistungen erbringen können und wann der Körper eine aktive Regeneration benötigt, um langfristig gesund und leistungsfähig zu bleiben. Dies ist nicht nur ein Tool für den Breitensport, sondern ein wichtiger Schritt hin zu einer geschlechterspezifischen Medizin und Gesundheitsförderung, die den weiblichen Körper nicht länger als „kleine Version des Mannes“ betrachtet.
Skillfit: Der Algorithmus, der endlich die Mühe sieht
Das Team hinter „Skillfit“ aus Delmenhorst hat ein Problem identifiziert, das fast jeder aus der eigenen Schulzeit kennt: Das „Schubladensystem“ der Notengebung. In einem typischen Sportkurs treffen Schüler mit völlig unterschiedlichen Voraussetzungen aufeinander. Vom Vereinsfußballer bis zum Kind mit gesundheitlichen Einschränkungen. Kamil Adamovic, einer der Köpfe hinter Skillfit, bringt es im Podcast auf den Punkt. Es sei schlicht ungerecht, wenn nur das Endergebnis zählt, während der individuelle Einsatz unsichtbar bleibt.
Die technische Lösung des Teams bricht mit diesen veralteten Normen. Durch den Einsatz einer KI-gestützten Bewegungsanalyse wird der Fokus von der bloßen Leistung hin zur persönlichen Entwicklung verschoben. In der aktuellen Phase nutzt das System Wearables, um präzise Daten wie die Herzfrequenz, die Herzfrequenzvariabilität und die Ausdauerleistung (VO2max) zu erfassen. Anstatt lediglich die Zeit beim 100-Meter-Lauf zu stoppen, vergleicht die Software die Belastung und die Fortschritte des Schülers Woche für Woche. So wird eine Verbesserung, die für das menschliche Auge eines Lehrers bei 30 gleichzeitig trainierenden Kindern unsichtbar bliebe, plötzlich datenbasiert belegbar. Damit fungiert die KI nicht als Ersatz für die Lehrkraft, sondern als digitaler Assistent, der eine faire Kommunikation auf Augenhöhe ermöglicht.
Warum diese Start-ups den Nerv der Zeit treffen
Betrachtet man diese drei Projekte im Gesamtzusammenhang, wird deutlich, dass wir uns an einem Wendepunkt der digitalen Transformation befinden. Es geht nicht mehr nur darum, Prozesse schneller oder effizienter zu machen. Die junge Generation an Gründern nutzt Technologie als Werkzeug, um fundamentale gesellschaftliche Fragen nach Gerechtigkeit und Inklusion zu beantworten.
Dabei ist auffällig, dass alle drei Ideen aus einer tiefen Empathie für die Zielgruppe entstanden sind. Ob es der Frust über unfaire Noten, die Angst vor Hindernissen beim Laufen oder das Unwohlsein beim Training gegen den eigenen Rhythmus ist. Die Lösungen sind Antworten auf reale, schmerzhafte Probleme. Wenn Technologie so menschlich gedacht wird, hat sie das Potenzial, nicht nur den Sport, sondern unser gesamtes Miteinander zu verändern.
Der Erfolg von Teams wie Skillfit, die es von einer Idee in der Mittagspause bis ins Deutsche Haus bei den Olympischen Spielen 2026 geschafft haben, sollte uns Mut machen. Er zeigt, dass man kein Millionen-Budget braucht, um eine Lawine loszutreten. Man braucht Mut, die richtigen Partner wie Samsung im Rücken und den festen Glauben daran, dass ein Algorithmus tatsächlich die Welt ein kleines Stück fairer machen kann.
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